Nicht nur Kinderaugen strahlten, als die Motorrad-Gladiatoren durch den Steinbruch flogen. Der Limo-Abfüller mit Hang zum Extremsport verwandelt eine Wüste aus Kalk, Geröll und Staub in eine spektakuläre Erlebniszone. Von Frank Gerstenberg

Robbie Maddison springt unter dem Hubschrauber© Jörg Mitter/Euro-Newsroom
Christian G. staunt ungläubig, stößt ein "boah" raus und zeigt von der Tribüne 80 Meter tief nach unten. Dorthin, wo soeben ein Motorradfahrer von einer Rampe fast zehn Meter hoch gesprungen ist und sich dabei mit seiner Maschine rückwärts in der Luft gedreht hat. Wie im Fernsehen. Wie bei Evel Knievel. Das wollte er sehen. Die Werbung hatte nicht zuviel versprochen.
Vor den Sommerferien hatte er durch das Fernsehen erfahren, dass am 16. August die besten Motorcross-Artisten der Welt nach Wuppertal kommen und dort im Red Bull X-Fighters-Wettkampf gegeneinander antreten. Als seine Mutter Sonja G. ein Geschenk für das tolle Abschluss-Zeugnis der Grundschule auslobte, stand für den zehnjährigen Jungen mit den rötlichen Haaren und den Sommersprossen fest: "Ich will in den Steinbruch."
Im Steinbruch Oetelshofen im Wuppertaler Ortsteil Schöller sollte ein event stattfinden, dass es so in Deutschland noch nicht gegeben hat. Red Bull Deutschland hatte das terrassenförmige Areal für seine spektakuläre Stunt-Show ausgeguckt. "Wir hatten überlegt, was typisch ist für Deutschland und kamen auf die Industrie", sagte Claudia Memminger, deutsche Kommunikationschefin des Energy-Drink-Herstellers.
Seit 2001 veranstaltet Red Bull die X-Fighters-Serie, bei der waghalsige Motorrad-Artisten atemberaubende Tricks zeigen, ihre Maschine im Flug loslassen oder sich quer mit ihr in die Luft legen. Bislang waren die Motorradflieger in den großen Stierkampf-Arenen in Madrid oder Mexiko City, im Sambodromo in Rio de Janeiro oder im Sportstadion Warschau zu Hause. Und nun ein Steinbruch? Noch dazu einer, in dem noch gearbeitet wird? Wo es sonst auf einer Fläche von 100 Fußballfeldern nichts außer Kalk, Geröll, Staub und Bagger gibt? In dem Arbeiter jährlich 2,2 Millionen Tonnen Kalk wegschaffen, und in dem 110 Jahre lang Sprengungen die einzigen "events" waren? In dem nach Feierabend die Lichter ausgehen, und wo sich die 180 Meter tiefe Grube dann in eine dunkle Gruft verwandelt; in der die Stein- zur Schlammwüste wird, wenn es regnet?