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Georg Willeit war vier Wochen lang für SOS-Kinderdorf in Haiti im Einsatz. Er kam eine Woche nach dem Erdbeben in das SOS-Kinderdorf in Santo bei Port-au-Prince und unterstützte und begleitete die Nothilfe in der extrem schwierigen und belastenden Anfangsphase. Nun nimmt er Abschied, beladen mit "unvorstellbar traurigen Bildern im Kopf, aber auch mit vielen positiven". Sein blog übernimmt ab sofort der Schauspieler und Nachwuchsjournalist Louis Klamroth. Es ist soweit. Ich sitze am Flughafen von Port-au-Prince und warte auf meinen Flug nach Santo Domingo. Die UN stellt diese Flüge zur Verfügung, um internationale Helfer leichter nach Haiti zu bringen. Ja, ich verabschiede mich von Haiti, unglaublich schnell ist meine Zeit hier vergangen, und der Abschied fällt nicht leicht, obwohl ich froh bin, wieder in mein "normales" Leben und wieder zu meiner Familie zurückzukehren. Für mich wird diese Zeit hier unvergessen bleiben, mit vielen unvorstellbar traurigen Bildern im Kopf, aber auch mit vielen positiven. Die Lebenskraft der Haitianer, die Stärke der internationalen Solidarität und die einzelnen Schicksale von Kindern und Familien, denen wir geholfen haben. Die Zeit ist schnell vergangen, aber wenn man zurückschaut, ist vieles geschehen. Im Alltag, Tag für Tag, geht es anscheinend zu langsam, aber in der Summe, im Rückblick, ist es dann doch einiges. Nicht nur bei uns im Kinderdorf und durch unsere Arbeit, auch Schritt für Schritt in der Stadt, auch wenn dort gerade erst die ersten hundert Meter eines Marathon geschafft sind. Das SOS-Kinderdorf in Santo war bei meiner Ankunft noch in einem Schockzustand. Die Folgen des Erdbebens, gerade erst eine Woche her, haben das ganze Dorf gelähmt, kaum Gespräche, kaum Lachen, froh, das Nötigste zu haben, und auch das war zu Beginn aufgrund der Verteilungsproblematik nicht sicher. Keine Kommunikationsmöglichkeiten, kein fließendes Wasser und kein Strom im Dorf. Doch was ist in diesen vier Wochen geschehen. Die Versorgungslage im Dorf funktioniert, Wasser und Strom sind da. Kinder spielen und lachen, Lebensmut ist zurückgekehrt. Die Schule wurde zum Lager umgewandelt, um die zahlreichen Hilfsgüter verstauen zu können. Sieben Schulklassen sind voll mit wertvollen, dringend benötigten Gütern. Jetzt wird bereits an einer Lagerhalle gebaut, um die Schule wieder frei zu machen für den Unterricht, der bald wieder beginnen soll. Inzwischen leben statt 150 schon ca. 320 Kinder im Kinderdorf, und täglich werden es mehr. Noch konnten alle Kinder in den Familienhäusern des Dorfes untergebracht werden, dank des tollen Engagements der SOS-Mütter, die inzwischen die Verantwortung für bis zu 20 Kinder in dieser Notsituation übernommen haben. Auf dem Fußballplatz stehen schon die ersten Zelte zur Aufnahme weiterer Kinder, die Toiletten und Waschgelegenheiten sind gebaut, die Küche ist in Bau und die Planungen für temporäre Häuser laufen Die Arbeit in den ärmsten Vierteln der Stadt wurde vervierfacht, statt 16 Gemeinschaftszentren sind schon 66 in Betrieb. Das ermöglicht es uns, derzeit täglich bereits über 9.000 Kinder mit Essen zu versorgen. Und es sollen noch viele solche Zentren folgen. Und SOS-Kinderdorf ist eine wichtiger Partner in der internationalen Zusammenarbeit, vor allem beim Thema Kinderschutz und hinsichtlich der Situation unbegleiteter Kinder hier im Land. Und damit ist SOS-Kinderdorf auch jetzt schon durch die aktive Mitarbeit in den entsprechenden UN-Arbeitsgruppen involviert in die Planungen für den Wiederaufbau Haitis. Im Alltag schafft man es, wie gesagt, kaum, ein Gesamtbild zu bekommen. Da bedrückt die große Not, da geht es um den täglichen Einsatz, das konkrete Tun. Und es gibt noch unendlich viel zu tun. Deshalb hoffe ich auf die langfristige Unterstützung unserer Spender und Paten, denn die Menschen hier brauchen Hilfe! Sie brauchen sie auch dann, wenn manches vielleicht von außen betrachtet zu langsam geht oder wenn es einzelne Rückschläge gibt. Meine Einträge in diesem blog wird jetzt Louis Klamroth übernehmen, der schon in Haiti angekommen ist. Er unterstützt vom SOS-Kinderdorf Santo aus die Verteilung der Hilfsgüterlieferungen in unsere Projekte und wird außerdem regelmäßig von der Entwicklung hier berichten.
