Der Spiegel vergleicht in einer Titelgeschichte Rom und Mekka. Welches Schicksal teilen diese beiden großen religiösen Kultstätten? Es ist nicht einfacher geworden, an Gott zu glauben, unter dem Kreuz genauso wenig wie unter dem Halbmond. Große Fragen stehen im Raum. Kommen Antworten aus Rom und Mekka?
Der Spiegel, so hat es der Kabarettist Hagen Rether gesagt, betreibe “Moslem-Bashing“. Er macht dies unter anderem an den tiefschwarzen Hintergründen fest, auf denen die Contra-Islam-Themen pranken: “Papst gegen Mohammed“ oder “Mekka Deutschland – die stille Islamisierung“. Und zu Weihnachten 2009 fragte das Nachrichtenmagazin sogar “Wer hat den stärkeren Gott?“ – die Christen oder die Muslime (dieses Mal allerdings nicht auf schwarzem Grund).
Um zum Fest der Liebe zu versöhnen, haben sich die Kollegen in Hamburg entschieden, dieses Jahr einen islamfreundlichen Titel zu machen: “Mythos Mekka – die Schicksals-Stadt des Islam“. Der Hintergrund ist wieder schwarz – vielleicht, um im Bild von Hagen Rether zu bleiben –, das Ressentiment gegen die Muslime zwar zu schüren, dann aber nicht zu bedienen. Geschrieben ist der Text von einem Deutschen, der zum Islam konvertierte, als er eine Muslimin heiratete. So steht es in der Ankündigung des Textes auf Seite 3. Es ist normal und anständig, wenn man in eine gute islamische Familie keine andere Religion mitbringt. Die Top-Toleranz-Religion des Erdballs ist damit adäquat vorgestellt.
Märtyrer ohne Bombengürtel? – verrückt!
Konvertiten, das gilt religionsübergreifend, sind ja immer die größten Hardliner und riesigsten Nervensägen. Und sie sind sehr eifrig, vor allem im Verhältnis zu den anderen Religionen oder gar der Religion, der sie früher einmal anhingen. So vergleicht der Autor Bernhard Zand die Stadt Mekka mit Rom und schreibt: Mekka ist “Mittelpunkt des islamischen Universums und Kern des individuellen Glaubens. Es ist kein Thron, kein Kirchenfürst, von dem diese Weihe ausgeht. Sie geht von dem Ort aus, von den ewigen Koordinaten der Kaaba, um die Tag und Nacht die Pilger kreisen“.
Nun, die Stadt Rom hat für Christen aller Konfessionen eine tiefe Bedeutung, weil hier, im Mittelpunkt des antiken Universums, die ersten Christen für ihren Glauben an Jesus Christus mit dem Leben zahlten. Sie wurden in den Arenen hingemetzelt oder als Fackeln benutzt und verbrannt. Also nichts mit goldverzierter Kirchenverwaltung (Papst-Bashing), sondern Martyrium. Das mag dem Islam als einer Religion, die nach ihrer Gründung anders als das Christentum nicht zu Fuß und mit dem Wort, sondern auf dem Pferd und mit dem Schwert ausgebreitet wurde, fremd sein. Märtyrer ohne Bombengürtel? – Verrückt!
Spirituelles findet einen Revenue-Stream
Gibt es denn eine Brücke zwischen Rom und Mekka, christlicher und islamischer Welt? Bernhard Zand beschreibt eindrücklich und genau, wie diese heilige Stadt des Islams, wie das Allerheiligste der Muslime von weltlichem Tand und Prunk eingekesselt und vereinnahmt wird: große Hotels, Fast-Food-Ketten, Pilgerindustrie. Da teilt die Kaaba ein Schicksal mit der Peterskirche. Heilige Stätten – sie sollen nicht mehr sein im 21. Jahrhundert? Nun, Wallfahrten bedeuteten immer sprudelnde Geldquellen: Pilger mussten schlafen, sich verköstigen, Andenken erwerben. Die christliche Welt kennt das bis in die Gegenwart, Mekka war schon in vorislamischer Zeit ein Wallfahrtsort. Die durchökonomisierte Welt findet auch für das Spirituelle einen Revenue-Stream.
Zand beschreibt, dass die Modernisierung Mekkas mit vielen Fragen junger Muslime an die Gelehrten einhergeht. Beginnt hier, im Herzen des Islams, eine neue, junge, kritisch-reflexive Theologie? Zu wünschen ist es dieser Religion, die die Kultur von Ländern ausmacht, deren Bewohner zu einem überwältigenden Teil unter 25 Jahre jung sind, die moderne Kommunikation nutzen und die verstehen, dass die Welt nicht hinter dem nächsten Minarett endet.
Gibt es Gott?
Nichts ist uns sicher: die Existenz der Seele, die Freiheit des Willens, die Unerklärlichkeit der Natur, die Größe oder Finalität des Universums. Aber wie sollen wir als kontingente Wesen überleben, wenn uns klar wird, dass die religiösen Überzeugungen, die über die Jahrtausende dazu dienten, uns das Leben erträglicher und erklärlicher zu machen, nicht wahr sind? Wunder gibt es nicht, sondern nur Machbarkeiten. Die Religionszentralen in Rom und Mekka stammen aus einer anderen Zeit, als die Evolution uns noch mit Religion am Leben zu bleiben half.
Was kommt jetzt – Horror Vacui, die Angst vor der Leere? Am 1. Januar beginnt nicht eine Zeit größter apokalyptischer Unsicherheit, sondern das Jahr 2011 nach Christi Geburt. Der Glaube muss sich wandeln, wenn er nicht verschwinden soll. Die Antworten auf die großen Fragen stehen weiterhin aus. Kommen neue Gedanken dazu aus Rom und Mekka?
