Liebiliebani, vielmals (55.)
Veröffentlicht in Baumhütte,Himmel,Licht von Andreas Wrede am 13.02.2011 um 18:43 Uhr

Oder: Vom Loslassen, immer wieder, immer weiter, immer wörtlicher

Worum es heute geht: Es ist wie es ist, Nachdenken über den Abstand, Gespräche am Telephon, irgendwo im Niemandsland, die Kinder sind da, auch wenn sie fort sind, donnernde Kirchenglocken und ein besonderes Lied, das von Blättern und Licht singt.

Gerade dachte ich darüber nach wie lange unsere Trennung wohl her sein mag und es sind fast auf den Tag sechzehn Monate, fast auf den Tag, merkwürdig. Eine kurze Zeit, eine lange Zeit, gar keine Zeit? Ich kann’s nicht beantworten, weil aus kleinen Ewigkeiten bisweilen große Gedankenschwärme werden, die sich verselbständigen wie eine emotionsgeladene Hydra, die alles überwuchert. Alle Empfindung, alles Gefühl, alle Verletzungen, alle Wut, alles Zaudern – bis wir uns selbst wieder beleben wie ein Ertrinkender, der auf hoher See von Bord gefallen ist. Den aber eine einzigartige, sanfte, waghalsige Welle immer wieder nach oben an die Wasseroberfläche geholt und schließlich an Land gespült hat.

Das Land ist eine einsame Insel, darauf dürfen nur die Kinder den getrennten Papi besuchen, denn es ist wie es ist und es wird nie wieder so werden wie es war und es kann nur sein wie es wird. Aber nach und nach muss der getrennte Papi aufs Festland und während er auf dem imaginären kleinen Kutter immer so hin wie her fährt, denkt er an das Loslasssen. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Familie war gestern, heute ist Patchwork (übrigens soziokulturell eine selten dämliche Beschönigung erster Güte), morgen wird ZurückindieZukunft sein. Alexander und Marie halten den getrennten Papi auf Kurs, sie bezaubern ihn, sie ermutigen ihn, sie fordern ihn, sie halten ihn und er hält sie ganz fest, liebieliebani, immer ganz fest und ganz warm und ganz weiter. Denn die Kinder sind nicht nur unsere Zukunft, sie sind unser Eines und Alles, sie sind unser Rüstzeug und wir sind die ihre..

Und diese Rüstung setzt sich aus unendlich vielen Facetten zusammen, die manchmal im Hellen schimmern wie eine gleißende Wasseroberfläche und die manchmal abwehrend sind wie eine Burg hoch oben auf dem Fels, nur der Adler kann dort landen und sein. So oder so: Marie und Alexander sind beim getrennten Papi und dessen stillem Nachdenken über den Abstand der vergangenen fast sechzehn Monate und sie und die Freunde helfen ihm beim Loslassen, es ist wie es ist. Und wenn es bloß die Telephongespräche sind unter der Woche, mal kürzer, mal länger, im Niemandsland zwischen Festland und Insel. Die Kinder leben – zu ihrem Glück – immer noch in der vertrauten Umgebung, die dem getrennten Papi längst keine Heimat mehr ist – ohne die Kinder eher eine Adresse aus einem andern Leben, das der getrennte Papi erst verlassen, dann hinter sich gelassen und nun Schritt für Schritt losgelassen hat.

Dabei scheint das Loslassen manchmal so verdammt leicht und manchmal so verdammt hart und manchmal so verdammt verdammt. Natürlich muss ich bei dem ganzen Loslassen die Kids um so fester halten, liebieliebani, und auch aus der Ferne, die Nähe immer wieder weben wie einen bunten, feinen, fröhlichen, beständigen Teppich aus einer anders wirkenden und anders zusammengesetzten Normalität. Die Kinder sind eben immer da für den getrennten Papi, auch wenn sie gar nicht da sind. Selbst wenn sie am Ende der Welt wären, so sind sie doch stets in der Welt seines Herzens, das für sie an Größe zunehmen muss. Denn je weiter sie manches Mal fort sind, desto lieber, näher, tiefer, muss ich ihren Herzen doch sein. Und dabei pochen unsere drei Herzen so laut wie die Glocken von St. Georg, die sicher und tönend und vertrauensvoll herüberdonnern über die Dächer hinweg und in den Himmel hinauf.

Vielleicht sind die Glocken ein schönes Bild fürs Loslassen? Feste hängen sie im Kirchturm, vielleicht schon seit Jahrhunderten, nichts kann sie erschüttern, aber wenn sie klingen, schicken sie das Geläut hinaus in die Welt und es freut uns und ermutigt uns und es beruhigt uns. Und wenn die Töne verklungen sind, können wir bis zum nächsten Geläut davon zehren, wenn wir ein wenig Glück haben. Oder eine Baumhütte unser eigen nennen, die auf dem Festland liegt und die der getrennte Papi, mal allein, mal mit den Kindern hinauf- und hinabklettert. Das bringt uns beim heutigen, fünfundfünfzigsten Schluss zu einem ganz wunderbaren Song, The Leavers Lift High, von dem Album my room in the trees der Innocence Mission:

Flying down lanes, bicycles red and blue/ and tunnels of tall trees, with you/ Together we are very small, riding across the great land/ On the Eastern Avenue, the morning is bigger/ taller than I knew/ The leaves lift high, the light gets trough.

Shoulder of the lake at Clement Farm / You’re in the crossing of my arms/ wherever you maybe, whatever day this is/ On the Eastern Avenue, on all streets/ I know, I know, I count on you/ The leaves lift high, the light gets trough.

All of the days I travel with you/ dearest to me, child/ dearest to me, child/ All the bells I ever knew/ ring out at the same time/ ring out at the same time together, together/ All of the bells I ever knew/ ring out at the same time/ We look up at the same time together.

On the Eastern Avenue, on all streets/ I know, I know, I look for you/ The leaves lift high, the lights gets trough.

Ja, das Licht scheint durch, Alexander und Marie und ich, wir sehen es zusammen, ob wir zusammen sind oder gerade mal nicht, liebiliebani, vielmals. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…