Dieser Text ist von Louis Klamroth, der ab sofort das blog übernimmt. Die Autoreninformation folgt in Kürze. David wuchs im SOS-Kinderdorf Santo, Haiti, auf. Vor vier Jahren zog er zu seiner biologischen Familie, seinem Onkel und seiner Tante um zu studieren. Doch alle sind im Erdbeben des 11. Januar umgekommen, David ist der einzige Überlebende. Jetzt ist er ins SOS-Kinderdorf zurückgekehrt und findet dort emotionale Unterstützung. Und er hilft selbst mit bei regionalen Hilfsaktionen. Wir sind auf dem Weg ins Gemeindehaus, um dort Wasser und Essen zu verteilen. David ist 24 Jahre alt, er sitzt neben mir im Auto: Zum Gemeindezentrum sind es 40 Minuten Fahrt und so erzählt er mir seine Geschichte. David lebte seit er sich erinnern kann im SOS-Kinderdorf Santo. Als er 20 wurde, beschloss er an der Universität Englisch zu studieren. Er zog zu seinem Bruder, zu seinem Onkel und seiner Tante. Am Morgen des 11. Januar stand er zeitig auf. Er verabschiedete sich von der Familie und fuhr mit dem Bus zur Universität. Um halb fünf Nachmittags war der Unterricht zu Ende und normalerweise braucht David 15 Minuten von der Uni nach hause. Aber heute war alles anders. Die Straßen waren überfüllt und der Bus, in dem David saß, steckte im Stau. Um fünf Uhr spürte David, dass die Erde bebte. Was er im Bus erlebt hat, was er draußen auf der Straße sah, erzählt er mir nicht. Er sagt traurig: „Gott hat noch etwas mit mir vor, er wollte nicht, dass ich sterbe.“ David ist der einzige seiner Familie, der überlebt hat. Als die Erde sich beruhigte, sprang David aus dem Bus und rannte den ganzen Weg nach Hause. Doch da, wo zuvor das Haus stand, war nur noch ein Haufen Steine. Er grub mit den Händen, schaffte die Steine beiseite, doch bald merkte er, dass es nichts nützte. „Erst vor vier Jahren kam ich wieder mit meiner Familien zusammen und jetzt hat die verfluchte Erde sie mir wieder genommen!“ schluchzt David und schüttelt den Kopf. Er kann nicht fassen, was passiert ist. Eine Woche lang blieb er am Haus, schlief auf der Straße. Dann ging er zurück ins SOS-Kinderdorf Santos. Er weiß, dass er immer ins Kinderdorf zurück kann, wenn er Schwierigkeiten hat. Der Dorfleiter ist wie ein Vater für ihn. Im Dorf lebt er nun mit den anderen jungen Erwachsenen in Zelten. Die „Villagers“, also „Dörfler“, wie sie sich selbst nennen, haben sich zu einer kleinen Hilfsgruppe zusammen geschlossen, die in den umliegenden Gemeinden Essen verteilt. „Als Villagers sind wir gesegnet, die SOS-Kinderdörfer haben mir so viel gegeben, so dass ich nun auch etwas zu geben habe.“ Sein größter Wunsch ist, seinem Bruder, seinem Onkel und seiner Tante ein ordentliches Begräbnis zu schenken. Und eines Tages will auch er eine Familie gründen. Und in einem Haus leben, dass niemals, niemals von einem Erdebeben zerstört werden kann.
