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Ohne Helm zum Freiwild erklärt

Eine achtlos geöffnete Autotür fegt eine Frau vom Rad. Für die Folgen sei sie zum Teil selber schuld, weil sie ohne Helm fuhr, urteilt das Oberlandesgericht Schleswig. So werden Opfer zu Tätern.

Ein Kommentar von Gernot Kramper

  Nichts falsch gemacht, aber trotzdem Schuld. Das Urteil aus Schleswig hat schwerwiegende Folgen für Radfahrer.

Nichts falsch gemacht, aber trotzdem Schuld. Das Urteil aus Schleswig hat schwerwiegende Folgen für Radfahrer.

Eine 58-Jährige fährt auf dem Radweg - korrekt und nichts Böses ahnend. Unmittelbar vor ihr öffnet eine Autofahrerin die Tür ebenso acht- wie rücksichtslos. Wer denkt auch schon daran, dass auf dem Radweg mal ein Fahrrad kommen könnte? Die Radlerin stürzt und verletzt sich schwer, auch am Kopf. Ein zweimonatiger Krankenhausaufenthalt und weitere ambulante Behandlungen waren die Folge.

Kaum jemand trägt einen Helm

Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Schleswigs ist die Radfahrerin an dem Unfall zwar vollkommen schuldlos, die Verletzungsfolgen muss sie sich aber zum Teil selbst zuschreiben. "Die Fahrradfahrerin trifft ein Mitverschulden an den erlittenen Schädelverletzungen, weil sie keinen Helm getragen und damit Schutzmaßnahmen zu ihrer eigenen Sicherheit unterlassen hat", heißt es in der Begründung.

Diese Pflicht wird ihr auferlegt, obwohl sie rechtlich gesehen gar nichts falsch gemacht hat, denn in Deutschland gibt es keine Helmpflicht für Radfahrer. Um es klar zu sagen: Fahrradfahrer sollten aus Eigeninteresse unbedingt einen Helm tragen, denn er schützt die Gesundheit. Nur etwa zehn Prozent der Radler hierzulande tragen einen Helm, es ist also nicht die Norm, sondern die Ausnahme. 90 Prozent ohne Helm hat das Gericht kein Verständnis. "Grundsätzlich [kann] davon ausgegangen werden, dass ein verständiger Mensch zur Vermeidung eigenen Schadens beim Radfahren einen Helm tragen wird", heißt es in dem Urteil weiter.

Die Täter sparen Geld

Unschuldig ist man in Augen der Richter offenbar nur, wenn man alles unternimmt, um sich vor dem Fehlverhalten anderer zu schützen. Macht man das nicht, sind die Missetäter oder ihre Versicherung fein raus.

Wenn jeder wegen einer denkbaren Kopfverletzung einen Helm tragen sollten, wieso sollte er sich nicht durch Polster vor den viel häufigeren Gelenkverletzungen schützen? Inliner machen das schließlich auch. Und auch die Wirbelsäule könnte durch Rückenprotektoren geschützt werden. Die Liste ließe sich endlos verlängern. Das Schleswiger Urteil bedeutet in der Konsequenz: Radfahrer sind Freiwild geworden. Sollte sich die Rechtsauffassung durchsetzen, müssen Radler nun bei jedem Unfall damit rechnen, auf den Behandlungskosten sitzen zu bleiben, weil sie irgendeine Vorsichtsmaßnahme unterlassen haben.

Sonderrecht gegen Radfahrer

Besonders empörend ist die Einseitigkeit der Richter. Der Frau auf dem Rad wird das Fehlen des Helmes angekreidet. Aber wurde einem Autofahrer jemals vorgehalten worden, dass er in einem älteren Auto seine Gesundheit leichtsinnig aufs Spiel setzt? Man stelle sich vor, einem Unfallopfer im Golf II würde die Entschädigung versagt, weil er in seiner alten Gurke mit normalen Gurten, ohne adaptive Kopfstützen, mit nur wenigen Airbags und einer unsicheren Zelle zwar schwer verletzt wurde, ein Experte aber vorrechnet, dass der gleiche Unfall in einer neuen E-Klasse nur zu Kratzern geführt hätte.

So ein Urteil würde einen Sturm der Entrüstung hervorrufen und Verkehrsminister Ramsauer würde den Richtern als Erster die Leviten lesen. Undenkbar im Autoland Deutschland. Aber gegen andere Verkehrsteilnehmer schwingt das Schleswiger Urteil die Peitsche: Heute sind es die Radfahrer, morgen kommen Fußgänger dran. Etwa wenn sie in der Dunkelheit keine signalfarbenen Westen tragen. Eine Leuchtweste für zwei Euro ist doch wohl jedem zuzumuten?

Und das Ganze ergeht im Namen des Volkes. Doch für wen spricht dieses Gericht wirklich? Wer profitiert von dem Urteil? Die Antwort ist einfach: die Versicherungen. Denn sie müssen jetzt weniger zahlen und werden das Urteil wegen der Signalwirkung bejubeln. Je höher Anforderungen an den Bürger zum aktiven Selbstschutz werden, umso mehr Opfer werden nachträglich zu Mittätern gemacht - und jedes Mal spart die Assekuranz Therapiekosten und Entschädigungen.

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