Alexander Görlach ist Herausgeber und Chefredakteur des Debatten-Magazins The European
Die Sehnsucht ist groß, um nicht zu sagen: die Versuchung. Aber: Ein Zurück zur D-Mark gibt es nicht. Der politischen Einigung Europas, deren Zeichen der Euro war, muss eine wirtschaftliche Einigung folgen. Der Euro ist das Vehikel dafür. Es bleibt nicht viel Zeit.
Wo ist die D-Mark?! Es gibt da einen Keller in einer Bank, so sagt man, da werden sie gehortet: die alten Scheine, die schönen Münzen. Vor allem die mit der fetten Fünf drauf! Wie selten waren damals die 5-Mark-Scheine. Wir brauchen die D-Mark wieder, weil der Euro alsbald an seinen Geburtsfehlern eingehen wird. So klingt der Cantus firmus des Abgesangs auf unsere Einheitswährung.
Um Europa zu beschwören, brauchen wir nicht mehr die Friedensrhetorik. Wir brauchen nicht mehr die Referenz auf den Wohlstand. Beides ist Realität geworden. Die erste Generation, die mit dem Erasmus-Programm über ganz Europa verteilt studiert oder mit Interrail die Alte Welt bereist hat, steht längt im Berufsleben. Für ihre Kinder ist Europa selbstverständlich. Europa hat viel Herz. Was es jetzt braucht, ist Verstand. Die Zeichen der Zeit klug lesen eine neue Vision.
Mehr als Krankenversicherung und Louvre
Von daher weist der Hinweis, die Bundeskanzlerin sei nicht in dem Sinne Europäerin wie Helmut Kohl, in die falsche Richtung. Wir brauchen heute andere Europäer als vor 20, als vor 30 Jahren. Der Eiserne Vorhang ist gefallen; die EU wird heute nicht militärisch bedroht, sondern von außen durch Finanzspekulanten, die der Union ihre innere Schwäche vorführt: Europa wird durch nationale Ökonomien mit Besonderheiten und verschiedenen Geschwindigkeiten auseinanderdividiert.
Die EU Kohls war eine der politischen Einigung, die EU Merkels muss eine der wirtschaftlichen Einigung werden – wenn man diesen Prozess auf Kohl und Merkel verengen will. Wie unser Kolumnist Stefan Gärtner anmerkte, sei die EU ja mehr als USA plus Krankenversicherung und Louvre. Die EU sei ein Projekt unter der Hegemonie Deutschlands. Wenn dem so ist, dann muss die Bundesrepublik jetzt vorausgehen und die anderen Länder mitnehmen.
Das Ende der politischen Trickserei
Die Währungsunion muss nun wirtschaftlich rational betrachtet werden, nicht mehr politisch. Wir brauchen in Europa Kontroll- und Sanktionsmechanismen, die Entwicklungen in den einzelnen Ländern im Blick haben. Wir brauchen die Möglichkeit, Defizitsünder zu bestrafen. Entzug des Stimmrechts ist eine feine Sache. Das mag politisch schwierig sein, wirtschaftlich aber macht es Sinn. Wer – weil er es aus der Ära der politischen Trickserei noch gewohnt ist – sich diesen Neuerungen entziehen will, für den muss klar sein, dass man aus der Währungsunion auch rausfliegen kann.
Ein Europa der zwei Geschwindigkeiten wird von einigen prognostiziert. Das politische Europa war so, das wirtschaftliche wird genauso sein. Eine gemeinsame Wirtschafts-, Währungs- und Haushaltspolitik kann ja nicht das Ende der Souveränität, der nationalen Partikularität bedeuten. Wirtschaft heißt Wettbewerb. Auch in der Europäischen Union. Wir wollen ja keine UdSSR mit Reise- und Religionsfreiheit werden.
Massenarbeitslosigkeit dank der D-Mark
Diese Tage entscheiden über das Geschick, über die Zukunft der Europäischen Union. Mehr Integration wagen oder nicht. Die Bereitschaft, den Rettungsschirm auszuweiten, zeigt in die richtige Richtung: Wir wollen das Entstehen eines gemeinsamen Wirtschaftsraums absichern durch umfassende Finanzgarantien. Was nicht gehen wird, ist diese Entwicklung nur anzutäuschen! Darüber müssen sich die Regierenden klar sein. Die Regierten machen das nicht mit! Weder die, die die Rechnung zahlen, noch die, die sich anstrengen. Griechenland spart eisern, Spanien auch, Irland tut es. Die Lahmen gehen in den extraschnellen Gang. Sie wissen, dass der Verlust der Währungsunion für sie nur Negatives bedeuten würde.
“Ja“, sagen die Freunde der Mark, “die Drachme war ja auch eine Schrottwährung. Aber unsere D-Mark!“ Wenn der Euro fällt und wir die D-Mark wieder einführen, schießt “unsere“ neue alte Währung so was von durch die Decke, dass unsere Exporte unbezahlbar werden und wir ruckzuck zwei Millionen Arbeitslose mehr haben. Wo ist die D-Mark? In irgendeinem Bankkeller? Da kann sie bleiben.
Alexander Görlach ist Herausgeber und Chefredakteur des Debatten-Magazins The European.