Angelina Jolie war da! Mit einem Lied empfingen die Kinder die US-Schauspielerin im SOS-Kinderdorf Santo (wie im Video zu sehen). Jolie ist Botschafterin für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) und setzt sich seit langem auch für die SOS-Kinderdörfer ein. Im Tschad zum Beispiel hat sie ein SOS-Trauma-Therapie-Zentrum für Flüchtlingskinder aus dem Sudan besucht, und die Jolie/Pitt Foundation unterstützt die SOS-Kinderdörfer immer wieder mit Spenden. Bei ihrem Besuch im SOS-Kinderdorf Santo in Haiti besuchte Angelina Jolie auch zwei SOS-Familien. Dort sind jeweils vier der 33 Mädchen und Jungen aufgenommen worden, die US-Amerikaner Ende Januar illegal über die Grenze in die Dominikanische Republik bringen wollten. Die haitianische Polizei hatte den Transport gestoppt und die Kinder in die Obhut des SOS-Kinderdorfs gebracht. Angelina Jolie informierte sich außerdem über die SOS-Nothilfeaktionen. SOS-Mitarbeiter versorgen Kinder und Familien in den Nachbarschaften der SOS-Gemeindezentren mit Lebensmitteln und Medikamenten und bieten pädagogische und psychologische Betreuung für traumatisierte Kinder. Derzeit erreicht die SOS-Nothilfe rund 5000 Kinder. Ziel ist es, bis zu 30.000 Mädchen und Jungen beizustehen. In einer zweiten Phase planen die SOS-Kinderdörfer, über einen Zeitraum von zehn Jahren Wiederaufbauhilfe für Familien zu leisten. Angelina Jolie sagt: "Als langjährige Unterstützerin von SOS habe ich viele dieser einzigartigen Dörfer persönlich besucht. Für das Engagement und die Fürsorge, die SOS den Kindern zukommen lässt, kann ich mich verbürgen. Wir alle fragen uns, wie wir den Menschen in Haiti helfen können. Ich möchte Sie bitten, sich über die Arbeit der SOS-Kinderdörfer zu informieren und darüber nachzudenken, diese Arbeit zu unterstützen."
Seit einer Woche bin ich jetzt in Haiti. Ich schreibe dieses blog aus dem SOS-Kinderdorf Santo, nicht weit von der zerstörten Hauptstadt Port au Prince entfernt. Auf den ersten Blick scheint hier alles so zu sein wie ich es aus vielen anderen SOS-Kinderdörfern auf der ganzen Welt kenne: Die Atmosphäre ist offen und freundlich, Besucher sind willkommen. Aber schaut man genauer hin, stellt man fest, dass die Kinder hier nicht wirklich lachen; dass sie überhaupt sehr leise sind. Seit dem Erdbeben leben die Jungen und Mädchen in permanenter Angst, am deutlichsten sieht man das, wenn es dunkel wird: Alle schlafen außerhalb der Häuser; seit es letzte Woche ein Nachbeben gegeben hat, sitzt der Schreck noch ein Stück tiefer. Immer noch bin ich erstaunt und kann es kaum glauben, dass das SOS-Kinderdorf nahezu unzerstört geblieben ist, denn sobald man diesen sicheren und geschützten Ort verlässt, ist die Situation unvorstellbar dramatisch. Diese Katastrophe ist zu groß und zu schrecklich, als dass Kamerabilder sie auch nur annähernd wiedergeben könnten. Nur 35 Sekunden haben gereicht, um den größten Teil der Hauptstadt zu zerstören. 