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29. April 2009, 18:20 Uhr

Elfe aus Öl und Stahl

Nur Mädchen, die mit "Hotwheel"-Autos statt mit Barbies spielen, dürfen später an PS-Monstern anstatt am Ikea-Regal herumschrauben. Alexandra Lier brennt für schnelle Autos, die Männer, die dazugehören, und greift ihrem Barracuda gern mal in die Eingeweide.

Starke Frau: Wrestlerin Vanessa© Alexandra Lier

Roter Ledersitz, die blonden Haare im Wind, die Augen hinter der Gucci-Sonnenbrille: Alexandra Lier, Artdirektorin und Fotografin aus Hamburg, geht mit verschärftem Auftritt an den Start. Wenn die sportliche Blondine mit ihrem papyrusweißen Plymouth Barracuda aus dem Jahr 1967 auf den Strassen um Hamburg cruist, verdrehen Männer ihre Köpfe.

"Geile Kiste!", zwitschert der junge Tankwart. "Hab ich noch nie gesehen, ist das ein alter Opel?" Okay, netter Versuch, Bubi. In der Tat sieht das alte Rekord Coupé dem Plymouth entfernt ähnlich und vom weiten kann man das kreisrunde Symbol mit dem Barracuda für einen Blitz halten. Aber nur, wenn man keine Ahnung hat. Der Coolness Faktor ist jedenfalls gewaltig, wenn Alexandra die gewaltige Haube öffnet und einen tiefen Zug Motorduft einatmet.

Alexandra Lier hat einen Fotoband herausgebracht. In fünf Kapiteln widmet sie sich den "speedseekers", den Männern, die von und für Autos leben. Männer, deren Leidenschaft das Schrauben und das Basteln ist. Und das Rennen, denn die getunten Motoren röhren und rennen auf dem großen Salzsee, dem "saltlake" in der großen Ebene zwischen Utah und Nevada.

Knorrige Typen: Rennen auf dem Salzsee© Alexandra Lier

Alexandra, wie sind Sie zu diesem, für eine Frau außergewöhnlichem Hobby gekommen?

Ich hab mir mit 14 Jahren einen Kontrabass geschnappt und in einer Band Rock'n Roll gespielt. Nebenbei hab ich alles gesammelt, was aus den Fifties kam. Klamotten, Möbel, Platten, einfach alles. Eines Tages ist mir in einem Secondhand Plattenladen eine Scheibe entgegengeflattert, wo auf dem Cover Dragracing Autos abgebildet waren. Und auf der Platte röhrten die Motor Sounds von diesen Rennwagen. Das hat mich sofort fasziniert. Zu der Zeit gab es den Kult um die Rennschlitten hier in Deutschland noch gar nicht.

Ein Plattencover war der Einstieg in die Autoszene?

Ich hab dann angefangen, alles zu sammeln, was mit Autos zu tun hatte. Als ich 18 war, hab ich mir einen Karmann Ghia gekauft.

Eine hübsche Anschaffung zum 18ten. Fanden Ihre Eltern den Autowahn im Mädchenzimmer nicht sehr ungewöhnlich?

Das war ja nicht nur die Autos. Ich hab angefangen Punk Rock zu machen und hing in einer Szene ab, wo alte Autos "rumstanden" und wo man an denen rumgeschraubt hat. Ich hatte ein altes Motorrad, eine Yamaha XT 500. Den Motor hab ich regelmäßig auseinander und wieder zusammen gebaut. Das wurde zu einem Teil meines Lebens.

Abhängen mit Motoren-Puzzle am Abend und dazu die richtige Musik?

Ja, Surfmusik, Punk Rock und Rock´n Roll. Surfen gehört dazu. Es war wie eine Sucht, sobald ein altes Auto um die Ecke bog oder ein altes Motorrad hab ich vor Freude geschrieen und mich gefreut. Genau das war mein Traum, diese Autos wollte ich fahren und selbst dran schrauben.

Wie reagieren die Jungs, wenn das blonde German Frollein mit der Kamera in eine Werkstatt voller Männer kommt?

Tja, die lassen nicht jeden in ihren Hinterhof. Das war eine Mischung aus Glück und Beharrlichkeit. Anfangs waren einige ein bisschen arrogant, aber wenn sie merkten, ich hab mehr Ahnung, als sie dachten, dann waren sie ganz schnell still. Zweitens: Ich kenne mittlerweile so viele Leute in den USA, dass mich die Jungs weiterrreichen: "Heh, das ist die Alex aus Deutschland und nicht irgendeine Blondine."

Speedseekers

Speedseekers Alexandra Lier
Gingko Press
Corte Madera 2008,
276 Seiten
39.90 Euro

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
Eisenbaer (29.04.2009, 18:55 Uhr)
Schon bei der Einführung der Pontonkarosserie...
...zu Anfang der 50´er Jahre sprachen die damaligen Enthusiasten davon, dass die "neumodischen" Wagen nunmehr von vorne und hinten gleich aussähen und dass die klassische Silhouette dadurch zerstört worden sei.

In Wahrheit aber ist es einfach nur so, dass sich jede Genration die eigenen Autos schafft und dass es immer Menschen geben wird, die am scheinbar "Althergebrachten" festhalten möchten, die Tatsache ignorierend, das einst auch dieses in jungen (Bau)Jahren das (noch) Ältere verdrängt hatte.

Auch nett ist es zu sehen, wie diese scheinbaren Traditionalisten die alten Wagen aber nicht im ursprünglichen Zustand belassen können, sondern diese mit allerlei unnötigem Zierrat zu einzigartigen "Kunst"-Werken aufpeppen (müssen). Diesen Widerspruch zwischen ihren Worten und ihren Handlungen sehen die meisten aber nicht.

Auch schön ist zu sehen wie die Hod-Rod-Schrauber ihre Zusatztanks in der heutigen Zeit auf die Räder stellen. Wenn man diese neuartigen Kreationen mit den ursprünglichen Erzeugnissen aus den vierziger und fünfziger Jahren vergleicht, dann fällt einem sofort auch hier die "neumodische" Formensprache auf. Und so gilt denn selbst hier, dass sich jede Generation ihre eigenen, ganz individuellen Fahrzeuge aufbaut und auch hier die Form des Älteren verdrängt.

Es kommt eben kein Mensch aus seiner Haut heraus und kann sich dem Zwang zur Gruppendynamik entziehen. Nicht einmal im Lager Nonkonformisten... ;-))
 
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