Wikileaks hat wieder zugeschlagen: Ein obskurer, intransparenter Haufen unter einem weißhaarigen Sonderbaren entkleidet die Supermacht USA. Ihr Botschafter in Deutschland, Phil Murphy, muss seine Koffer packen. Viele zittern vor den nächsten Enthüllungen. Allein: Wer enthüllt eigentlich, was genau hinter Wikileaks steckt?
Es ist überhaupt nichts Besonderes, dass Dossiers und Notizen angefertigt werden. Von Politikern, Wirtschaftsbossen, Medienmenschen. So machen das Diplomaten eben. Und was stand schon aufregend Neues in den Depeschen des amerikanischen Botschafters in Deutschland? Dirk Niebel eine “schräge Wahl“, Horst Seehofer “unberechenbar“. Das hätte Phil Murphy aus der Zeitung abschreiben können, das hätten Hillary Clintons Beamte beim Lesen von The European oder anderen deutschen Qualitätsmedien auch erfahren können.
Vielleicht gibt es die arme FDP-Wurst am Ende gar nicht, die sich aus vermeintlichem Geltungsdrang heraus dem Vertreter der letzten Supermacht in unserem armen und gebeutelten Land ans Bein geworfen und anheischig gemacht hat. Vielleicht ist es der Geltungsdrang des Botschafters selbst? Auf jeden Fall ist es eine Frechheit, jedes, aber auch jedes Wort, so wie es scheint, das man zu ihm spricht, diplomatisch zu verwerten. Diplomatisch – oder nachrichtendienstlich? Der SPIEGEL deutet die Depeschen in diese Richtung, ihr Wortlaut legt das nahe. Im Prinzip bleibt dem US-Botschafter nichts anderes übrig, als die Bundesrepublik zu verlassen.
Geheimnisverrat ist kein Kavaliersdelikt
Zum Glück gibt es Wikileaks, sonst wäre das nicht ans Licht gekommen! Das scheint bei manchen die Schlussfolgerung aus diesen Enthüllungen zu sein. Diese Schlussfolgerung ist falsch. Bestimmte Inhalte sind einer Öffentlichkeit zuzumuten: ausrecherchierte Geschichten, Stimme und Gegenstimme. Abwägung einzelner Umstände. So arbeiten Journalisten. Einen Berg Dokumente ins Netz stellen? Nicht auf die Konsequenzen achten? Sich selber dadurch zum Spielball anderer Interessen machen? Diese Nachfragen kümmern den Wikileaks-Chef nicht. Rund um den Globus müssen Journalisten seine Arbeit machen und die Papiere auswerten.
Geheimnisverrat ist kein Kavaliersdelikt. Schon jeder Arbeitnehmer unterschreibt in seinem Vertrag, die Interna des Unternehmens, für das er arbeiten wird, nicht nach außen zu tragen. Viel mehr gilt das in Ministerien und Armeeführungen. Die Veröffentlichungslust der einen paart sich mit der Hybris Assanges, der Weltöffentlichkeit für einen Moment klarzumachen, mit welcher Machtfülle er sich ausgestattet glaubt. Beide Motive sind widerlich. Als Nächstes, so lässt der schaurige Weißhaarige verlauten, sei die Wall Street mit Enthüllungen dran. Ruhig Blut, wir werden auch hier sicher vor allem das erfahren, was wir schon wussten. Oder glauben Sie, es kommen Unterlagen ans Licht, wonach sich Banker reihenweise mit ihren Boni in sozialen Projekten in der Dritten Welt engagiert haben?
Wikileaks ist intransparent
Was Assange will, ist die totale Transparenz. Sein Credo ist die finale Öffentlichkeit alles Gesprochenen und Gedachten, er ist ihr Hohepriester. Es gibt nun aber Dinge, die nicht für eine größere Öffentlichkeit bestimmt sind: was Sie mit Ihrem Partner besprechen beispielsweise. Oder mit Ihrem Arzt. Stellen Sie sich vor, alle Krankenakten der Einwohner Ihrer Stadt würden auf einmal ins Netz gestellt.
Wikileaks ist kein Segen, sondern ein Fluch. Für uns alle. Assange führt auf obskure Weise eine obskure Organisation. Wann gibt es dort mal ein Leck, wann packt da mal jemand aus? Botschafter Murphy ist ein geschickter Fragesteller. Nach seiner Demission aus Deutschland kann er im Wikileaks-Umfeld den Aushorcher geben. Zeit dafür hat er ja dann.
Alexander Görlach ist Herausgeber und Chefredakteur des Online-Magazins The European.
Ihr liebt das Leben, wir den Tod. Das Credo islamistischer Gotteskrieger braucht uns nicht schrecken. Die bärtigen Steinzeitfundis sind der Sargnagel der islamischen Welt. Von dort geht keine Gefahr für uns aus.
Angst hat etwas Gutes. Die Angst vor dem Terror hat etwas Gutes. Denn: Angst schärft den Blick, Angst reduziert auf das Notwendigste. Angst macht wachsam. Die gegenwärtige Situation schärft den Blick für die Freiheitlichkeit, in der wir leben. Das Notwendige ist, diese Freiheit zu sichern. Wegen der Angst vor einem Anschlag fragen wir uns: Wer bedroht uns und warum.
Und wenn wir uns ehrlich die Antwort auf diese Frage geben, können wir schon wieder durchatmen: Es sind ein paar bärtige Freaks, die uns – gefangen in einem Korsett steinzeitlicher Überzeugungen – aus der Bahn bomben wollen. Wie Hamed Abdel-Samad treffend in seinem Buch „Der Untergang der islamischen Welt“ analysiert, begegnet uns in der Aggression des totalitären Islam nicht die ganze Vitalität einer vor Kraft strotzenden, zu Expansion bereiten Kultur, sondern ihr letztes Aufbäumen.