35 Sekunden haben das Leben von Millionen Menschen dramatisch verändert und werden für immer ein Teil ihres Lebens sein - das gilt vor allem für die Kinder. Die SOS-Kinderdörfer haben innerhalb kurzer Zeit ein Nothilfe-Team zusammengestellt, das großartige Arbeit leistet, um die Situation der Kinder im Dorf zu stabilisieren und um Kindern zu helfen, die seit dem Erdbeben niemanden mehr haben. Dies wird eine unserer Hauptaufgaben für die nächsten Tage sein: Unbegleiteten Kindern im SOS-Kinderdorf Sicherheit und Geborgenheit zu geben und parallel nach ihren Eltern oder Angehörigen zu suchen, um Familien, wenn möglich, wieder zusammenzuführen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die SOS-Kinderdörfer die richtigen Wege gehen werden, da sie auf eine gesunde Langzeitstrategie setzen. Seit dreißig Jahren sind unsere Mitarbeiter auf Haiti aktiv und sie werden auch dann noch hier sein, wenn viele andere Organisationen das Land schon wieder verlassen haben. Große Sorge macht mir, dass die meisten Medienvertreter bereits in dieser Woche wieder abreisen wollen. Das bedeutet, dass sie wegfliegen, noch bevor der Wiederaufbau Haitis, der Wiederaufbau des Lebens überhaupt begonnen hat! Bitte schauen Sie regelmäßig in dieses blog! Ich werde versuchen, alle zwei, drei Tage aktuell zu berichten!
Ich habe wirklich keine Ahnung, wie viel Vorarbeit die Kollegen in Deutschland geleistet haben, um diesen Besuch zu verwirklichen, aber was ich sagen kann: Für unsere Arbeit in Haiti war er enorm hilfreich! Entwicklungsminister Dirk Niebel war da, er hat sich das SOS-Kinderdorf Santo angeschaut und über die Hilfsprojekte informiert, die die SOS-Kinderdörfer nach dem schlimmen Erdbeben gestartet haben. Dann hat er seine Unterstützung zugesagt und zwar sehr konkret: Mit 1,3 Millionen wird die Bundesregierung den Bau einer öffentlichen Schule und einer Krankenstation unterstützen! Für uns eine wirklich tolle Nachricht! Hier finden Sie mehr Info über den Besuch des Ministers: http://www.sos-kinderdoerfer.de/Informationen/Aktuelles/News/Pages/Niebel-SOS-Kinderdorf-Haiti.aspx
Unglaublich, wie unterschiedlich Haiti und die Dominikanische Republik sind, obwohl sie beide nebeneinander auf der Insel Hispaniola liegen. Auch vor dem Erdbeben hatten sie so gar nichts gemein: In Haiti sprechen die Menschen Französisch und Kreolisch, in der Dominikanischen Republik Spanisch. In Haiti sind die afrikanischen Wurzeln aus der Zeit der Sklaverei allgegenwärtig - zum Beispiel in der Voodoo-Tradition und in den Gesichtszügen der Menschen, während die Dominikanische Republik deutlich von der spanischen Kolonialzeit geprägt ist. Die Schwesterstaaten unterscheiden sich auch in Bezug auf politische Stabilität, Erziehung und Lebensstandard. So war die Beziehung der beiden Staaten traditionell durch Abneigung geprägt – bis zum Erdbeben im Januar, als alles, was bis dahin galt, seine Bedeutung verlor. Augenblicklich öffnete die Dominikanische Republik ihre Flughäfen und Grenzübergänge für humanitäre Hilfe. Gleich am Tag nach der Katastrophe schickte die Regierung Transporter mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten sowie mobile Kliniken auf den Weg. In der Grenzstadt Jimanà wurden Erste-Hilfe-Stationen aufgebaut und die dortigen Krankenhäuser trafen alle Vorbereitungen, um möglichst viele Patienten aus Haiti aufnehmen zu können. Auch die SOS-Kinderdörfer in der Dominikanischen Republik waren vom ersten Tag an im Einsatz, um Autos, Lebensmittel und, wenn nötig, Flüge, zu organisieren. Und um unbegleitete Kinder aus Haiti vorübergehend aufzunehmen! Bei einem Besuch der Dominikanischen Republik habe ich 16 Kinder getroffen, die nach dem Erdbeben vorübergehend ins SOS-Kinderdorf Los Jardines gekommen waren. Alle 16 saßen zusammen auf einem überdachten Platz und lernten Spanisch. Es schien ihnen gut zu gehen, ganz