Paris, retour (33.)
Veröffentlicht in Bettritze,Tempus Fugit von Andreas Wrede am 09.11.2010 um 00:51 Uhr

Oder: Wer sagt eigentlich, dass Geschwister sich dauernd streiten?

Worum es heute geht: Eine Bettritze, noch mehr Regen, eine Flussfahrt, jede Menge Historie, eine Halskette mit Schlüssel, ein königlicher Bruder, meine lieben Eltern, ein tolles Team und Rudy Van Gelder’s Blue Note.

Kennen Sie das? Man macht eine an sich kurze Reise, aber die Eindrücke nach der Kürze sind so lang als habe man tagelang zusammen verbracht und hätte man sie tatsächlich miteinander verlebt, dächte man, es wären gar Wochen gewesen. Dabei war der getrennte Papi knappe zwei Tage mit Alexander und Marie in Paris, nur dass die Drei eben zu und zu gerne noch in dieser Metropole verblieben wären. In dem Hotelzimmer war’s ein bisschen wie in der vorherigen Bleibe des getrennten Papi: klein, aber verdammt kommod, ein Jeder hat so ihre/seine Ecke für sich und alle zusammen begehen und betun den Raum. Nur draußen ist es auch des nachts noch reichlich laut, “ist eben Paris”, sagt Marie, kosmopolitisch wie sie nun mal ist.

Aber auch Kosmopoliten müssen sich vor Bettritzen in acht nehmen. In französischen Zimmer stehen gerne zwei Einzelbetten zusammengeschoben, nur zusammengehalten von einem Spann-Bettlacken und in unserem Falle zusammengenutzt von dem Trio Liebani, so nennen wir uns manchmal. Es kann allerdings passieren, dass in einer Nacht voll neuer Träume von den jungen Eindrücken einer alten Stadt der getrennte Papi, die Marie und der Alexander sich im Schlafe wüstig bewegen. Und dies kann dazu führen, dass besagte Einzelbetten auseinander driften – wie im wahren Leben, eben!, würde Thomas D vermutlich deutschrappig dichten – und wahlweise drohten der getrennte Papi oder eines seiner Kinder oder gleich beide in der sich breit machenden, verschlingenden, versenkenden, verwühlten,  Bettritze zu verschwinden.

Das Gute für die Kinder war daran: sie haben’s überhaupt nicht gemerkt, wenn der getrennte Papi sie vor der abgründigen Bettritze gerettet hat. Das Doofe für mich war daran: ich hab’s jedes Mal gemerkt, wenn Alexander oder Marie hinab rutschten und ich sie vor der abgründigen Bettritze rettete. Das Wunderbare für den getrennten Papi jedoch war, dass er – eben – seine Kinder immer wieder auch nächtens in die Arme schließen konnte.

Der nächste Morgen brachte jedenfalls noch mehr französischen Regen, wir liessen uns davon nicht entmutigen, die Stadt zu erobern und dank der Idee einer Freundin, machten die Kinder und der getrennte Papi eine Flussfahrt auf der Seine. Viel los war nicht bei dem Wetter, außer einer Reisegruppe aufstrebender Oberer-Mittelstand-Chinesen mit viel Louis Vuitton und einer anderen ältlichen, die unschwer als Harley Davidson- Chapter auszuweisen war, sowie einiger Franzosen im sonntäglichen Staat, hatten nur noch wir Drei den Weg ins gläserne Plastikboot gefunden. Und so schipperte man gemächlich die Seine hinauf (oder hinunter?), historische Brücken unterquerend, vorbei etwa am Obelisk, der Nationalversammlung, Notre Dame oder dem Louvre – Himmel, so viel Kultur und Demokratie auf kurzem Stück Seine haut einen glatt um – und auch, Alexander und Marie zwischendurch noch zu erklären, was was ist und was was bedeutet und was was ist.

Na gut, ist übertrieben: ich hab’ versucht, zu erklären, was was war, was was bedeutet und was was ist. Etwa Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit einem neunjährigen Mädchen und einem fünfjährigen Jungen halbwegs verständlich zu erläutern, fiel dem getrennten Papi doch relativ schwer. Wenn Sie da Vorschläge hätten…

Sei’s drum, diese Flussfahrt bestärkte uns in dem Wunsch, wieder irgendwann hierhin zu kommen, nach Paris, bei strahlendem Sonnenschein würden wir uns die Stadt einfach ganz nehmen. Vor dem Abflug gab es noch etwas im Hotel, genauer: ein Geschenk für Marie, eine Halskette mit Schlüssel und ein Autogramm für sie und den kleinen Bruder, von einem echten deutschen Star. Und da sind Kinder grandios, sie fragen mal – eben – den Star, ob sie den “wirklich” ein Star sei und sind dann doch beruhigt, dass der Star ein Star ist. Ohnehin waren Alexander und Marie das Wochenende über sehr entspannt mit sich, zueinander und dem Rest der Welt (einschließlich getrenntem Papi). Die Behauptung, Geschwister müssten sich nunmal und grundsätzlich streiten, ist eh’ oft ein  Quark mit Pfefferminz-Sauce.

Eindeutiger Gegenbeweis: Marie und Alexander spielend am Flughafen, wo sie ihn zum König von Charles de Gaulle erklärt und er ihr großzügig gestattet, ihn zu bedienen. Das war so süß anzusehen und anzuhören und anzuknudeln, meine Eltern selig hätten ihre zwei Enkel nicht mehr losgelassen. In ihrer bereits bisweilen bekannt nonchalanten Art stellte Marie kategorisch und abschließend vor der Rückkehr nach Hamburg fest: “Wir sind ein tolles Team.”

Recht hat sie, sagt der getrennte Papi und legt vorm späten Schlafengehen und morgigen frühen Aufstehen eine Best of-Compilation auf, davon hält er normalerweise nix, Ausnahmen bestätigen freilich den Regelfall. Die Ausnahme namens Rudy Van Gelder war der legendäre Toningenieur, der Jazzgrößen wie Miles Davis, Lee Morgan, Sonny Rollins oder Wayne Shorter in seinem Studio in Englewood Cliffs, New Jersey, USA, für das Label Blue Note aufnahm. Also, auf die Schnelle – eben – “Cool Struttin’ ” oder “The Sidewinder” oder “Tempus Fugit” gehört. Aber dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…