Wer liebt das Leben, wer den Tod?
Der totalitäre Islam heute ist nicht eine Antwort auf eine verfehlte westliche Politik. Er ist das Schrei der geschundenen, meist jungen und männlichen, Kreatur, die unter einer erstarrten Kruste aus Moralismus, politischem Despotismus und wirtschaftlichem Unvermögen leidet und ausbrechen möchte – und dabei immer wieder auf ein anderes kulturelles Konzept stößt, dass dem eigenen himmelhoch überlegen ist. Das produziert Ablehnung, das produziert Hass.
Ihr Hass führt zu Fehlentscheidungen. Unsere Angst hilft, klar zu sehen. „Ihr liebt das Leben, wir den Tod“. Besser als dieser bekannte und oft zitierte Satz von islamistischen Terroristen belegt nichts meine These vom Irrweg des bombenden Islamismus: Wenn der Hass dazu führt, dass man sein eigenes Leben so gering schätzt, für nichts mehr wert, als Träger einer Bombe zu sein, überwindet der Hassende am Ende noch den Lebens- und Überlebenstrieb, den die Natur für jeden Menschen vorgesehen hat. Nicht die, die ihr leben lieben, liegen falsch, sondern die, die es verachten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der islamischen Religionsgeschichte nicht auch Gelehrte und Theologen gegeben hat, die das auch so gesehen haben.
Rasieren und waschen
Wir müssen jetzt wachsam sein, dass wir die Freiheitlichkeit unserer Kultur nicht verlieren. Nicht an überbordende Sicherheitsgesetzte. Nicht an Vorurteile gegenüber türkischen Gemüsehändlern. Wir müssen wachsam sein, dass Ressentiments nicht erst zu Unfreiheit für bestimmte Bevölkerungsgruppen führt und dann zu Hass gegenüber ihnen. Dann hätten die Islamisten uns mit ihrer Ideologie infiziert, mit einem religiösen Irrglauben, der alles, jede Regung als endzeitliche Schlacht um die Wahrheit Allahs sieht.
Wir haben unser Leben selbst in der Hand. Es gibt kein Schicksal und keine Fügung, Freiheit macht Arbeit. Rasieren und waschen – dann habt ihr in drei Wochen einen Job. Das möchte man den Islamisten – es ist ein Zitat von Kurt Beck gegenüber einem zottligen Demonstranten – gerne zurufen.
Alexander Görlach ist Herausgeber und Chefredakteur des Debatten-Magazins The European.
Zwei große Ablösungen stehen an: Guido Westerwelle wird durch Christian Lindner ersetzt werden, Horst Seehofer durch Karl-Theodor zu Guttenberg. Beim Ersten ist es eine Sache weniger Wochen, vielleicht Tage. Beim Zweiten steht der Zeitplan noch nicht exakt fest. Wildbad Kreuth im Januar könnte dafür allerdings wieder eine gute Kulisse bilden.
Guido Westerwelles Rückzug als Parteichef ist nur noch eine Formsache. Lange warten kann er damit nicht mehr. Die Landesverbände seiner Partei, die im nächsten Jahr in den Parlamenten an der Fünfprozentmarke zu scheitern drohen, glauben, dass sie den Absturz in die absolute Bedeutungslosigkeit nur aufhalten, wenn sie ihn nun schnell stürzen. Guido Westerwelle hat das Heft des Handels seines Abgangs nur noch kurze Zeit in der Hand: Sobald die Landtagswahlkämpfe in die heiße Phase gehen, wäre ein Weggang, der nach außen noch irgendwie verkauft werden kann, für ihn nicht mehr möglich.
Horst Seehofer ist in der CSU isoliert. Er ist sprunghaft. Das sagen Politiker der bayerischen Partei, wenn man sie danach fragt. Er, der nie Spitzenkandidat in Bayern war, hat neben Erwin Huber auch Günther Beckstein aus dem Amt des Ministerpräsidenten beseitigt. Beckstein hat noch 43 Prozent für die Christsozialen geholt. Seehofer traut man das nicht zu. Sollte Seehofer alles hinwerfen, steht Joachim Herrmann als neuer Landeschef bereit.
Moderatorin, keine Kindergärtnerin
Westerwelle und Seehofer sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass das zweite Kabinett Merkel in seinem ersten Amtsjahr ein jämmerliches Bild abgegeben hat. Merkel ist eine starke Moderatorin. Sie ist keine Kindergärtnerin. Das Malheur ging los, als die beiden Machtmänner beschlossen haben, sich zu duzen.
Freu dich auf den Wechsel, Deutschland! Bereit zur Stabübernahme bei der FDP ist Christian Lindner. Der intelligente und unverstellte Neu-Akteur auf dem Berliner Parkett hat das Zeug, den Liberalen einen inhaltlichen Neuanfang zu ermöglichen. Auch die CSU hat einen glänzenden Kandidaten für den Job: Karl-Theodor zu Guttenberg. Er kann der verunsicherten Partei eine neue konservative und moderne Programmatik verpassen.
Das ist es, was beiden Parteien im Moment abgeht: inhaltliche Tiefe und ein Wissen um das, was ihren Markenkern in einem erweiterten Sinne und unter den Vorzeichen der Gegenwart ausmacht.
Danke Frank-Walter, danke Peer!
