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Höllentrip über Hamburgs Prachtmeile

Wer in der Großstadt mit dem Rad zur Arbeit will, benötigt eiserne Nerven. Offenbar hassen die Planer die Radfahrer. Nur wer immer mit dem Schlimmsten rechnet, hat eine Chance unbeschadet anzukommen. Mein Höllentrip zur Arbeit.

Von Gernot Kramper

AOK und ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) rufen in jedem Sommer zur Aktion "Mit dem Rad zur Arbeit" auf. Die Zeit ist richtig gewählt, bei Regenwetter und Dunkelheit wird man weniger Bahn- oder Autofahrer zum Umsteigen auf den Drahtesel animieren können. Jetzt macht Radfahren Spaß, also habe ich, der stern.de-Autoredakteur, den Selbsttest gewagt, den Wagen zu Haus gelassen und mich aufs Fahrrad geschwungen. 14 Kilometer lang ist die Strecke vom Vorort Blankenese in die Hamburger Innenstadt. Die körperliche Belastung hält sich im flachen Norddeutschland in Grenzen, die Entfernung ist allerdings zu groß, um eine idyllische Route über Schleichwege zu wählen.

Nach einem kurzen Intermezzo durchs eigene Wohngebiet geht es direkt auf eine Hamburger Haupteinfallstraße: die berühmte Elbchaussee. Hier merke ich schnell, dass Radfahren in Hamburg die Hölle auf Rädern ist. Die Elbchaussee besitzt keinen Radweg im eigentlichen Sinn. Der schmale Fußweg ist allerdings größtenteils für Radfahrer freigegeben. Wer hier vorwärts kommen will, weil er sich nicht in den motorisierten Berufsverkehr traut, erlebt sein blaues Wunder. Größtenteils ist der Weg so schmal, dass man an keinem Fußgänger vorbei kommt. Daher muss man doch in den fließenden Verkehr auf der Straße wechseln. An mehreren Stellen ist die Streckenführung geradezu irrwitzig.

Kein Durchkommen auf dem Radweg

An Bushaltestellen schlängelt sich der Fahrweg als Hamburger Spezialität zwischen dem Hinweisschild für den Bus, dem Wartehäuschen und den Passagieren durch. Direkt zwischen den Pfosten hat der Lenker an den Seiten jeweils zehn Zentimeter "Luft". Auf der Strecke bis Altona - etwa 10 Kilometer - blockieren heute an fünf Stellen parkende Fahrzeuge den Weg komplett, böse Verengungen durch Falschparker nicht mitgerechnet. Besonders gern wird der Rad- und Fußweg von Lieferanten und Handwerkern benutzt. Dazu kommen noch drei Baustellen, die ein Weiterkommen unmöglich machen.

Also nehme ich die Straße. Zumindest 100 Meter. Die Sonne scheint, die Sicht ist gut, die überholenden Wagen stören nicht besonders. Aber Busse und Lkw kommen beim dichten Gegenverkehr an keinem Radfahrer vorbei. Also gebe ich ein Handzeichen, hüpfe wieder auf den menschenleeren Fußweg und lasse den Brummi vorbei. Nach ihm geht es wieder in den Straßenverkehr. Ein Sprung über den Kantstein mit dem Blick nach hinten. Kein Manöver für ungeübte Radfahrer.

Immer schön am Stau vorbei

Manchmal hat das Radlerleben auch Vorteile. Die Staupassagen auf der Fahrbahn darf ich überholen. Im Prinzip habe ich die freie Wahl: Wenn es der Platz zulässt, darf ich rechts am Stau vorbei, links dürfte ich sowieso überholen. Aber weil ich kein Rennen fahren muss, wähle ich den schmalen Fußweg. Ich bin nicht der einzige mit dieser Idee, nach wenigen Metern überholt mich messerscharf ein Vespafahrer.

Vor dem Altonaer Bahnhof stockt wieder alles. Das Materiallager einer Baustelle macht das Weiterfahren auf dem Fußweg unmöglich. Auf der Straße steht der Verkehr wegen einer Spurverengung. Danach auf der nächsten Straße das gleiche Bild. Auf der Palmaille darf niemand zwischen sieben und neun Uhr parken. Es hält sich bloß keiner daran, heute blockiert auch noch die Müllabfuhr die zweite Spur. Am Müllwagen geht es für mich locker rechts vorbei. Das Manöver ist erlaubt, aber nicht ohne Risiko. Beim Anfahren wird der Fahrer kaum mit einem Radfahrer vor dem rechten Kotflügel rechnen. Nach dem Müllwagen ist das Fahren ein Traum. Alle Autos müssen warten, bis die Kübel von fünf Häusern abgefahren worden sind. Doch an der nächsten Ampel nutzen die Fußgänger ihre Rotphase, nur weil der Radfahrer Grün hat, möchte offenbar niemand warten.

