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Prügelknaben vor der Rente

Sie leiden klaglos für uns und lassen sich Arme und Beine einquetschen. Doch die Ära der Crashtest-Dummies geht zu Ende: In der Zukunft wird der Unfall virtuell simuliert.

  Leiden ohne zu Bluten: der Alltag eines Crashest-Dummy

Leiden ohne zu Bluten: der Alltag eines Crashest-Dummy

Jeder kennt sie: Die menschenähnlichen Puppen, die bei einen Crashtest im Auto Platz nehmen, und dann für den Menschen, an einen Block zu knallen. Alle, die schon einmal einen schweren Unfall überstanden hat, haben ihr Überleben vermutlich dem Herren Hybrid III zu verdanken. Die humanoide Puppe ist der am meisten verbreitete Crashtest-Dummy überhaupt. An ihm und seinen Sensoren wird überprüft, wie sich der Unfall tatsächlich auswirkt.

Der erste Dummy wurde zwar schon 1949 in der Nachkriegszeit für die Luftfahrindustrie entwickelt, dennoch dauerte es bis Ende der siebziger Jahre bis Sensorik und Realismus der Kunstmenschen für die Unfallforschung ausreichten. Bis dahin behalf man sich bei Versuchen mit menschlichen Leichen und lebendigen Schweinen. Gewiss eine unappetitliche, aber auch ungenaue Angelegenheit. Hybrid III kam 1976 auf die Welt und war ein typischer Amerikaner: männlich, 1,80 Meter groß und 77 Kilogramm schwer.

Inzwischen hat jeder Autohersteller eine eigene Puppenstube unterschiedlicher Dummies. Es gibt Männer, Frauen, Kinder und auch Fußgänger mit besonders sensiblen Beinen. An allen wichtigen Körperteilen sind die Dummies mit Messsonden gespickt. Sie protokollieren die einwirkenden Kräfte während des Unfalls. Innerhalb einer Sekunde müssen Zehntausende von Werten verarbeitet werden. Aus den Messkurven lesen die Unfallexperten später ab, ob es nur ein paar blaue Flecken oder lebensgefährliche Verletzungen gegeben hätte. Ein Dummy hat eine stabilere Konstitution als der Mensch: Die bis zu 250.000 Euro teure Puppe übersteht die schlimmsten Unfälle ohne Schaden. Nach getaner Arbeit wird die Puppe gereinigt, überprüft und neu kalibriert.

Doch die Zeit der leidensfähigen Puppen geht zu Ende. Unfallforscher sind mit den Ergebnissen nicht zufrieden. Donald Friedman vom Center for Injury Research in Kalifornien hat festgestellt, dass Unfälle in der Praxis weitaus größere Verletzungen hervorrufen, als die Versuche mit Dummies nahelegen. Für die Diskrepanz macht Friedman den Unterschied zwischen Dummy und normalem Insassen verantwortlich. Ihm zufolge habe man Hybrid II am Muster junger, durchtrainierter Marinesoldaten entwickelt - sportlich muskulösen Männern, die zudem wussten, mit welcher Körperhaltung sie einen Aufprall am besten überstehen würden. Realitisch ist das nicht. Zwar gibt es inzwischen ganze Dummiefamilien, aber auch mit einer größeren Bandbreite an Puppen wird man die reale Vielfalt der Insassen nicht abbilden können.

Realismus aus dem Computer

Die Zukunft gehört virtuellen Unfallopfern. Mit ihnen hofft man, realistischere Abbilder des menschlichen Körpers herzustellen. Ein Projekt ist das Global Human Body Models Consortium (GHBMC). Unfallforscher Scott Gayzick von GHBMC erklärt auf der Webseite, dass es das Ziel sei, detaillierte Abbilder individueller Personen zu erschaffen, um so die Bevölkerung nachzubilden. Das Projekt ist mitten auf dem Weg, aber "noch spielen wir Dr. Frankenstein". Der viruelle Dummy soll wesentlich komplexer werden, als sein realer Vorgänger. Der Crashtest-Dummy ist innerlich nämlich kein Abbild des menschlichen Körpers - die frappierende Ähnlichkeit beschränkt sich auf das Äußere. Im Inneren messen die Sensoren lediglich die einwirkenden Kräfte, aber ob sich etwa brechende Knochen in Organe bohren, lässt sich am Dummy nicht feststellen. Einen komplexen Verletzungsablauf kann man so nicht simulieren.

Außerdem sind die Anzahl der Versuche mit Puppen begrenzt - schließlich wird jedes Mal ein Fahrzeug vernichtet. Ein virtuelles Modell ermöglicht dagegen eine unendliche Zahl von Crashtests. Anstatt eines Norm-Unfalles können viele Szenarien simuliert werden - und das sogar mit verschiedenen Insassen. Und natürlich benötigt der virtuelle Dummy kein echtes Autos. Das heißt, ein Crashtest kann schon in der Planungsphase absolviert werden.

Auch das ist ein Vorteil der virtuellen Abbilder. Die Zeit der echten Dummies läuft ab, für sie wird es Zeit, sich auf die Rente einzustellen.

Gernot Kramper
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