Was ist mit der Merkel-CDU? Hier sieht es ganz anders aus. Merkel muss weitermachen, weil es derzeit niemanden gibt, der anstelle ihrer den Vorsitz übernehmen kann. Seit sie ohne Koch, Rüttgers, Wulff, von Beust und Althaus CDU-Politik machen muss, ist es ganz schön einsam geworden an der Spitze der Partei. Talente wie Christian von Boetticher werden auf Landesebene gebraucht.
Die CDU mäandert inhaltlich ebenso umher wie ihre beiden Juniorpartner. Allein bei Kruzifixen, Abtreibung und PID funktioniert das Wertebild der Partei noch. Merkel hat zuerst den Weg der Marktliberalität beschritten, dann die Neue Mitte für sich entdeckt, Politik für Frauen, Ökos und Migranten gemacht. Im Moment kehrt die Partei von diesem Weg wieder ab und hinterlässt kräftig Flurschaden. Der Wähler wird sich revanchieren.
Deshalb sind die einzige Hoffnung der CDU die beiden neuen Männer von CSU und FDP, Guttenberg und Lindner. Sie nehmen die Kanzlerin in die Mitte und erledigen das mit der inhaltlichen Ausrichtung und dem Neudenken von Christdemokratie gleich mit. Das Zeug dazu haben sie. Endlich wird es Frau Merkel wieder mit Männern zu tun haben, nicht mit Buben. Dann wird ihre Politik auch sicher wieder besser. Deutschland weiß erst nach dem ersten Jahr Schwarz-Gelb, was es Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück verdankt.
Alexander Görlach ist Herausgeber und Chefredakteur des Debatten-Magazins The European.
Die Schwaben nerven einfach nur noch. Sie sind jetzt “gegen die da oben”. Das müsse jetzt sein, denn Stuttgart 21 ist ein Projekt der herrschenden Klasse. Die Population, die Berlin mit der Einführung der Kehrwoche beglückt hat, geht nun auf die Barrikaden: Für die Freiheit! Für die Demokratie!
Jetzt stehen die Gscheitles vor dem Gelände des Stuttgarter Hauptbahnhofs und erklären die Welt. Da sind sie, die schon immer die besseren Politiker, Planfeststellungsmenschen, Geologen, Schaffner und weiß Gott was alles gewesen wären. Sie nutzen die fiese demagogische Kraft der Masse, um sich an denen abzuarbeiten, die auf den Posten sitzen, auf denen sie sich gern wähnten.
Von den Gleisen in die Büsche
Jetzt kostet es sie nichts mehr, an die Öffentlichkeit zu gehen. Als man ein Mandat hätte erwerben können (kann in Deutschland jeder), da haben sie sich in die Büsche geschlagen. Man steht nämlich schnell allein da im Wahlkampf, als Mandatsträger. Man muss zeigen, was man kann. Es wird schnell offenbar, wenn man nichts kann.
Nervige, spät gebärende Prenzlberger aus dem Ländle projizieren das, was sie gern geworden wären, auf ihre Kinder. Das reicht den Stuttgartern nicht mehr. Sie projizieren alles Vermögen zur gesellschaftlichen Gestaltung nicht mehr auf die Gewählten, sondern auf sich. Die Langweiler und Spießer möchten jetzt auch einmal Akteure sein! Was verleiht den sonst so Lethargischen den nötigen Schub? Sie folgen denen, die sagen, dass beim Projekt Stuttgart 21 schon immer alles getürkt (darf man dieses Wort überhaupt noch benutzen?) gewesen sei. Sie hatten, so scheint es, ein Erweckungserlebnis.
Was wollt Ihr eigentlich?
Und da zu jedem guten Erweckungserlebnis auch Pathos gehört, rufen die Protestierer jetzt: “Wir sind das Volk!” Grotesker geht es nicht. Die Menschen in der DDR waren eingesperrt und politisch deaktiviert. Wenn der Schwabe an sich nicht gern verreist, sondern lieber seinen Vorgarten pflegt, ist das sein Privatvergnügen. Die Bevölkerung des Bundeslands, das sich stets mit den benachbarten Bayern um die besten Werte bei Wohlstand, Sicherheit und Bildungsstandards kabbelt, kann echt vieles behaupten, aber nicht, dass sie schlecht regiert wird. Also: Was wollt ihr eigentlich?
Ich möchte wirklich eine Antwort auf diese Frage! Was ist der Plan? Was passiert, wenn Stuttgart 21 nicht kommt, die Landesregierung abgewählt wird? Was ist die Agenda, gegen was seid ihr dann? Beziehungsweise: Für was steht ihr dann ein? Mit Basisopposition ist kein Staat zu machen. Mit Basisdemokratie, das sieht man jetzt ganz deutlich, auch nicht.
Alexander Görlach ist der Herausgeber & Chefredakteur des Debatten-Magazins The European.
Der Bundespräsident wird überinterpretiert. Christian Wulff sagte in seiner Rede: “Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.” Damit hat das Staatsoberhaupt keine theologische Aussage gemacht, er hat auch nicht die Prägekraft des Christentums für die Gegenwart des Landes relativiert. Er hat ein Signal an die Muslime senden wollen: Ihr gehört zu unserer Gesellschaft.
Wir Deutschen müssen lernen, mit einer religiösen Minderheit zu leben. Und wir sollten es besser machen als in den Jahrhunderten, in denen Juden und Christen in Feindschaft nebeneinander her existiert haben. Wenn heute das “jüdisch-christliche Erbe” beschworen und sogar in Stellung gegen den Islam gebracht wird, dann steht dieses Bekenntnis auf den Trümmern der Schoah. Es ist das “Nie wieder” der Christenheit, deren Ablehnung des Judentums in das Fanal unserer Zivilisation, dem millionenhaften Mord an den Juden durch die Nazis, geführt hat. Es wäre absurd, die Behauptung zu wiederholen, die Türken seien nun die neuen Juden Europas. Es wäre aber zur selben Zeit töricht, zu glauben, dass sich Intoleranz und gesellschaftliche Ausgrenzung nicht wiederholen könnten.