offenbar fühlten sie sich wohl. „Es gibt hier viele Schulen und Spielzeug für alle“, erzählte mir eines der Mädchen. Wir unterhielten uns eine Weile, bis eine Freundin kam und die beiden zusammen zum Spielplatz liefen. Dabei unterhielten sie sich auf Spanisch – ganz offensichtlich ging die Integration schnell! Dennoch werden die Kinder möglichst bald wieder nach Haiti kommen, wo ihre Familiensituation genau geprüft wird. Im Idealfall leben noch Verwandte, bei denen die Kinder aufwachsen können. Wenn nicht, dann werden sie dauerhaft ein neues Zuhause in einem SOS-Kinderdorf in Haiti bekommen – in dem Land, in dem sie groß geworden sind, in dem sie ihre Wurzeln haben. Ich finde das ganz wichtig, und es ist einer der Grundsätze der SOS-Kinderdörfer, die Herkunft und die Kultur der Jungen und Mädchen zu respektieren. Die Dominikanische Republik werden die Kinder später sicher in Erinnerung behalten – als den Nachbarn, der in der schlimmsten Zeit geholfen hat!
Ich bin wieder da! Der Strommangel in Haiti hat in den letzten Tagen auch mein Laptop lahmgelegt, aber nun habe ich zumindest diesen Text hier fertig gekriegt. Mal schauen, wann das Netz wieder zusammenbricht! Auch Wasser und Benzin sind knapp geworden. Angesichts der dramatischen Armut in Haiti sollte unser aktueller Versorgungsengpass im SOS-Kinderdorf Santo wahrlich kein Grund zur Beschwerde sein. Aber wir müssen sicherstellen, dass mindestens ein Auto genügend Sprit hat, um zum Krankenhaus fahren oder in anderen Notsituationen reagieren zu können. Außerdem haben wir unsere Versprechen zu halten: 90 Sozialstationen müssen täglich mit Lebensmitteln beliefert werden für insgesamt 12000 Kinder. Dazu kommen die Fahrten zum Flughafen und andere Besorgungsfahrten und die regelmäßigen „Cluster meetings“ der Vereinten Nationen, bei denen die Hilfsorganisationen ihre Maßnahmen abstimmen. Überflüssig zu sagen, dass wir immer wieder Ausschau nach Tankstellen halten, die noch Benzin gelagert haben, und dass wir notwendige Fahrten, so weit wie möglich, bündeln. Am Montag hat es ein Kollege tatsächlich geschafft, Benzin aufzutreiben, allerdings nur, weil er stundenlang in einer Schlange vor der Zapfsäule gewartet hat. Hätte er das Benzin später von den Straßenverkäufern erstanden, hätte es sein können, dass es mit Wasser gemischt gewesen wäre. Wir haben schon schlechte Erfahrungen gemacht: Ein wichtiger Generator, der mit verdünntem Wasser befüllt worden war, wurde auf diese Weise komplett zerstört – und das, obwohl wir das Benzin in der Dominikanischen Republik gekauft hatten, bei einem Anbieter, der uns empfohlen worden war! Unglücklicherweise bedeutet ein Mangel an Treibstoff in Haiti aber nicht nur, dass die Autos nicht fahren können. Er bedeutet auch, dass in den Häusern, Kliniken, Schulen, Fabriken und Geschäften die Generatoren nicht laufen und somit kein Licht da ist und die erforderlichen Geräte nicht betrieben werden können. Nach dem Erdbeben haben viele Krankenhäuser in Port-au-Prince mobile Stationen in Zelten aufgebaut. Hier kann der Treibstoffmangel, der die Generatoren lahm legt, verheerende Folgen haben. Absurderweise ist auch ein Großteil des nationalen Stromnetzes von Benzin und Gas abhängig, was den Engpass weiter erhöht. Im SOS-Kinderdorf ist es nach Sonnenuntergang um halb sieben so dunkel, dass keine Hausarbeiten mehr erledigt oder Bücher gelesen werden können. Rund um die Uhr ist