Todesengel auf der Autobahn

22. Oktober 2012, 17:20 Uhr

Selbstmörder, die andere in den Tod reißen, rufen Urängste hervor. Dabei führen Geisterfahrten nur selten zu tödlichen Unfällen, aber Begegnungen mit ihnen sind in Deutschland alltäglich. Von Gernot Kramper

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Geisterfahrer, Unfall

Vorbild Österreich: Deutliche Warnhinweise sollen die Zahl der Geisterfahrten reduzieren.©

Bevor er starb, rief Geisterfahrer Sven M., 24, noch Verwandte an. Ihnen kündigte er seinen Selbstmord an, kurz darauf lenkte er seinen BMW in einen entgegenkommenden Skoda. In dem anderen Auto saßen ein Ehepaar (47 und 41 Jahre alt) und zwei Frauen im Alter von 39 und 27 Jahren aus dem Kreis Meschede. Beide Fahrzeuge gingen sofort in Flammen auf. DieAlle fünf Insassen, darunter auch der Unfallverursacher, verbrannten in den demolierten Wracks. Auch der Unfallhergang zeigt: Es war Absicht. Oberstaatsanwalt Werner Wolff sagte WAZ-Online: "Der Skoda fuhr rechts, der Geisterfahrer hätte auf der wenig befahrenen Autobahn ohne große Probleme auf die andere Seite ausweichen können."

Da ist er wieder, der Schrecken "Geisterfahrer". Allein im Oktober kamen zwölf Menschen bei Unfällen ums Leben, die Falschfahrer verursacht hatten. Das ist allerdings eine ungewöhnliche Häufung, so ADAC-Sprecher Otto Saalmann: "Geisterfahrer verursachen drei Prozent der tödlichen Unfälle auf Autobahnen", so Saalmann. "Das Problem ist, wenn es kracht, dann sind die Folgen meistens schwer." Mutwillige Kamikazefahrer lösen einen besonderen Schrecken aus, doch die meisten Falschfahrten werden nicht von Selbstmördern am Lenkrad begangen.

Nur selten kommt es zu tödlichen Unfällen

Die genaue Zahl der Falschfahrer ist unbekannt, auch weil viele Irrfahrten folgenlos bleiben. Der ADAC hat ermittelt, dass von Dezember 2008 bis Dezember 2009 etwa 2800 mal vor Falschfahrern im Radio gewarnt wurde. Insgesamt kam es in dem Zeitraum zu zwölf Unfällen mit 20 Toten. Angesichts von über 5000 Verkehrstoten ist die Zahl der Opfer relativ klein. Zugleich ist die Bedrohung alltäglich. 2800 gemeldete Fälle plus eine unbekannte Dunkelziffer bedeuten, dass jeden Tag mehr als acht Fahrzeuge auf der falschen Fahrbahn unterwegs sind und zumindest eine tödliche Bedrohung für andere darstellen.

Selbstmord-Geisterfahrer, die den Zusammenstoß mit anderen suchen und dabei ihr Auto als Waffe benutzen, müssen in Deutschland mit schweren Strafen rechnen, sollten sie den Unfall überleben. Im Februar 2011 ist ein Geisterfahrer, der absichtlich eine Familie auslöschte, wegen Mordes verurteilt worden. Außer den Kamikazefahrern, die bewusst den Tod in Kauf nehmen, gibt es noch Personen, die sich in psychischen Ausnahmezuständen befinden oder die unter Drogeneinfluss stehen und so auf die falsche Spur geraten. So wie die unbekleidete Geisterfahrerin aus Coburg, die den zweiten schweren Unfall im Oktober bei Bamberg verursacht hat. Dabei sind die 31-Jährige, ihre siebenjährige Tochter auf dem Rücksitz und der Fahrer des entgegenkommenden Wagens ums Leben gekommen.

Hauptursache ist Alkohol am Steuer

Nach einer Studie des KFV (Kuratorium für Verkehrssicherheit) aus Österreich ist Alkohol- oder Drogenmissbrauch am Steuer die Hauptursache für Geisterfahrten. Hierauf sollen 50 Prozent aller Fälle zurückgehen, in 30 Prozent sind die Fahrer von der Verkehrssituation überfordert gewesen. Immerhin 20 Prozent der Falschfahrten entstehen absichtlich. Gemeint sind Fahrer, die rückwärtsfahren oder wenden, weil sie eine Abfahrt verpasst haben. Dieses hohe Risiko für sich und andere wird meist aus ganz banalen Gründen eingegangen. Etwa weil man den Umweg von wenigen Kilometer zur nächsten Abzweigung vermeiden will oder weil ein Regenschirm auf dem Parkplatz vergessen wurde.

Durch bessere Hinweisschilder oder klarere Verkehrsführungen will man den 30 Prozent Überforderten zur Seite stehen. Eine Möglichkeit wird seit Dezember 2010 in Bayern bei einem Feldversuch getestet. Auf der Autobahn A8 München-Salzburg sind an acht Ausfahrten Warntafeln angebracht. Auf einem signalgelben Schild sehen Autofahrer, die in falscher Richtung auf die Autobahn wollen, eine schwarze Hand mit den Hinweisen "Stop" und "Falsch". Der Modellversuch folgt dem Vorbild Österreichs, wo es solche Schilder schon seit rund 20 Jahren gibt. An besonders gefährdeten Anschlussstellen könnte in Zukunft auch ein sogenanntes Ghost Rider Information System (GRIS) eingeführt werden. Mikrowellen würden dann Fahrzeuge erfassen, die falsch auf die Autobahn einbiegen und Alarm bei der Polizei auslösen.

Es kann jeden treffen

"Ich warne davor, Falschfahrer einzuteilen in die Kategorien Suizidtäter oder senile Alte oder betrunkene, junge Autofahrer", sagte Rainer Hillgärtner vom Auto Club Europa (ACE). Tatsächlich kann jeder Verkehrsteilnehmer zum Geisterfahrer werden. Zu den irrtümlichen Fahrten kommt es meist, wenn nachts wenig Verkehr herrscht, vorausfahrende Autos also nicht die Richtung vorgeben. In Rheinland-Pfalz haben sich vor einigen Jahren zwei Polizisten verfahren. Als sie ihren Irrtum erkannten, wendeten sie auf einer vermeintlichen Landstraße. In Wirklichkeit handelte es sich jedoch um eine mehrspurige Bundestraße, die in der Mitte geteilt war. Die Polizisten setzten ihre Rückfahrt daher unwissentlich auf der Überholspur fort, solange bis sie in ein entgegenkommendes Auto prallten. Beide starben.

mit Agenturen
 
 
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