Der Gott der Christenheit im Grundgesetz
Die christliche Tradition hat Deutschland geprägt. Unter den Trümmern des Kriegs bargen die Väter und Mütter des Grundgesetzes die Überlieferung des christlichen Glaubens. Die “Verantwortung vor Gott” steht in der Präambel unserer Verfassung. Gemeint ist der Gott der biblischen Tradition. Kein anderer. Das kann man so festhalten, denn 1948 dachte wirklich niemand an millionenfachen Zuzug aus der islamischen Welt. Muslime heute können aber – wenn sie wollen – in der Anrufung unseres Gottes auch ihren Gott erblicken. Das wird man ihnen ohne Zweifel zugestehen dürfen.
Wir Europäer haben viel diskutiert über das jüdisch-christliche Erbe und darüber, ob es Erwähnung in der europäischen Verfassung finden solle. Vertreter von islamischen Interessenverbänden forderten damals lautstark, auch der Islam gehöre in die Aufzählung. Das ist mit einem Wort: falsch. Europa hat sich in seiner Geschichte immer wieder des Islam erwehrt. Die christliche Religion, die auf ihr fußende Kultur sieht manche Dinge in der Welt nicht irgendwie und nur ein bisschen anders als der Islam. Sie sind diametral verschieden: das Menschen-, Gesellschafts-, Welt- und Gottesbild.
Tradition ist das eine, Wandel das andere
Der Islam und die Muslime in Europa werden ihren Platz finden müssen in einer Welt, die auf anderen Grundlagen als die ihnen einstmals vertraute steht. Der Islam geht in seiner Vorstellung davon aus, vorherrschend zu sein. Muslime sollen idealerweise dort leben, wo der Islam Majorität ist. “Der Islam herrscht und wird nicht beherrscht” – so lautet ein Satz aus der islamischen Tradition. Tradition ist aber eben nur das eine, Wandel das andere. Muslime, die hier leben, sind geistig mobiler als Beduinen des 7. Jahrhunderts. Auch das wird man den Muslimen ohne Weiteres zugestehen dürfen.
Der bevorstehende Wandel kann sehr fruchtbar werden. Der Prozess dazu beginnt gerade erst. Islamische Religionslehrer werden an den Universitäten ausgebildet. Religionsunterricht wird eingeführt. Moscheen werden gebaut und islamische Grabstätten errichtet. Diesen Wandel innerhalb des Islam in Deutschland verunmöglichen wir, wenn wir mit der gesellschaftlichen Ausgrenzung weitermachen.
Was ist das Eintrittsbillet in unsere Gesellschaft?
Am Ende profitiert unser Land. Natürlich müssen wir deutlich machen, wo unsere Grenzen liegen. Natürlich müssen wir sagen, dass wir nicht islamisiert werden wollen. Natürlich müssen wir radikale und ewig gestrige Imame ausweisen. Aber wer glaubt denn ernsthaft, dass die stille Mehrheit der Muslime in Deutschland das nicht genauso sieht?
Die Gesellschaft muss vor allem das Vertrauen der muslimischen Jugendlichen wieder gewinnen, die sich in Scharen radikalisieren, weil sie keine Teilhabe an unserer Gesellschaft erlangen. In einer Verfilmung des Lebens von Gustav Mahler sagt der Komponist: “Der Taufschein ist das Eintrittsbillett in die europäische Gesellschaft.” Wie viele Juden haben sich taufen lassen, um überhaupt mitspielen zu können in Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft? Und heute schmücken wir uns mit unserer “jüdisch-christlichen” Vergangenheit?
Wir sind nur dann eine großartige christliche, demokratische und freiheitliche Gesellschaft, wenn wir die Muslime, die hier als anständige Bürger leben, auch Bürger im Vollsinn sein lassen. Das ist die Kraft, die Wahrheit und der Charme der Freiheit, die am Ende jede starrsinnige Ideologie, auch den Islamismus, überwinden wird. Das ist das Deutschland, in dem der Bundespräsident die Muslime willkommen geheißen hat. Es kann auch ihr Deutschland werden. Sie müssen ein Teil davon werden wollen und wir müssen sie einen Teil davon werden lassen.
Alexander Görlach ist Herausgeber und Chefredakteur des Debatten-Magazins The European.
Kann sich jemand noch ein Europa mit Eisernem Vorhang vorstellen? Die deutsche Einheit hat den Kontinent geeint. Sie markiert das Ende des Kalten Krieges. Niemand sehnt sich nach dieser Zeit zurück. Ich kann mich noch erinnern – ich bin an Weihnachten 1976 geboren –, dass als Kind meine Angst vor den Russen oder die Furcht der Bevölkerung vor einem atomaren Krieg groß war. In dem Qualitäts-Comicstreifen „Werner – Beinhart“ (1990) ruft einer der Protagonisten stets „Die Russen kommen“. Was der Schreckensruf der Nachkriegsgeneration war, taugte ein Jahr nach der Wende nur noch als Verhöhnung des untergegangenen Sowjetimperiums.
