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Preisverfall und Aktionismus

Riesige Halden von Ladenhütern, Händler vor dem Ruin - der US-Automobilindustrie geht es so schlecht wie noch nie in ihrer Geschichte. In einer dreiteiligen Serie analysiert stern.de-Autor Helmut Werb die Auswirkungen der Dauerkrise, die auch Deutschland treffen werden.

Seit die Benzinpreise in den bis dato autovernarrten USA in Höhen gerückt sind, die für Amerikaner bislang undenkbar waren, verändert sich die Einstellung der US-Verbraucher zu ihrem bislang liebsten Spielzeug, dem Automobil - und damit auch ihr Kaufverhalten. Der Boom der spritschluckenden SUVs ist bei Preisen von vier Dollar pro Gallone (etwa 0,80 Euro pro Liter) vorbei, doch die Folgen der Dauerkrise drohen die Szenerie auf dem amerikanischen Automarkt dauerhaft zu verändern. Und wer denkt, dass uns in Deutschland sowas kalt lassen kann, ist sich der globalen Vernetzung der amerikanischen Auto-Konzerne nicht bewusst.

Die Vorstände der US-Automobilhersteller müssen sich vorkommen wie der Kapitän eines riesigen Öltankers, der auf offener See eine Vollbremsung versucht - sowas geht nicht mal eben auf die Schnelle. Lange Produktionsvorläufe bescherten den Autohändlern von Miami bis Los Angeles schwer verkäufliche Halden von bislang erfolgreichen Modellen wie dem Ford Explorer, vor kurzem noch das meistverkaufteste Sports Utility Vehicle der Geschichte. Im Juli dieses Jahres konnte Ford von seinem ehemaligen Bestseller gerade mal 5404 Stück absetzen. Den Konkurrenten General Motors und Chrysler geht es nicht besser. Im Juli hatten die GM-Händler einen Bestand ihrer einst beliebten Yukon/Suburban-Modelle auf Halde, der für 174 Tage ausreichte, deutlich höher als die normalen 92-Tage-Bestände noch vor einem Jahr.

Händler stehen vor dem Ruin

Viele Händler stehen vor dem Ruin, besonders in ländlichen Gegenden, wo bisher die meisten Trucks und SUVs verkauft wurden, und bieten ungeheure Rabatte, zusätzlich zu den generösen Discounts, die von den Herstellern angeboten werden. "Wir kriegen die Dinger einfach nicht mehr vom Hof", klagte ein Verkäufer von Buerge, einem der grössten Ford- und Chrysler-Händler in Los Angeles. "Wir werden für 2009 erst mal nichts bestellen", sagte ein Chevrolet Händler im US-Bundesstaat Illinois.

Sowas kostet richtig Geld. General Motors musste aufgrund der fallenden Preise 716 Millionen Dollar Verlust auf seinen schwer verkäuflichen Fahrzeugbestand abschreiben. Es kommt noch schlimmer. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt sind große Autos nicht mehr loszuschlagen. Das bedeutet: Die Hersteller müssen hohe Verluste bei ihren Leasing-Fahrzeugen - in den USA über die Hälfte des Marktes - einstecken, denn Leasing-Raten werden auf der Differenz aus Neuwagenpreis und Wiederverkaufswert berechnet. Fällt der Wiederverkaufswert, bricht das Kartenhaus zusammen. Chrysler hat als Erster die Notbremse gezogen und sich seit dem 1. August 2008 gänzlich aus dem Leasing-Geschäft zurückgezogen. Und Ford schrieb atemberaubende 2,1 Milliarden Dollar Verlust aus dem Leasing-Geschäft ab. General Motors steckte 1,5 Milliarden Dollar in Leasing-Unterstützungszahlungen weg.

Kleinwagen verzeichnen grosse Erfolge

Das hat - man sollte es nicht glauben - auch seine guten Seiten für den Konsumenten. Ein persönliches Beispiel: Ich fuhr einen Jeep Cherokee in der SRT-8 Sportversion, ein wirklich gutes Fahrzeug mit superben Fahrwerten und in absoluter Vollausstattung, in den USA locker "christmas tree" genannt, inklusive Navigation, Ledersportsitzen, DVD-Spieler und teuersten Felgen, allerdings auch mit Verbrauchswerten von über 20 Liter auf 100 Kilometern gebeutelt, ein Auto, das per Listenpreis nicht einmal 48.000 Dollar kostet. Ich besuchte damit mehrere Händler in Los Angeles, und fragte, wieviel ich denn für einen gleichwertigen SRT-8 hinlegen müsste - das beste Angebot lag bei 35.000 Dollar Neupreis von einem Händler in einem Vorort von Los Angeles. Beim heutigen Umrechnungskurs also runde 24.000 Euro! Da kann man schon den einen oder anderen Tank vollmachen.

Die amerikanischen Hersteller versuchen indes verzweifelt, die Verluste durch eine schleunigst überarbeitete Modellpolitik zu korrigieren. Ford scheint im Augenblick die Nase vorn zu haben. Der Ford Edge, ein äußerst gelungen designter Crossover, entwickelt sich langsam zum Hit, der Flex, ein futuristischer Minivan hat beeindruckende Vorbestellungen. Auch General Motors sieht ein wenig Land, das neue Malibu verkauft sich ordentlich, vor allem seit die US-Modelle neuerdings mit Vierzylindermotoren und Vollausstattung angeboten werden, eine Kombination, die bislang gar nicht angeboten wurde. Die grossen Erfolge verzeichnen aber die Kleinwagen, wie der Ford Focus oder der Chevy Aveo, die von den europäischen und asiatischen Tochterfirmen entwickelt und zumTeil auch gebaut werden.

Helmut Werb, Los Angeles

Lesen Sie am Mittwoch im nächsten Teil der Serie, mit welchen Strategien die Automobilkonzerne der Krise begegnen wollen - und warum der Opel Astra zum Retter von General Motors werden könnte

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