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Die Raser sind immer die anderen

Über Bußgelder wird laut geklagt. Sich einfach an die Regeln zu halten, gilt als Zumutung. "Ich brauche mich nicht vom Staat bevormunden zu lassen", fasst Verkehrspsychologe Dr. Karl-Friedrich Voss die Haltung des deutschen Kraftfahrers zusammen.

Von Christoph M. Schwarzer

Laut ertönt sein Wehgeschrei, denn er fühlt sich schuldenfrei! In Wilhelm Buschs "Max und Moritz" bezieht der Spitz mächtig Prügel für ein Vergehen, das er nicht begangen hat. Sein Klagen klingt wie das vieler Autofahrer, die angesichts des neuen Bußgeldkatalogs analog zu den Vorjahren ins Jammern und Grummeln verfallen. Der Unterschied zwischen Witwe Boltes Hund und dem Durchschnittsfahrer: Letzterer ist nicht unschuldig. Nicht, wenn er mit 140 durch die Baustelle fährt, Schnellfahrer zur Vollbremsung zwingt oder andere vorsätzlich gefährdet.

Selbsteinschätzung "verantwortungsvoll"

Es gibt Gründe, warum die Regeln im Straßenverkehr nicht eingehalten werden. Das erlebt der Hannoveraner Verkehrspsychologe Dr. Karl-Friedrich Voss täglich in seiner Praxis. Natürlich gäbe es den vorsätzlichen Raser, der sich buchstäblich vermumme, um mit hoher Geschwindigkeit pünktlich zum Termin zu kommen. Das sei aber eine kleine Gruppe. "Die größte Gruppe ist die, die sich ihre Verkehrsregeln selber macht. Sie argumentiert vor sich selbst: Ich fahre verantwortungsvoll, ich sehe mir die Straße genau an, und wenn ich sehe, dass ich niemanden gefährde, fahre ich schneller, denn ich bin ein unabhängiger Mensch, trage das Risiko selbst und lasse mich nicht vom Staat bevormunden." Diese Gruppe sei zahlenmäßig unter den auffälligen Kraftfahrern sehr bedeutsam, so Voss.

"Gleiche Geschwindigkeit überall realisieren"

Ein Leser im stern.de-Forum empfindet das Echo vieler Fahrer auf den verschärften Bußgeldkatalog als Realsatire: "Schlimm ist nur, was die anderen machen, mein Fahrstil ist okay", fasst er die Kommentare von anderen bissig zusammen. Verkehrspsychologe Voss erlebt relativ oft die vielgescholtene Gruppe der Sturen: "Es gibt Fahrer, die mit einem eher langsamen Auto unter Ausnutzung aller Reserven eine vergleichsweise niedrige Durchschnittsgeschwindigkeit überall realisieren und durchsetzen." Diese würden im Vergleich zum Gesamtverkehr dann entweder zu langsam oder zu schnell fahren, gerne befördert durch einen Tempomaten.

"Viele können zum Drängler werden"

Den Zahn zieht Voss allen, die glauben, man müsse nur den kleinen Prozentsatz der aktiven Lichthuper und Drängler aus dem Verkehr ziehen, um auf den Autobahnen den allgemeinen Frieden herzustellen. "Das ist nicht so, weil die Gruppe der Menschen, die in bestimmten seltenen Situationen zum aggressiven Fahrer mutieren können, sehr groß ist." Fast jeder kann also zum Nötiger werden, wenn er zum Beispiel auf der linken Spur ausgebremst wird, obwohl rechts alles frei ist. In dieser Situation, erklärt Voss, könne ein wechselseitiger Erziehungsmechanismus einsetzen, der aggressiv mache. Der schnelle Fahrer wolle den langsamen maßregeln und umgekehrt.

Frauen benehmen sich besser

Übrigens: Das Vorurteil, Frauen hätten mit den Männern gleichgezogen und würden inzwischen genau so heizen, kann der Hannover Verkehrspsychologe aus seiner Praxis nicht bestätigen: "Frauen fallen mit solchem Verhalten extrem selten auf. Offenbar denken sie stärker an die Folgen ihres Tuns und sind generell vorsichtiger." Allerdings, und hier wiederum bestätigt Voss alte Klischees, gäbe es tatsächlich die unsichere und ängstliche Frau, die wortwörtlich rücksichtslos von der Einfädelungsspur auf die Straße ziehe. Ebenso werde das Reißverschlussverfahren nicht immer beherrscht. "Ich würde es begrüßen, wenn die Fernsehsendung 'Der 7. Sinn' wieder eingeführt werden würde, um solche Sachverhalte zu erklären."

Bußgelder? Zu den anderen Rechnungen, bitte

Viel diskutiert wird auch die Frage, ob Bußgelder etwas nützen, ob sie nach dem Einkommen gestaffelt werden sollten oder ob in Wirklichkeit nur Fahrverbote ziehen. Hier weist Voss auf die Tatsache hin, dass erst ab 21 km/h über der erlaubten Geschwindigkeit Punkte fällig werden und damit der Führerschein langfristig gefährdet wäre. "Wenn Bußgelder zu niedrig angesetzt sind, kommen sie einfach zu den anderen Rechnungen auf den Stapel."

Autofahren, alles doof? Nein. Zum Abschluss bestätigt Voss noch eine aktuelle Umfrage des stern, nach der sich Menschen in ihrem Auto sicherer als im objektiv viel weniger gefährlichen Zug fühlen. Das fahrende Wohnzimmer ist einfach Klasse. "Viele Menschen fühlen sich sofort beruhigt, sobald sie ins Auto steigen." Und das ist ja auch was.

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