Pünktlich zur Einheitsfeier enthüllt das Magazin SPIEGEL, dass die Franzosen der Wiedervereinigung Deutschlands nur zustimmen wollten, wenn die Bundesregierung unter Helmut Kohl weitreichende Zugeständnisse beim Zeitplan zur Einführung des Euro machen würde. Das ohnehin derzeit angespannte deutsch-französische Verhältnis wird durch diese Titelgeschichte des reichweitenstärksten deutschen Printmagazins nicht besser. Entsprechend fallen die Reaktionen aus. Der damalige Außenminister Genscher dementiert nicht, der damalige Minister, der den Einheitsvertrag aushandelte, Wolfgang Schäuble, schäumt.
Für die Deutschen ist Helmut Kohl der Kanzler der deutschen Einheit und der europäischen Integration. Deutschland begreift sich als Lokomotive der Europäischen Union. Ein Bericht, der Gegenteiliges behaupten könnte, nagt schwer am Selbstverständnis der Nation.
Europa wird künftig nirgends hingehen, wenn die beiden Länder nicht gemeinsam die Union führen. Kanzlerin Merkel hat die Größe, nach einem Euro-Rettungsgipfel durch die Hintertür abzugehen, während vorn am Haupteingang der französische Präsident Sarkozy gestenreich und auf Zehenspitzen erklärt, er und er allein habe alle französischen Ideen und Ansprüche durchgesetzt und die Union gerettet. Zum Glück ist Frau Merkel keine Egomaschine nach dem Modell Sarkozy oder Berlusconi.
Von daher ist es auch unerheblich, ob François Mitterand den Deutschen unter Helmut Kohl den Abschied von ihrer geliebten D-Mark abtrotzen musste. Die Union geht nur voran, wenn visionäre Staatsmänner/frauen sie führen. Das Foto der sich an den Händen haltenden Staatslenker François Mitterand und Helmut Kohl auf dem Schlachtfeld von Verdun aus dem Jahr 1984 gehören zur Ikonografie der Union. Zwanzig Jahre nach der deutschen Einheit brauchen wir ein starkes Symbol des Zusammenhalts der Europäische Union.
Alexander Görlach ist Herausgeber und Chefredakteur des Debatten-Magazins The European.
Die Behauptung, es gäbe eine Debatte darüber, was konservativ ist, ist falsch. Es gibt vielmehr eine grundsätzliche Debatte über die Richtung, in die unsere Gesellschaft gehen soll. Die Werte, denen sie sich verpflichtet, das Ethos, das sie lebt.
Klassische konservative Themenfelder, sagen wir die Bundeswehr, werden gerade generalüberholt. Weil es notwendig ist. Mit einem bestimmten Maß an Pragmatismus. Wird die neue Bundeswehr deshalb von den “Konservativen” nicht mehr oder von den “Linken” mehr gemocht werden? Die Agenda 2010 der SPD war mutig und pragmatisch. Sie wurde aber von einem Teil der “linken” SPD auf das Schärfste abgelehnt und bekämpft, aber von Teilen der “Konservativen” begrüßt. Was jetzt? Und: Ist die SPD eine “linke” Partei oder eine “konservative”, weil sie bei der Rente mit 67 in eine Welt zurück will, die es nur noch in der Erinnerung gibt?
Konservativ – Haltung, nicht Lebensstil
Das Konservative als Lebensstil hat sich überlebt. Wertkonservativ sein als Haltung nicht. Nur: Welche Werte wären das?
Ich möchte hier drei Werte aufführen, die ich als konservativ beschreiben würde. Welche Partei oder Gruppierung sich auch immer dieser Werte verschreibt – das müssen nicht notwendigerweise oder ausschließlich die Christdemokraten sein –, ist meiner Meinung nach eine wertkonservative.
1.) Bildung ist der Schlüssel zu allem. Bildung geschieht im Kindergarten, der Vorschule, der Schule und an der Universität. Bildung heißt nicht: auf den Arbeitsmarkt vorbereitet sein. Denn wie oft haben wir schon gehört, dass uns Lehrer, Ärzte, Ingenieure ausgehen, um drei Jahre später zu lesen, dass wir doch genug davon haben. Bildung heißt Wissen erwerben, Zusammenhänge herstellen können, unsere Kultur verstehen. Dadurch werden Transfers möglich, egal, in welchem Wissensbereich. Es klagen Juristenkammern und Medizinerverbände, dass die Uni-Absolventen wohl ihr Fach verstehen, aber keine Bildung haben, wenn es um ethische Prinzipien oder den Umgang mit Menschen geht. Bildung in diesem umfassenden Sinne ist ein konservativer Wert.
2.) Leistung erwächst aus der erworbenen Bildung. Das Wissen um das gesellschaftliche Ganze spornt an. Jeder kann einen Unterschied machen. Das geht nur, wenn man etwas leistet. Sich einbringt. Damit ist nicht mehr Netto vom Brutto gemeint. Leistung ist eine Haltung. Wir honorieren im Moment Leistung nicht ausreichend. Ja, Sie haben richtig gehört. Warum? Wer Hartz-IV-Empfänger Schnee schippen lassen will, der muss die Arbeit des Schneeschippens als gesellschaftlich wichtige ehren. Er muss die, die diese Arbeit leisten, ehren. Das gilt für die Aufsicht im Museum genauso wie für den, der Alten im Heim etwas vorliest. Das ist keine Leistung zweiter Klasse. Leistung so zu sehen, das ist ein konservativer Wert.
