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In China essen sie den Mond

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Weihnachten und Obama

Miriam Collée | 17. November 2009 10:03 Uhr

Seit gestern bauen sie an der Nanjing Xilu einen riesigen goldenen Weihnachtsbaum auf, oder besser: einen Weihnachtskegel.

Er erinnert zwar weniger an Weihnachten als an dievielen goldenen Verkehrshütchen vor dem dreistöckigen Gucci-Shop gegenüber, die die Luxuskarossen in die beheizte Tiefgarage lenken sollen. Natürlich sind auch die Hütchen gold. Christliche Bescheidenheit gilt hier nun mal nicht.

Die Stadt scheint also fest entschlossen, Weihnachten schon Mitte November einzuläuten. Im Carrefour gibt es bereits Plastikweihnachtsbäume in Lila, Weiß und Silber. Wer sich modern und international geben will, stellt so ein Ding zu Hause auf. Als Amélie neulich bei ihrer chinesischen Freundin Chanel (heißt wirklich so und schreibt sich auch so) zum Spielen war, stand im Wohnzimmer bereits ein zwei Meter großes blinkendes Glitzermodell. „Ist er nicht großartig?“, fragte ihre Mutter Lilly. „Aber Weihnachten ist doch erst in sechs Wochen!“, protestierte ich. „Na und?“, sagte Lilly, „dann ist es dieses Jahr eben schon früher.“

Weihnachten ist in China kein traditioneller Feiertag, doch dank Globalisierung ist die sinnentleerte Quintessenz des Events längst in Shanghai angekommen: Shoppen. Unser Fahrer Fang stöhnt jetzt schon, weil seine Freundin darauf besteht, „etwas Romantisches“ geschenkt zu bekommen und fragte mich um Rat („Ist Parfum romantisch?“) Seit ein paar Jahren ist es in Mode gekommen, am Heiligabend Pakete zu überreichen und abends mit seinem Freund oder seiner Freundin auszugehen. Die Restaurants sind auf Wochen im Voraus ausgebucht. Gewissermaßen haben die Chinesen die Heilige Nacht zu einer Art Valentinstag umfunktioniert.

Ich sehe den Arbeitern beim Klettern im Weihnachtsbaumgerüst ein bisschen zu und beschließe, die ersten Geschenke zu besorgen. Ein paar Turnschuhe für Amélies Freunde, Halstücher für Oma und Uroma usw. Ein paar Straßenblöcke von Gucci entfernt ist der Fake Markt, eine beliebte Adresse für Ausländer und Touristen. Ich finde es immer wieder erstaunlich: Wenn man in Shanghai eine Frau mit Chloé- oder Prada-Tasche sieht und es ist eine Westlerin, kann man sicher sein: Die Tasche ist ein Fake. Ist es eine Chinesin, ist sie echt.

Ich laufe durch die kleinen Stände, die Stimmung ist seltsam. Dann erst sehe ich: Die Regale sind halb leer, Myriaden von Crocs, Chucks, Tod’s-Loafern, Hermès-Taschen sind verschwunden. „Was ist passiert?“ frage ich eine Verkäuferin. Ihre Antwort: „Obama.“ Es scheint zwar wenig wahrscheinlich, dass der US-Präsident oder auf seiner Stippvisite in Shanghai einen Fake-Markt besucht, aber bitte sehr. Dann gehe ich eben zum Supermarkt, Abendessen kaufen.

Vor dem City Shop werde ich von einer Horde Polizisten und ebenso vielen Trillerpfeifen zurückgepfiffen. „Obama“ sagt der eine nur, lächelt und zuckt entschuldigend die Schultern. Ich hatte ganz vergessen, dass der Staatsbesuch im Portman Ritz-Carlton absteigt, das gleich gegenüber liegt. Also auch kein Abendessen. Ich gebe mich geschlagen und will wenigstens noch eine DVD für den Abend mitnehmen. Doch auch beim DVD-Händler meines Vertrauens: leere Regale, nur chinesische Kungfu-Filme stapeln sich in der Auslage. Der Händler zuckt die Schultern und wir sagen beide zur selben Zeit: „Obama.“ Und prusten los.

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