die Büroarbeit eingeschränkt, die Kühlschränke funktionieren nicht und verderbliche Lebensmittel werden schlecht. Die Wasseraufbereitungsanlage fällt die meiste Zeit aus. Angesichts all dieser Schwierigkeiten ist hier jeder froh über die kleinsten heiteren Momente. Wie gestern Mittag, als die Wasserpumpe eine ganze Weile reibungslos funktionierte und einer nach dem anderen sein Wasser holen konnte. Selbst die kleinen Mädchen schafften es mit Leichtigkeit, schwer beladene Eimer und Kannen graziös auf dem Kopf zu balancieren, ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten!
Moment mal, ist das wirklich Sonson? Die SOS-Mutter nickt und ich schaue und schaue nochmal und vergesse fast die amerikanischen Journalisten, die ich hierher gebracht habe, weil sie ein Interview mit der Kinderdorf-Mutter führen wollen! Als ich den kleinen Jungen das letzte Mal gesehen habe, saß er unbeweglich da, mit stumpfem Blick und wenig Interesse an seiner Umwelt, dünn und kraftlos. Jetzt scheint da ein ganz anderer zu sitzen: Sonson, eineinhalb Jahre alt, hat zugenommen, sein Gesicht ist runder. Der Junge schaut spitzbübig zu einem seiner älteren Brüder. Der große Bruder macht Geräusche: „Bbbrrrrr“ und schüttelt dazu den Kopf. Samson macht das gleiche Geräusch und schüttelt nun ebenfalls sein kleines Köpfchen. Die Nasen der Beiden berühren sich fast und ihre vertraute wortlose Kommunikation lässt mich alles andere vergessen. Sonson wurde in einem der Camps im Zentrum von Port-au-Prince gefunden, nackt und völlig allein. Zehntausende von Menschen leben hier in provisorischen Unterkünften, zu Sonson gehörte keiner von ihnen, niemand wusste seinen Namen und so tauften sie ihn „C’est la vie“ – „So ist das Leben!“ Zwei Schwedische Journalisten wurden auf ihn aufmerksam und informierten die Behörden. Es kam heraus, dass sich eine alte Frau angeblich um den Jungen kümmert. Bei genauerem Hinsehen allerdings war schnell klar, dass es die Frau vor allem auf die zusätzlichen Essensrationen abgesehen hatte. Hin und wieder ging sie mit dem Kleinen zum Krankenhaus. Die Medikamente, die sie bekam, verkaufte sie. Auf Nachfragen eines haitianischen Kinderschutz-Beauftragten erzählte sie, dass sie eine Verwandte des Jungen sei, aber von Mal zu Mal variierte ihre Geschichte. In der Gewissheit, dass der Junge unterernährt und krank ist, dass er sterben würde, wenn er noch lange bei der Frau bleiben würde, brachte der Beamte ihn ins SOS-Kinderdorf Port-au-Prince. Die schwedischen Journalisten waren erleichtert, als sie ihn dort besuchten: sauber gekleidet auf dem Arm einer freundlichen Frau, seiner SOS-Kinderdorf-Mutter. Ich schaute immer mal wieder bei Sonson vorbei. Er aß seine Spezialnahrung, schlief gut, aber seine Ärmchen waren immer noch furchtbar dünn. Er war zu schwach zum Krabbeln. Oft sah ich ihn auf dem Arm seiner Mutter oder seiner Kinderdorf-Geschwister, mit großen Augen, still und ernst. Es stellte sich heraus, dass Sonson auch noch Malaria gehabt hatte – eine Menge also, von dem er sich erholen musste. Aber was für einen Unterschied kann ein einziger Monat im Leben eines kleinen Jungen machen! Da war er nun, Sonson, lebendig, Anteil nehmend und glücklich über die Aufmerksamkeit seines älteren Bruders. Mir fielen die schwedischen Journalisten wieder ein – wenn sie den Kleinen jetzt sehen könnten! Ich bin sicher, auch sie wären froh, ihn nicht wiederzuerkennen.