Der Müll kommt auf den Radweg

Die Straße neigt sich in einer Kurve zum Hafen, aus dem Nichts taucht rechts ein Radweg auf. An der nächsten Ampel regeln gesonderte Zeichen für Radfahrer den Verkehr. Sie sind so angebracht, dass sie ein Radfahrer beim Weg vom Hügel nicht sehen kann. Man fragt sich: Wer denkt sich so etwas nur aus? Das gelbe Warnlicht für Autofahrer signalisiert mir immerhin, dass ich Grün habe. Nach der Ampel ist es mit dem "richtigen" Radweg ohne Ankündigung vorbei. Der Weg führt über die Hafenpromenade. Ohne Fußgänger kein Problem, nur die zerbrochenen Bier- und Wodkaflaschen wollen umfahren werden. Letzter Endspurt vor den Landungsbrücken. Hier hat jemand seine alten Schilder auf der Radspur geparkt. Wenn selbst die Stadt die Radwege als Schuttabladeplatz benutzt, darf man wirklich nicht viel erwarten. Hinter der nächsten Baustelle warten Touristenbusse auf Besucher direkt neben dem Radweg. Urlauber blockieren in Gruppen den Weg, sie sind wenigstens gut zu erkennen. Fremdenführer und Fahrer springen aber auch mal, ohne zu schauen, direkt auf den Radweg. Hier ist äußerste Vorsicht angebracht.

Danach geht es wieder auf die Hafenpromenade. Anders als vorhin ist in diesem Abschnitt das Radfahren streng verboten, niemand hält sich daran, ich auch nicht.

Vor dem Verlag ein Blick auf die Uhr: Mit dem Rad bin ich jedenfalls nicht langsamer als mit dem Auto oder mit der Bahn, eher schneller. Aufregender als mit dem Auto ist das Radfahren allemal gewesen. Aber empfindsamen und unsicheren Fahrern kann ich diesen Weg bestimmt nicht ans Herz legen. Wenn sie unbedingt wollen, sollten sie direkt den Radweg an der Elbe nehmen. Auf diesem ausgewiesenen Radwanderweg ist das Radfahren allerdings auf einem Abschnitt strikt verboten, etwa einen Kilometer lang muss man schieben. Der schönere Weg dauert also sehr viel länger.

Stiefkind der Verkehrspolitik

Fazit: In Hamburg gibt es hübsche Wege für Ausflüge mit dem Fahrrad, an das Rad als alltägliches Verkehrsmittel hat man bei der Planung allerdings überhaupt nicht gedacht. Es ist nicht möglich, auf einem durchgehenden Radweg zu fahren. Mehr oder minder unvermittelt wird man alle hundert Meter auf die Fahrbahn geschubst. Beschilderung und Führung der Radwege sind generell chaotisch. Genau genommen kann man sich nur zurechtfinden, wenn der Weg bereits bekannt ist. Dass offenbar jeder, auch städtische Betriebe, die wenigen Radwege als Abstellfläche gebraucht, ist einfach ärgerlich. Damit in Hamburg das umweltfreundliche Rad also von jedermann benutzt werden kann, müsste noch sehr viel passieren. Bis dahin sollte nur der aufs Rad steigen, dem nicht bange wird, wenn er sich neben Lkw und Bussen durch den Berufsverkehr kämpft.

Ein Wort in eigener Sache:

Auch als Auto-Redakteur fahre ich regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit. Morgens und bei schlechtem Wetter benutze ich den Weg an der Elbe und setze mich über die teilweise Sperrung des Weges hinweg. Ansonsten fahre ich den Weg über die Elbchaussee, benutze aber nur die Fahrbahn. Ich bin daran gewohnt. Unsicheren Fahrern, Personen mit einem Kind als Passagier, Senioren oder Schulkindern rate ich ausdrücklich davon ab – für diese Gruppen ist der Weg zu gefährlich. Und das ist kein "Gejammer", sondern ein Skandal, weil das öffentliche Wegenetz eben nicht von allen benutzt werden kann.

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