26. September 2011, 21:35 Uhr

Engel ohne Flügel

Den Himmel auf Erden verspricht der offene SLS von AMG. Ins Auto-Paradies kommen aber nur wenige: Bei 195.160 Euro startet die Frischluft-Version des Flügeltürers.

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Im Supersportler SLS AMG Roadster kann man die 300 km/h-Marke oben offen durchbrechen©

Wenn bei strahlendem Sonnenschein plötzlich ein Donnergrollen zu hören ist, Fußgänger die Hälse verdrehen, die Lippen ein "Wow" formen oder Touristen die Handy-Kameras zücken, dann ist ein Mercedes SLS AMG Roadster über den Boulevard gerauscht. Auch ohne die spektakulären Flügeltüren erregt der offene Zweisitzer mit den klassisch sportlichen Proportionen großes Aufsehen.

Hinter der endlos scheinenden Motorhaube sitzt der Fahrer in einer 4,64 Meter langen Aluminium-Space-Frame-Karosse, die sich 1,96 Meter breit und 1,26 Meter tief über dem Asphalt duckt. Wie beim Coupé erinnert der breite Grill mit dem großen Stern sowie die Finnen auf der Haube und den Flanken an den historischen 300 SL aus den 50er-Jahren. Auf dem kurzen breiten Heck liegt bündig ein dreilagiges Stoffverdeck mit nahtlos integrierter beheizbarer Heckscheibe, das sich auf Knopfdruck in elf Sekunden bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h automatisch öffnen und schließen lässt. Der Kofferraum - egal, ob mit offenem oder geschlossenem Verdeck - fasst 173 Liter. Das ist zwar nicht viel, aber das Coupé hat mit 176 Liter auch kaum mehr Stauraum. Die Sicht nach hinten ist - egal ob offen oder geschlossen - gleich null, doch dafür gibt's Parksensoren in Serie.

Schalten wie im Flugzeug-Cockpit

Das Interieur setzt wie im Coupé ganz auf Flugzeug-Cockpit: mit einer Instrumententafel in Form eines Flügelprofils, vier Belüftungsdüsen im historischen Jet-Triebwerk-Look sowie dem kleinen Automatik-Wahlhebel auf der mattierten Metallmittelkonsole in Form eines Schubkraftreglers. Materialien und Verarbeitung wirken sehr hochwertig. "Alles, was sie fühlen, ist natürlich echt", betont Mercedes-Vertriebsvorstand Joachim Schmidt - wenn auch nicht immer selbstverständlich ab Werk eingebaut. Die zweifellos optisch gut harmonierenden Carbon-Zierelemente beispielsweise kosten über 4200 Euro extra. Noch teurer wird es, wenn man schwarzes, zweifarbiges oder exklusives Leder wählt, von Hightech-Spielereien gar nicht zu reden. Fahrer und Beifahrer finden dafür auf den serienmäßigen Sportsitzen bequem Halt, auch wenn es mal etwas rasanter wird. Und ganz nebenbei ist auch der Ein- und Ausstieg deutlich leichter und sieht eleganter aus als beim Übersteigen der breiten Türschweller im Coupé.

Technisch gesehen unterscheidet sich der Open-Air-SLS nicht von der geschlossenen Version. Allerdings, sagt Mercedes-Mann Joachim Schmidt, "wenn sie aus einem Coupé einen Roadster machen, wird er natürlich schwerer". Denn die Stabilität ohne festes Dach und Flügeltüren wird durch Mehrgewicht in Form von zusätzlichen Verstrebungen und steiferer Karosserie erkauft. Dennoch haben die AMG-Ingenieure den Roadster mit 1660 Kilogramm nur rund 40 Kilo schwerer als das Coupé werden lassen.

Einer der letzten großen Sauger

Auf der Straße ist von den zusätzlichen Pfunden nichts zu spüren. Der weltweit stärkste V8-Saugmotor in Serie sorgt mit seinen 571 PS in jeder Situation für einen gewaltigen Punch, katapultiert mit 650 Nm Drehmoment die Fuhre in rennsportähnlicher Beschleunigung von 3,8 Sekunden auf Tempo 100. Erst bei 317 km/h wird er von der Elektronik eingebremst. Nicht weniger beeindruckend ist die Leichtigkeit und Präzision, mit der die wuchtige Karosse auch durch schnelle Kurve gezirkelt werden kann. Frontmotor und Getriebe an der Hinterachse schaffen hier eine ausgewogene Balance, der lange Radstand sorgt für einen guten Geradeauslauf. Und weder Querfugen, Bodenwellen, noch Asphaltrinnen bringen die stocksteife Karosserie aus der Spur. Auf die Straße gelangt die Kraft übrigens über eine sehr schnell und unmerklich schaltende Siebengang-Doppelkupplung, die via Drehregler mit vier wählbaren Fahrprogrammen verbrauchsoptimiert (C), sportlich (S), sehr sportlich (S+) oder manuell gesteuert werden kann.

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Der Kofferraum ist bescheiden, für einen Drittwagen jedoch ausreichend©

Akustische Showeinlagen in Form von kurzen Zwischengastönen beim Runterschalten sind in den Sportmodi inklusive. Das klingt etwas halbstark und ist ökologisch wahnsinnig bedenklich. Umso mehr, wenn man noch an den Normverbrauch von 13,2 Litern und einem CO2-Ausstoß von 308 Gramm pro Kilometer denkt, wobei der Kraftstoffkonsum bei unseren Testfahrten noch einmal um gut fünf Liter höher ausfiel. Andererseits kauft, wer fast 200.000 Euro für ein Auto ausgibt, dies ganz sicher nicht in erster Linie aus ökologischen Motiven.

Kleinliche Aufpreispolitik

Zur Serienausstattung des SLS Roadster gehören neben dem erwähnten schwarzen Leder, beheizbare Sportsitze und das vollautomatische Stoffverdeck sowie die übliche Sicherheitsausrüstung und auch noch eine Zweizonen-Klimaautomatik, ein Multimedia-Navi-System mit DVD-Laufwerk und Sprachbedienung, Keyless-Go-Startknopf, Bi-Xenon-Scheinwerfer mit Fahrlicht-Assistent oder Metallic-Lackierung. Kommen zu den bereits erwähnten Carbon-Zierelementen im Interieur noch Sitzlehnen und Einstiegsschienen im gleichen Material hinzu, kostet das Paket sogar 8449,50 Euro. Ein Sportfahrwerk mit Dämpferverstellung schlägt mit 2320,50 Euro zu Buche. Und auch der aus dem SL und SLK bekannte Warmluftfön in den Kopfstützen steht noch mal mit 595 Euro in der kurzen, aber kostspieligen Aufpreisliste. Warum dort außerdem unter anderen auch noch ein Totwinkel-Assistent für 773,50 Euro und automatisch abblendende und anklappbare Außenspiegel für 642,60 Euro zu finden sind, wird auch ein betuchter Roadster-Fahrer nicht verstehen.

Frank Wald/MID
 
 
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