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Milliarden-Spritze für kränkelnde Giganten

Kaum hat die US-Regierung kollabierte Immobilienbanken mit Milliarden-Geschenken aus dem Schlamassel gezogen, ruft die nächste Branche nach der Rettungsleine aus Steuergeldern - die amerikanische Autoindustrie erhält eine 25-Milliarden-Spritze, um wieder auf die Beine zu kommen. Aber sie fordert mehr.

Von Helmut Werb

Ausgerechnet im Land der unbeugsamsten Kapitalisten wird der Ruf nach dem Staat immer lauter, wenn's an den Quartalsbericht geht. Millionen von Hausbesitzern, die sich in ihrer Profitgier in den Bankrott stürzten, werden von der amerikanischen Regierung aus dem Haus-gemachten Schlamassel gezogen, kollabierende Banken vom US-Finanzministerium reihenweise per Milliardenpumpe wiederbelebt, die Immobilienriesen Fannie Mae und Freddie Mac von der Staatkasse gerettet, was den US-Steuerzahler im schlimmsten (aber wahrscheinlichsten) Fall reichlich Kohle kosten kann - gestandene 300 Milliarden Dollar, oder runde 1000 Dollar für jeden amerikanischen Mann, Frau, Kind und Haushund.

Wo so viel Geld umverteilt wird, darf die amerikanische Automobilindustrie nicht hintenan stehen. Demokratische Abgeordnete legen dieser Tage einen Gesetzentwurf vor, der den schwer leidenden US-Autobauern einen 25 Milliarden Dollar-schweren Rettungsanker zuwirft. "Die Automobilindustrie ist eine der wichtigsten Branchen in unserem Land", versucht die demokratische Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi den Entschluss zu verteidigen, der auf einer gewaltigen Autohalde sitzengebliebenen Industrie wieder auf die Beine zu helfen. "Hier geht es um Jobs, Jobs, Jobs!" Ein Schelm, wer Arges dabei denkt, dass die automobilistische Hilfsaktion ausgerechnet sieben Wochen vor den Präsidentschaftswahlen ins Leben gerufen wird – die Auto-produzierenden Bundesstaaten Michigan und Ohio sind sogenannte "battleground states" im Kampf ums Weiße Haus.

Zeit der Spritfresser ist vorbei

Wirklich überraschend ist der teure Rettungsplan also nicht - und wirklich dumm auch nicht, wiewohl die gern und oft gepriesene Macht des freien Marktes damit ad absurdum geführt wird. Die Milliarden-Spritze für General Motors, Ford und Chrysler ist als (de facto zinsfreier) Kredit für die Entwicklung alternativ-angetriebener Fahrzeuge gedacht, die in den USA gebaut werden sollen. Ein hehrer Vorsatz und reichlich überfällig. Jahrzehntelang hatten die US-Autobauer von der amerikanischen Freude an Sprit-vernichtenden, tonnenschweren Gelädewagen profitiert, die mit vergleichsweise geringem Aufwand zu entwickeln und zu bauen waren. "Solange die Leute diese Autos wollen", zuckte General Motors-Boss Bob Lutz noch vor nicht allzu langer Zeit die Schultern, "werden wir sie ihnen verkaufen." Dann war der Benzinpreis in den USA in kurzer Zeit auf politisch nicht mehr akzeptable Höhen gestiegen, Bob’s "Leute" besannen sich plötzlich ihrer moralischen Verpflichtung der Umwelt gegenüber - und rissen den Japanern die Hybride aus der Hand. Um nun der heimischen – und mit einer sehr potenten Lobby gesegneten - Industrie aus der selbst gegrabenen Grube zu helfen, muss jetzt der Staat den Säckel öffnen.

Das hatte schon mal ganz gut geklappt, jedenfalls ein paar Jahre lang. In den 80er Jahren half die Regierung in Washington dem Chrysler-Konzern mit einer gewaltigen Finanzspritze den drohenden Konkurs zu vermeiden. Langfristig gesehen schafften es jedoch selbst die Subventionen nicht, den falsch aufgestellten Konzern zu sanieren. Diese Fehler der Vergangenheit wollen die US-Demokraten unter ihrem Präsidentschaftskandidaten Barack Obama dieses Mal vermeiden – der gern genommene Geldregen ist an die Entwicklung und Markteinführung von neuen Technologien gebunden, die einen mindestens fünfundzwanzigprozentigen Zuwachs an Kraftstoffeinsparung bringen sollen.

"Das riecht nach Protektionismus

Europäische Hersteller, vor allem jene deutschen Produzenten, die mit modernster Diesel-Technologie und sparsamen Einspritzsystemen den US-Markt der Mittelklassefahrzeuge aufbrechen wollten, sehen sich in vorauseilender Kritik schon mal stark benachteiligt. "Das riecht sehr nach Protektionismus", sagte mir ein Mitarbeiter eines deutschen Autoherstellers. "Da muss man nicht allzu kreativ sein, um darin eine deutliche Wettbewerbsverzerrung zu erkennen." So kann's kommen. Kaum konnten sich die Automanager in Stuttgart, München und Wolfsburg die Hände reiben, weil der Euro-Kurs stark abgesackt war und sich so die Kalkulationsspanne für US-Verkäufe um knappe zwanzig Prozent verbesserte, schon bekommt man mit der Subventionierung der US-Kollegen wieder eins auf die eh schon blutige Nase.

Die Wirklichkeit sieht allerdings um vieles nüchterner aus. Ford und General Motors allein haben im zweiten Quartal dieses Jahres schon 24 Milliarden Dollar an Verlusten angehäuft, da dürften die Regierungskredite zwar willkommen, aber kein Allheilmittel sein, weshalb GM-Sprecher Greg Martin in einem Gespräch mit der Presse das Rettungspaket auch auf 50 Milliarden Dollar angehoben sehen will. Eine - bisher wenig beachtete – Klausel könnte den Geldsegen aus Washington jedoch richtig ins Wanken bringen: die Kredite dürfen an keine Firma ausgeteilt werden, die das Geld zur Abwendung eines Bankrotts verwenden könnte.

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