Houston – we have a problem!

Veröffentlicht in Allgemein von admin am 23.04.2008 um 18:14 Uhr

Ich hatte es geschafft. Im Juli 1999 würde ich für ein Jahr als Lehrer nach Houston, Texas gehen. Was würde mich jenseits des Ozeans erwarten? Ich war vorher schon 2 mal in den USA, aber ohne Rückflugticket war alles anders. Die Unterstützung, die ich erfuhr war grandios und half beim Neuanfang enorm.

"Houston we have a Problem" – mit diesen Worten versuchte ich meiner damaligen Freundin Birgit anzudeuten, dass ich den Job in Houston bekommen hatte. Alles, was Birgit herausbrachte, waren dicke Kullertränen, weil ich zunächst alleine losziehen musste.

Jetzt, 9 Jahre später und um einen Ehering, einen wundervollen Sohn und eine Menge Erfahrungen reicher, haben wir in den USA ein neues Zuhause gefunden. Im ersten Blogbeitrag will ich kurz zurückgehen zum holprigen Neuanfang in der Fremde, die Heimat werden sollte.

Was wusste ich ueber Texas – nicht allzuviel. ‘Alles ist grösser in Texas’ und ‘man kann einen Tag fahren und ist immer noch in Texas’. Ein Bekannter aus Dallas an der Erfurter Uni fragte mich: "Weisst du woran du merkst, dass du in Texas bist? Wenn du beide Wasserhähne aufdrehst und aus beiden kommt warmes Wasser." OK, ich hatte verstanden und den dicken Pulli konnte ich wieder auspacken.

Ich gestehe mir heute noch ein, dass es ein recht mutiger Schritt war, jenseits des grossen Teiches mit 2 Koffern zu landen und sich nach einer Woche Vorbereitung in einem völlig anderen Schulsystem mitten im neuen Job wiederzufinden.

Mein Aufbruch aus Deutschland war hektisch. Donnerstag: Zeugnisausgabe in meiner alten Schule in Gebesee, Freitag: Koffer packen, Samstag: Abschiedsparty, Sonntag: mit Lufthansa LH 440 von Frankfurt nach Houston und Montag ging schon die Vorbereitungswoche los. Ich hatte den Kopf voll mit praktischen Überlebensfragen wie Autokauf, Apartmentsuche, Social Security Number beantragen, Bank Account eröffnen und die Texas Drivers Licence machen. Im ‘Inservice’ bekam ich eine Woche lang Vorträge über das amerikanische und texanische Schulsystem zu hören, was zu diesem Zeitpunkt wenig hilfreich war. Warum die Ami’s für alles eine Abkürzung haben, bereitete mir Kopfzerbrechen. Soll ich mir die alle merken? Eine dieser ‘Abbreviations’ erschien unseren ‘Trainern’ enorm wichtig zu sein – P.D.A.S. Es dauerte etwas bis ich, vom im Jetlag geplagt, verstand, worum es ging. Das PROFESSIONAL DEVELOPMENT AND APPRAISAL SYSTEM, also ein Evaluationsinstrument für jeden Lehrer in Texas wurde über viele Stunden erklärt. Verstanden habe ich dies erst vollständig, als meine Schulleiterin plötzlich eine gesamte Stunde unangemeldet hospitierte, dabei ein Protokoll ausfüllte, das ich unterschreiben und bei Bedarf mit ihr in einer Konferenz auswerten durfte. Es folgten während des ersten Halbjahres noch 2 Kurzhospitationen, sog. ‘Walk Through’. Die Frage, warum es so etwas ähnliches in Deutschland nicht gibt, stelle ich mir heute noch oft.

Nach einer Woche hatte ich einen Ordner voll Kopien, jedoch noch kein Auto und kein Apartment. Als nächstes musste ich meiner zukünftigen Schule einen Besuch abstatten. Die erste Person, die ich dort traf, war Counselor und Schul-Urgestein Don Leedy. Da ein guter Counselor immer die Ohren offen hat für die Probleme anderer Leute, hatte ich nichts Besseres zu tun, als ihm sofort mein Dilemma zu schildern. Nach 30 Minuten waren wir auf dem Weg zu seinem Haus, um mein ‘neues’ Auto abzuholen. Ich stand vor einem hellblauen 1984er Pontiac Parisienne. Die Frage nach dem Verbrauch und der Grösse wurde 1999 nur belächelt. Die Gallone Sprit (knapp 4 Liter) kostete 89 cent. Er schenkte mir diesen etwas heruntergekommenen Schlitten mit eingebauter 3er Plueschcouch. Nach 600 Dollar Reparatur war zumindest das Transportproblem gelöst.

Was folgte war ein Teufelskreis, den zu durchbrechen eine harte Nuss war. Um ein Konto zu eröffnen brauchte man eine ‘Social Security Number’, welche man am Wochenende natürlich nicht beantragen kann. Um ein Apartment zu mieten, muss man ein Deposit hinterlegen in Form eines Schecks. Cash bzw. Kreditkarte war nicht erlaubt. Zurück zur Bank. Der Mitarbeiter der Teachers Credit Union sagte er würde mir liebend gern einen Account eröffnen, aber sein Computersystem verweigert ohne SSN die Arbeit. Die Nummer aller Nummern ist neunstellig. Da ich wusste, dass Computer die Zahlen 0 und 1 lieben, sagte ich in letzter Verzweiflung, er solle doch einfach mal neun Nullen eingeben – Bingo. Teufelskreis durchbrochen mit einem Zufallstrick, der vielen anderen Neuankömmlingen helfen sollte und mir ein Dach ueber dem Kopf verschaffte.

Ich zog mit einer deutschen Kollegin in ein 2-Bedroom Appartment, was mir völlig normal erschien. Wir wurden aber beide diskret von Freunden darauf hingewiesen, dass man den Umstand der ‘gemischten WG’ beim Arbeitgeber besser verschweigen soll, was wir auch taten. Die ersten Stolpersteine waren überwunden und so etwas ähnliches wie Alltag konnte langsam Einzug halten.