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4. Oktober 2008, 12:33 Uhr

Autoland in Zwergenhand

Statt dick und durstig jetzt klein und sparsam. Auf dem Pariser Autosalon übertrumpfen sich die Hersteller mit jeder Menge City-Flitzern. Jedoch nicht ganz freiwillig. Brüssel zwingt zum Downsizing, denn sonst drohen ab 2012 hohe CO2-Strafen. Von Michael Specht

Begehrter Rennfloh Fiat 500 Abarth© Jacky Naegelen/Reuters

Klein ist fein. Die Minis rücken zunehmend ins Blickfeld der Käufer - nicht nur wegen der gestiegenen Spritpreise. Mehr und mehr entwickeln sie sich zum Statement intelligenter Fortbewegung. Über 15.000 dieser Kleinstwagen werden monatlich in Deutschland neu zugelassen, mehr als kompakte Vans oder Modelle der oberen Mittelklasse. 18 Prozent beträgt das Wachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Bestseller im Segment ist der Smart. Auf den Retro-Fiat 500 warten die Kunden noch immer Monate. Was macht den Reiz der Minis aus? Frank Leopold, bei Opel zuständig für "Neue Fahrzeugkonzepte", sieht bis auf die Möglichkeit, in kurze Parklücken zu schlüpfen, wenige Vorteile. "Der Grund für die hohe Nachfrage dürfte eher beim Kunden liegen. Dieser hat das Gefühl, dass kleiner automatisch auch sparsamer und praktischer bedeutet." Folglich entwickelt auch Opel ein Modell unterhalb des Agila. Glaubt man den Gerüchten, soll der Opel-Zwerg ab 2011 in Korea produziert werden. Als Antrieb ist einzig ein kleiner Dreizylinder-Benziner vorgesehen.

Autohersteller und Druck

Den Autoherstellern kommt die Mini-Mode gerade recht, sind doch die Kleinen wertvolle Kompensationsmodelle für die durstigen Luxusgefährte und dicken SUV und müssen helfen, den Flottenverbrauch zu reduzieren. Damit unmittelbar zusammen hängt der CO2-Ausstoß. Ihn plant die EU-Kommission bis 2012 bei Neufahrzeugen im Schnitt auf 130 Gramm pro Kilometer zu senken. Ein Wert, der die Autoindustrie und vor allem die Premium-Hersteller mächtig unter Druck setzt und sie zwingt, kleine, leichte und sparsame Autos zu bauen, will man hohen Strafabgaben aus dem Wege gehen.

So stellt Audi in Paris die Studie des künftigen A1 vor, der mit 3,90 Meter Länge allerdings in der Größe einem Polo entspricht und dem Sub-B-Segment damit deutlich entwachsen ist. Selbst bei BMW, wo bereits der Mini auf der Erfolgsspur fährt, plant man etwas Kleineres. "Wir gehen heute davon aus, dass wir in sieben oder acht Jahren völlig neue Fahrzeugkonzepte brauchen, gerade auch angesichts der Tendenz zu Mega-Citys", sagt der BMW-Vorstandsvorsitzende Norbert Reithofer. Auch Volkswagen bastelt eifrig an seiner "New Small Car Family". Der 3,50 Meter kurze up! soll 2010 auf den Markt kommen. Derviate vom up wird es wenig später von den VW-Töchtern Skoda und Seat geben. Geplant sind Stückzahlen von insgesamt bis zu 500 000 Einheiten im Jahr.

Ein Wagen der ganz anderen Art ist der Nissan NuVu© Remy de la Mauviniere/AP

Clever und smart: der Toyota iQ

Andere Hersteller, vor allem die japanischen, sind schneller. Den wohl cleversten Beweis liefert Toyota mit dem iQ, einem schicken Dreimeter-Winzling mit Platz für drei Erwachsene und einem Kind. Der Name ist Programm. Der smarte Japaner, der nur 4,3 Liter Benzin pro 100 Kilometer verbrauchen soll, kommt Anfang 2009 zu uns. Fachleute sagen dem iQ eine große Karriere voraus. Es ist der erste Toyota, der das Thema Lifestyle anpackt und vor allem die Yuppies (young urban professionals) im Visier hat. Und es ist das erste Auto, das über einen Heckairbag verfügt. Dies jedoch nicht ohne Grund: Die hinteren Passagiere sitzen unmittelbar an der Heckscheibe. Preislich soll der iQ bei 12 500 Euro starten.

Nissan zeigt mit dem Nuvu wie man sich individuelle Mobilität in der Großstadt künftig vorstellt. Der Nuvu - der Name steht für "new view" (neue Blickrichtung) - stellt die Studie eines Elektro-Minis dar, der ab 2011 in Serie gehen soll. Schon ab nächstes Frühjahr steht dagegen der Nissan Pixo beim Händler, ein Kleinwagen unterhalb des Micra. Der fünftürige Pixo ist baugleich mit dem Suzuki Alto, dessen Verkaufsstart ebenfalls für März angesetzt ist. Beide 3,50-Meter-Wägelchen werden bei Maruti in Indien gebaut. Damit vertreiben Suzuki und Nissan in Europa erstmals ein gemeinsames Auto. Alto und Pixo spielen jedoch nicht den trendigen Lifestyle-Typen, sondern wollen ganz normale Stadtautos sein. Als Antrieb wird es nur einen 68 PS starken Einliter-Dreizylinder-Benziner geben. Nissan verspricht einen CO2-Ausstoß von 103 Gramm pro Kilometer, also rund 4,3 Liter/100 km Benzinverbrauch. Die Preise beginnen bei rund 9500 Euro.