Dieser Text ist von Line Wolf Nielsen, die ab sofort das blog übernimmt. Die Autoreninformation folgt in Kürze. Was würde ich tun, wenn ich diese Mutter wäre? Diese Frage stelle ich mir oft, wenn Journalisten von mir wissen wollen, wie eine Mutter darauf kommt, ihr Kind abzugeben. Immer wieder passiert das hier in Haiti! Philippe Onecio zum Beispiel, alleinerziehende Mutter von sechs Kindern, kam eine Woche nach dem Erdbeben ins SOS-Kinderdorf Santo, um uns ihr jüngstes Kind zu bringen. Wie sie so etwas tun kann? Ich meine, die Frage verlangt eine Antwort, die nicht wertet, schon gar nicht verurteilt. Fast alle Kinder, die derzeit im Kinderdorf Santo leben, kommen aus furchtbar armen Verhältnissen, und oft wissen die Mütter einfach keinen Ausweg. Das SOS-Kinderdorf versucht in einem solchen Fall alles zu tun, um die Kinder und ihre Familien bald wieder zu vereinen. Gemeinsam mit Rosita, der Sozialarbeiterin, besuche ich Philippe vor den Trümmern ihres Hauses. Die junge Frau verkauft Seife auf dem Markt, was manchmal halbwegs gelingt und manchmal gar nicht. Die ökonomische Situation der Familie ist nach wie vor wackelig, dennoch sagt Philippe: "Ich möchte meine Tochter wieder bei mir haben!" Rosita fragt nach, hört lange zu, dann besprechen die Frauen, wann Philippe ihre Tochter abholen kann. Nicht jeder Fall verläuft so unkompliziert. Den nächsten Besuch statten wir einem Vater von zwei Söhnen ab, sechs und acht Jahre alt, die ebenfalls zur Zeit im Kinderdorf leben. Beim Erdbeben sind die Großeltern gestorben und der Vater ist der einzige Hinterbliebene. "Ich liebe meine Söhne, aber wie soll ich denn für sie sorgen? Ich habe keine Arbeit und dies ist der Platz, an dem ich lebe!" Er weist auf die Plane über seinem Kopf, dem einzigen Schutz, der ihm zur Verfügung steht. Unwillkürlich denke auch ich, dass dies kein Ort ist, an dem ein Kind heranwachsen sollte. Zurück im Kinderdorf, sagen auch die beiden Jungen zu Rosita, dass sie lieber bleiben möchten. Ich kann sie gut verstehen. Rosita aber bleibt bei ihrer Haltung: "SOS konzentriert sich auf Kinder, denen es noch schlimmer geht: die wirklich niemanden mehr haben. Wenn noch Verwandte da sind, versuchen wir diese in ihrem Alltag zu unterstützen, damit die Kinder wieder bei ihnen leben können. Wir nehmen die Kinder dann nicht langfristig auf!" Dann seufzt sie und sagt: "Es ist nicht leicht für die beiden Jungen, aber immerhin haben sie ihren Vater, zu dem sie zurückkehren!" Sie hat ja recht! Oft genug habe ich selbst den Journalisten erklärt, dass Kinder, wenn irgendwie möglich, bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen sollten, und dass es die große Aufgabe der Haitianischen Behörden und der Hilfsorganisationen ist, Wege zu finden, diesen gefährdeten Familien zu helfen. Aber wenn man dann die traurigen Blicke der Kinder sieht, scheint die Entscheidung furchtbar hart! Am nächsten Tag kommt Philippe, um ihre Tochter zu holen, und nachdem alle Formalitäten erledigt sind, verabschieden wir die beiden. Immerhin: Diese Geschichte scheint so auszugehen, wie es sich alle wünschen. Das kleine Mädchen ist ernst, aber es greift nach der Hand der Mutter, sein Vertrauen hat es nicht verloren.
