Radfahrer haben keinen Airbag und wollen keinen Helm tragen. Wilhelm Hörmann, Verkehrsreferent beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club, sagt, warum er gegen eine Helmpflicht ist. Und erklärt, wieso sich Radfahrer auf den Straßen richtig breit machen sollen.

Diese Fahrradidylle gibt es nur bei Sonderveranstaltungen© Jens Ressing/DPA
Anders als häufig berichtet, hat sich die Rechtsprechung in Sachen "Helmpflicht" nicht gravierend verändert. Der Helm ist nicht Vorschrift. Die Urteile, die angeführt werden, behandeln sehr unterschiedliche Fälle und müssen sehr differenziert betrachtet werden.
Nein: An der grundsätzlichen Schuldfrage des Unfalls ändert sich nichts, egal ob der Radfahrer mit oder ohne Helm unterwegs ist.
Der ADFC empfiehlt natürlich, einen Helm zu tragen. Er schützt den Kopf. Bei Unfällen kann das lebensrettend sein. Aber was manchmal vergessen wird: Der Helm ist kein Allheilmittel. Und ein Helm verhindert keinen einzigen Unfall. Untersuchungen in Groß Britannien legen sogar die Vermutung nahe, dass eine Helmpflicht auch zu mehr Unfällen führen könnte. In Videobeobachtungen will man dort festgestellt haben, dass Autofahrer mit geringerem Abstand überholen, wenn der Radfahrer einen Helm trägt.
Das Wichtigste ist: Immer für andere sichtbar sein. Dazu benötigt man natürlich eine einwandfreie Technik. Die Beleuchtung muss funktionieren.
Leider. Das Licht am Rad muss funktionieren, Punkt. Da darf man nicht sparen. Es gibt heute gute Nabendynamos und automatische Lichtanlagen, die sich selbst bei Dunkelheit einschalten. Die halten ewig, aber Aufstecklichter verschwinden bei Kindern sehr schnell. Kaufen Sie gute Bauteile für Ihre Kinder, das zahlt sich auf Dauer aus. Schaltung und vor allem Bremsen müssen funktionieren. Eltern sollten sich nicht darauf verlassen, dass Kinder Alarm schlagen, wenn etwas nicht funktioniert. Kinder fahren auch ohne Bremse.
Zum "sichtbar Fahren" trägt das eigene Verhalten bei. Fahren Sie möglichst geradlinig und vorhersehbar. Fahren Sie nicht in Schlangenlinien in Parklücken, halten Sie immer Abstand von parkenden Autos.

Im Getümmel des Verkehrs© Theo Heimann/DDP
"Möglichst" bedeutet hier: ohne die Sicherheit zu gefährden. Wenn Sie an parkenden Autos vorbei fahren, sollten sie immer soviel Abstand lassen, dass Sie nicht in eine sich plötzlich öffnende Tür fahren. Kaum ein Autofahrer achtet beim Aussteigen auf Fahrräder. Wer sich am Fahrbahnrand möglichst "unsichtbar" macht, handelt rücksichtsvoll, weil er andere vorbei lassen möchte, geht aber ein hohes Risiko ein. Unser Rat: Fahren Sie eher in der Mitte der Fahrbahn, dann muss Sie der Autofahrer richtig überholen. Sonst denkt man als Autofahrer leicht: "Das passt noch." Und hält dann keinen Abstand ein.
Die Gerichte sagen 1,5 Meter Abstand vom Radfahrer bei innerstädtischen Bedingungen. Abstand vom "Ellenbogen". Das ist relativ viel, aber als Autofahrer muss ich immer mit schwankenden Bewegungen des Radfahrers rechnen. Bei Kindern wird mir sogar noch weit mehr Vorsicht abverlangt. Natürlich wissen wir alle, dass dieser Abstand meistens nicht eingehalten wird.
Dann wird nachgemessen, dann zählen diese Werte ohne Abstriche. Vor Gericht wird man als Autofahrer kaum sagen können: "1,5 Meter Abstand? Das halte ich nie ein."
Eine mögliche Helmpflicht sehen wir als Verband sehr kritisch. Wegen der Sicherheit ist ein Helm zu empfehlen. Fahrradfahren soll aber eine normale Alltagstätigkeit bleiben. Bei Sportlern ist das anders, aber wenn man an der Eisdiele oder an der U-Bahn Station vom Rad absteigt, dann möchten Jugendliche und auch Erwachsene keine Dinge wie einen Helm mit sich herumtragen. Man möchte sich auch nicht umziehen. Radhosen, Helm, Warnwesten und Handschuhe das ist alles "sinnvoll", wird aber im Alltag nicht akzeptiert.
Gerade junge Leute wollen so etwas nicht. Wenn Schutzkleidung Pflicht wird, nehmen die Sportler die Vorgaben an, aber die normale Bevölkerung wird abgeschreckt. Beim Mofa führte die Helmpflicht dazu, dass es praktisch aus dem Straßenverkehr verschwunden ist.
Ganz einfach, dass weniger Rad gefahren wird. Das Fahrrad gehört für die meisten Kinder heutzutage noch ganz selbstverständlich zum Leben dazu. Und das ist gut, denn umweltfreundlicher und gesünder kann man kaum unterwegs sein. Dafür muss ein Fahrrad aber ein normales Gebrauchsgut im Alltag bleiben und darf nicht den Nimbus eines gefährlichen Sportgeräts bekommen.