Geringe Margen zwingen zu Kooperationen

Viel Gewinn bleibt da nicht. Daher müssen die Autozwerge extrem kostengünstig entwickelt und produziert werden. Dies zwingt die Autohersteller - wie im Fall Nissan und Suzuki - zu Kooperationen. Suzuki scheint überhaupt ein beliebter Partner zu sein. So rollt im ungarischen Suzuki-Werk zusammen mit dem Splash bereits der weitgehend baugleiche Opel Agila vom Band. Eine neue Verbundenheit besteht auch - wer hätte dies jemals gedacht - zwischen Ford und Fiat. Gemeinsam nutzt man die technische Architektur des Fiat 500/Panda für die zweite Generation des Ford Ka (ab Februar beim Händler). Alle drei werden in Polen gebaut. Der knapp 3,60 Meter kurze Ka, bei dem die Heckansicht noch an seinen polarisierenden und über zwölf Jahre gebauten Vorgänger erinnert, soll dabei aber deutlich sportlicher fahren. Auch bei der Ausstattungsvielfalt will Ford bislang in dieser Klasse ungewohnt viel Raum für Individualisierung bieten. Preislich startet der Ka bei 9750 Euro. Dafür gibt es einen Benziner mit 69 PS, der mit 5,1 Liter zwar 21 Prozent weniger als sein Vorgänger verbraucht, aber beim Sparen der Konkurrenz hinterher fährt. Wenigstens der 75-PS-Diesel (Aufpreis 2000 Euro) soll auf 4,4 Liter kommen. Nächstes Jahr wollen die Kölner noch eine "Econetic"-Version nachschieben, die dann rund 3,7 Liter verbrauchen soll.

Von Michael Specht
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
rotuennes (04.10.2008, 17:25 Uhr)
Spielzeug?
Leider kommen die Auto-Redakteure nicht aus ihrer Spielzeugkiste. Immer noch werden sparsame Autos begrifflich runtergemacht ("Zwergenland" - bei Handies oder Notebooks macht sich niemand über Kleinheit lustig) und der sogenannte "Fahrspaß" = völlig überdimensioniere Leistung / Höchstgeschwindigkeit bleibt die Meßlatte (Fiat Abarth als Aufmacher- Bild).
Darüber muss man sich auch immer wieder in der Druckausgabe des stern ärgern. Anscheinend finden Auto-Redakteure wie Fußball-Redakteure nie aus ihrer männlich-infantilen Phase. Die Texte dieser Rubriken sind im Gegensatz zu Politik und Kultur erschreckend häufig auf Schülerzeitungsniveau (was hier in diesem Artikel allerdings nicht der Fall ist).
knilch_59 (04.10.2008, 14:29 Uhr)
Immer noch nichts gelernt!
Warum sollen denn Autos mit unter 90 PS auf City-Flitzer reduziert werden? Schluss mit der saublöden Stimmungsmache durch technikverliebte Ingenieure und leistungsgeile Motor(sport)journalisten.
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Ein 1,2 Tonnen schwerer 5-Sitzer mit 90 PS ist im zähfließenden Verkehr auf der A1 zu Normalbedingungen genauso schnell wie ein 8-Zylinder, der auf 250 km/h abgeriegelt werden muss. In 95% der realen Verkehrssituationen ergibt Mehrleistung keinen messbaren Vorteil. Weder die Grenzgeschwindigkeit auf der nassen Kreisbahn, noch das Bremsfading nach der 10. Vollbremsung aus Tempo 100 simulieren auch nur annähernd Realsituationen. Selbst das Überholvermögen auf Landstraßen im größten Gang gibt eher eine Wunschvorstellung wieder, als einen Wissensgewinn um mögliches Potenzial in einer denkbaren Verkehrssituation.
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Wir brauchen neue Testkriterien:
Kaltverbrauch auf den ersten 10 km incl. Schadstoffwerte
Ergonomiekriterien: wie schnell erreicht die Innenraumtemperatur x Grad, wie schnell sind die Scheiben frei, … und das auch nach 7 Jahren und 100.000 km. Ein ergonomischer Fahrerarbeitsplatz verhindert mehr Unfälle als ESP + ABS und die ganzen Helferlein zusammen!
Übersichtlichkeit
Komfort beim Ein- und Aussteigen
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Der theoretische Spritverbrauch nach ECE-Norm ist zwar ein Anhaltspunkt, sagt aber nur sehr wenig über reale Fahrsituationen – das ist alles nur Mentalonanie für Fachleute und EU-Bürokraten!
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