Emil lässt seine Mutter für eine ganze Weile nicht mehr los. Gerade sieht er sie zum ersten Mal seit einem Monat. Die Mutter lacht, ihr laufen Tränen der Freude über die Wangen, und Bairon und ich fühlen uns ein bisschen fehl am Platz. Bairon kommt aus Guatemala und ist jetzt hier für zwei Monate lang der Dorfleiter von Santo. Er hat ziemlich viel zu tun, denn er ist für Neuankömmlinge und Familienzusammenführungen zuständig. 80 Familien hat SOS in den letzten Wochen zusammen geführt, in den nächsten Wochen werden es weitere 120 sein. Aber zurück zu Emil. Der Junge ist zwei Tage nach mir ins SOS-Kinderdorf gekommen, das Haus seiner Eltern war zusammengekracht, und sein Vater ist dabei ums Leben gekommen. Seine Mutter hat Emil zu uns gebracht, denn sie konnte sich nicht mehr um ihn kümmern. In einem solchen Fall, bei dem bekannt ist, dass ein Kind noch Angehörige hat, wird auch die Familie unterstützt, damit das Kind nach gegebener Zeit wieder zurückkehren kann. In den ersten Tagen hat sich Emil schwer getan. Bei seiner Ankunft war er kaum von seiner Mutter zu trennen. Auch danach hat er viel geweint und wollte zu seinen Eltern. Aber seine Haus-Geschwister und seine SOS-Mutter haben sich gut um ihn gekümmert, und als ich letzte Woche nach im sah, war er Kapitän seines Fußballteams und schoss zwei Tore. Ich war völlig überrascht! Emil jubelte, schlug bei seinen Team-Kollegen ein, lief dann in meine Richtung, schoss mir den Ball scharf zu und sagte: „Louis, morgen kommt meine Mama, und dann gehen wir nach Hause. Meinst du, ich kann meine Freunde dann trotzdem noch besuchen?“ Ich bejahte, Emil atmete einmal tief durch und lief wieder aufs Fußballfeld. Gestern waren also Emils Mutter, seine Oma und eine Tante gekommen, um Emil wieder mit zu nehmen. Emil kam begleitet von fünf Freunden und seiner SOS-Mutter. Als er seine Mutter sieht, läuft er los und umarmt sie ganz fest. Er lässt sie für ein paar Minuten nicht los und es ist ein ganz intimer Moment, ein sehr schöner Moment, bei dem auch bei Bairon und mir einige Tränen fließen. Dann löst sich Emil langsam, dreht sich um und sagt ein wenig zu erwachsen für seine zehn Jahre: “Und jetzt heißt es Abschied nehmen.“ Emil kommt zu mir und Bairon, schlägt ganz cool und gelassen ein, aber ich merke, wie nervös er eigentlich ist. Seine SOS-Mutter hat schon, bevor sie Emil in ihre Arme schließt, Tränen in den Augen. Sie flüstert ihm noch etwas ins Ohr und begleitet ihn dann bis zum Ausgang des Dorfes. Emils Freunde singen ein Haitianisches Lied und winken ihm zu. In den folgenden Wochen werden die Sozialarbeiter Emils Familie oft besuchen und sie mit Nahrungsmitteln und gegebenenfalls mit Zelten beliefern. Emil wird nicht das letzte Mal hier im SOS-Kinderdorf in Santo gewesen sein, er wird wiederkommen, um mit seinen neuen Freunden Fußball zu spielen, da bin ich mir ganz, ganz sicher.
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