3.) Engagement: Gesellschaftliches Engagement, die starke Bürgergesellschaft erwächst aus Bildung und Leistung. Die, die es geschafft haben, übernehmen Verantwortung. Bitte nicht immer nach dem Staat rufen. Der Staat kann nicht alles und der Staat muss auch nicht alles können. Er setzt den Rahmen für die Ermöglichung persönlicher Entfaltung. Er garantiert die Grundrechte. Als Sozialstaat schafft er Ausgleich. Er moderiert Interessen und setzt Grenzen. Dass Eigentum verpflichtet, ist kein Gesetz, sondern ein Artikel des Grundgesetzes. Engagement ist ein Wert, der sich aus der Konstitution des Menschen ergibt: Einige sind stärker als andere. Wir leben aber nicht mehr im Naturzustand, sondern in einer zivilisierten – und in Deutschland darüber hinaus sogar – in einer christianisierten Gesellschaft. Das Engagement als Beitrag zur Überwindung des Naturzustands in einer humanen Gesellschaft zu betrachten: Das ist ein konservativer Wert.
Sich verdammt noch mal ein Ethos geben
Die Frage, auf die alles zuläuft, ist die: Wie wollen wir leben? Die meisten, die Sie fragen, werden etwas von Werten sagen. Säkulare, plurale und demokratische Gemeinschaften geben sich diese Werte. Sie sind von der Vernunft einsehbar und zugleich ein anspruchsvoller, großer Wurf. Bildung, Leistung, Engagement. Die Werte müssen aus sich die Kraft haben, sich zu bewahren – wertkonservativ sein –, weil sie selbstevident sind, nicht weil sie von einer politischen Partei verteidigt werden.
Alexander Görlach ist Herausgeber und Chefredakteur des Debatten-Magazins The European.
Der Dualismus ist ein großer Geschichtenerzähler. Von den antiken Heldenepen über die gnostische Weltanschauung bis zu den endzeitlich aufgeladenen politischen Ideologien à la Bush junior und Ahmadinedschad. Nun also wieder Gut gegen Böse: Apple gegen Google. Geschlossenes System versus offenes Internet.
Die Fronten sind klar: Das Web lebte von der Offenheit, sowohl technisch als auch inhaltlich. Offenes Programmieren macht das browserbasierte Web zu einem Marktplatz für alle. Ein Marktplatz der Freien, auf dem gesprochen werden konnte, über was man möchte. Ermöglicht wurde das durch den freien Zugang zu allen Informationsquellen. Es klingt nach einer neuen Epoche der Aufklärung.
Apple zensiert Inhalte und diktiert Preise
Nun kommt Apple – und erfindet den iStore und die Apps. Musik zum Downloaden für einen kleinen Preis, Monopol: Apple. Die Applikationen für Smartphones: Das Monopol liegt bei Apple. Die Konzernpolitik um das iPad treibt es auf die Spitze: Steve Jobs legt nicht nur den Preis für Apps fest, an die sich zuerst einmal die Verlage halten müssen, sondern er zensiert auch die Inhalte. Verlage sind also weder in ihrer Preisbildung noch publizistisch frei. Hier beginnt ein Konzern, gewaltig seine Rolle zu überschätzen – böse zu werden. Nicht umsonst ist der abgebissene Paradiesapfel das Logo des Konzerns. Wie Gott sein, weniger scheint Steve Jobs nicht zu genügen.
Googles Android ist eine freie Software und quelloffen. Es ist ein Betriebssystem und eine Softwareplattform für Smartphones, Mobiltelefone und Netbooks. Google braucht den freien Zugang zu Daten, denn die Datensammlung ist die Grundlage des Geschäftsmodells. Apple ließ im Zuge des Streits um die zensierten Inhalte – konkret ging es beispielsweise um das Seite-eins-Mädchen der “Bild”-Zeitung, das Apple nicht zeigen wollte – wissen, dass, wer unzensierte Inhalte wollte, doch bitte schön Android nutzen solle (genauer hieß es, wer Porno sehen wolle, der möge Android nutzen).
Apple ist ein technischer Dienstleister – mehr nicht
Was im Moment nach moralisch sauber und als politisch korrekt im als prüde verschrienen Amerika gelten könnte, trifft im nächsten Moment vielleicht politische, ethnische, religiöse oder sexuelle Minderheiten. Wenn ein technischer Dienstleister sich zum Herrn über den Content aufspielt, dann gnade uns Gott.
Nun ist die Datenkrake Google nicht frei von Schuld. Der Datensammelexzess im Zuge der Street-View-Fotoaktion ist nur ein Beispiel, für das sich der Konzern schämen muss. Es ist deshalb auch nicht an Google, den ersten Stein auf Apple zu werfen. Es steht aber hier auf einer höheren Ebene – und da sind wir wieder beim Dualismus – mehr auf dem Spiel.
Illusion eines neuen Paradiesgartens
as offene Netz ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Einer technischen Offenheit korrespondiert der freie Verkehr von Inhalten. Wenn wir zulassen, dass das zurückgeführt wird, werden aus der global vernetzten Menschheitsfamilie wieder parzellierte Inseln, die dann auch noch von der Gunst eines Konzerns abhängen.
Die Apps sind nicht das Problem. Sie sind wahrscheinlich der einzige Weg, auf dem Verlage wie auch The European künftig von seinen Lesern Geld für die Inhalte erhalten wird. Das Problem ist die Preispolitik und die Zensur von Inhalt. Apple kann schöne Produkte bauen. Darauf sollte sich der Konzern beschränken. Sagte nicht ein bekannter Gnostiker: Schuster, bleib bei deinen Leisten?
Alexander Görlach ist Herausgeber und Chefredakteur des Debatten-Magazins The European.
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