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Radfahrer kommt runter vom Radweg, erobert die Straße!

Die Hierarchie auf deutschen Straßen ändert sich – zumindest in den Städten übernehmen die Radfahrer das Kommando: Fast überall werden sie bald die Fahrbahn nutzen dürfen.

Von Stefan Schmitz

  Das Bundesverwaltungsgericht beendete 2010 die allgemeine Radwegebenutzungspflicht, die meisten Autofahrer ignorieren  

Das Bundesverwaltungsgericht beendete 2010 die allgemeine Radwegebenutzungspflicht, die meisten Autofahrer ignorieren  

Es war in München, vor über 100 Jahren, als dem Radfahrer sein Platz in der deutschen Gesellschaft zugewiesen wurde. "Oberpolizeiliche Vorschriften" bestimmten ab 1908: "Überall da, wo ein lebhafter Verkehr stattfindet, muss langsam und so vorsichtig gefahren werden, dass das Fahrrad nötigenfalls auf der Stelle zum Halten gebracht werden kann." Wann immer ein Fahrzeug kam, das typischerweise von sozial höher gestellten Persönlichkeiten genutzt wurde, hatte der Radfahrer sich fortan in die Ecke zu drücken, abzuspringen oder zu schieben.

Das war die Hierarchie auf deutschen Straßen. Sie hielt über Generationen; egal, wer gerade regierte. Heute aber kann sich der Fahrer eines Schummel-Diesels nicht mehr sicher sein, das höhere Ansehen zu genießen als der Besitzer eines Singlespeed-Bikes. Nur einen Vorteil hatte der Autofahrer bislang noch – die Fahrbahn gehörte ihm; zumindest, wenn daneben ein Radweg verlief. Doch das ist bald vorbei.

In Köln schafft eine ganz große Koalition gerade die "Radwegebenutzungspflicht" weitgehend ab. In Berlin sind 95 Prozent aller Radwege ohnehin schon unverbindliche Angebote. Und in München, der Stadt der "Oberpolizeilichen Vorschriften", klagen Radfahrer erfolgreich gegen blaue Verkehrsschilder mit dem weißen Rad darauf – erst diese Schilder machen aus einem Radweg nämlich einen benutzungspflichtigen Radweg. Weil viele Autofahrer trotzdem glauben, überall wo es einen Radweg gebe, müsse der auch benutzt werden, stellt die Stadt Hamburg neue Schilder auf: Radfahrer dürfen auf der Fahrbahn fahren, steht darauf. Sie signalisieren den Autofahrern, dass sie keinen Grund zu hupen und zu pöbeln haben, wenn jemand ihre Wege stört.

Damit wird mit fünf Jahren Verspätung Wirklichkeit, was das Bundesverwaltungsgericht 2010 festgeschrieben hat: Radfahrer sollen nur dann auf eigene Wege gezwungen werden, wenn dies zu ihrer Sicherheit nötig ist. Das ist es aber meistens nicht. Im Gegenteil.

Wer heute durch die Straßen geht, sieht die Stein gewordenen Folgen der Marginalisierung der Radfahrer. In der Mitte der Straße laufen die Fahrspuren für die Autos, dann folgt zum Rande hin Parkraum für Autos; dahinter liegen schmale Streifen für Radfahrer und Fußgänger. Die aber schützen in den meisten Fällen nicht den Radfahrer, sondern schaffen lediglich Platz in der Straßenmitte. Denn irgendwann kommt die nächste Kreuzung – und dann haben die Autofahrer die hinter dem Parkstreifen auftauchenden Radfahrer nicht im Blick, was zu verheerenden Unfällen führt. "In der beginnenden ‚dunklen’ Jahreszeit ist es umso wichtiger eine gute Sichtbeziehung zwischen allen Verkehrsteilnehmern sicherzustellen", schreibt die ganz große Koalition im Kölner Rat zur "Begründung der Dringlichkeit" ihres Vorhabens.

In der Stadt starben im September zwei Frauen, die von abbiegenden Lastwagen erfasst wurden. Ihr Tod trug dazu bei, dass die meisten Fahrbahnen nun für Radfahrer freigegeben werden. Es bewegt sich etwas, nicht nur in Köln. Amsterdam oder Kopenhagen gelten vielen Stadtplanern als Vorbilder für fahrradfreundliche Städte. Dort haben die Radfahrer das Kommando übernommen. Sie sind überall – und wer Auto fährt, muss sich behutsam seinen Weg bahnen.

Der Mann im Auto wird zumindest in den Innenstädten zur misstrauisch beäugten Figur. Er wird von Radfahrern bedrängt, darf Busspuren nicht benutzen, Parkplätze gibt es ohnehin kaum noch. Falls er seinen Status verteidigen möchte, sollte er über den Kauf eines Fahrrades nachdenken.

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