Dank an all’ die treuen Leserinnen und Leser des getrennten Papi, bleiben Sie seinen Kindern und ihm gewogen!
Worum es heute geht: Über zwei Jahre auf Stern.de, nun die 102. Folge hier, aber nicht die letzte, es waren bewegte Zeiten mit Alexander und Marie, und sicher bleiben sie es – wie könnte es auch anders.
Mit der 102. Folge ist nun also Schluss mit dem getrennten Papi auf Stern.de. Künftig werden dort keine freien Blogger mehr schreiben. Im Rückblick sind die vergangenen zwei Jahre keineswegs wie im Fluge vorbei gerauscht. Schließlich ist die Trennung einer Familie ein einschneidender Prozess – im wahrsten, vielgestaltigen Sinne des Wortes. Als der getrennte Papi begann seinen Blog zu schreiben, ging Marie noch auf die Grundschule, Alexander in den Kindergarten und der getrennte Papi musste den Begriff Familie für sich neu erfinden.
Alexander kommt es jetzt, seit er auf dieselbe Schule geht wie seine Schwester, schon wie eine ziemliche Ewigkeit vor in den Kindergarten gegangen zu sein. Gestern traf ich zufällig einen anderen Vater, dessen Kinder auch in unseren alten Kindergarten gegangen sind. Nun sind unsere Kinder schon so groß, wir staunen immer noch und werden bestimmt aus dem Staunen sowieso nicht herauskommen. Denn es geht immer weiter mit der Entwicklung unsrer Kinder, weiter und weiter. Deswegen wird es den getrennte Papi auch künftig geben als Blog – auf der http://www.facebook.com/pages/Der-getrennte-Papi/162315120445829
Alexander und Marie haben schon gefragt, ob es in diesem Jahr wieder eine Weihnachtsgeschichte zu lesen geben wird. Logo wird es wieder eine geben für Euch. Und vorher werden wir wieder oft ins Theater gehen, die Vorweihnachtszeit muss dazu genutzt werden. Leider kann man oft nur in diesen Wochen vor dem 24. Dezember mit den Kindern schöne Stücke sehen. Als ob Kinder nicht auch gern im Frühling oder im Sommer ins Theater gehen würden. Wir freuen uns jedenfalls schon sehr auf “Der gestiefelte Kater” als Marionetten-Stück, die Abenteuer von Kalle Blomquist, Pipi Langstrumpf oder auf “Alice im Wunderland”. Marie und Alexander können sich sehr gut an die Theaterstücke der vergangenen Jahre erinnern – ob das nun “Emil und die Detektive” oder “Krabat” oder “Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer” waren.
Ich hoffe, der getrennte Papi auf Stern. de hat es hier und dort geschafft, auch ein wenig nachzuwirken durch das Berichten seiner Erfahrungen mit seinen Kindern und das Berichten seiner Kinder über ihn. Wie auch immer: das Ende kommt zwar etwas abrupt, aber ich bedanke mich bei Stern.de, dass ich diese Plattform nutzen konnte. Und ich bedanke mich bei den Leserinnen und Lesern, die diesen Blog ermutigend, freundschaftlich oder kritisch begleitet haben. Alle Beiträge vom getrennten Papi werden übrigens weiter im Blog-Archiv von Stern.de nachzulesen sein. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie auf dessen Facebook-Seite dem getrennten Papi und seinen Kindern gewogen bleiben. Auf bald dann wieder mehr vom getrennten Papi auf Facebook…
Oder: Die andere Zeitrechnung – wie oft muss ich noch schlafen?
Worum es heute geht: Wohin geht die Reise, eigentlich, weiss der liebe Gott alles, eigentlich, wissen Erwachsene mehr als Kinder, eigentlich, wieso bleibt es am Ende des Tages ein langer Abschied, eigentlich?
Schön, wenn den getrennten Papi doch immer wieder ermutigende Zeilen erreichen, fühlt er sich dadurch doch, soweit das geht, ein wenig verstanden. “Soweit das geht” will nur sagen, dass bei jeder Trennung von zwei Menschen, die gemeinsame Kinder haben, die Umstände verschieden sind. Mal mehr, mal weniger kompliziert; mal mehr, mal weniger verletzend; mal mehr, mal weniger lehrreich; mal mehr, mal weniger gefühlig; mal mehr, mal weniger gewagt; mal mehr, mal weniger befreiend; mal mehr, mal weniger vergebens; mal mehr, mal weniger fatal, mal mehr, mal weniger offen; mal mehr, mal weniger vergänglich; mal mehr, mal weniger verdammt; mal mehr, mal weniger verdeckt, mal mehr, mal weniger komisch.
Aber immer bleibt die Frage danach: Wohin geht nun die Reise? Für die Kinder? Für die Eltern? Für die kleinen und großen Seelen, überhaupt? Neulich fragte Alexander: “Sag’ mal, Papi, sieht der liebe Gott alles und weiß er auch alles?” Ehe ich zu antworten vermochte, tat das seine Schwester Marie: “Ja, der liebe Gott weiss alles, er sieht alles, aber wir Menschen wissen nicht alles uns können auch nicht alles sehen.” Daraufhin erwiderte Alexander: “Ist doch klar, der hat von oben ja eine viel bessere Aussicht!” Da ist was dran. Wenn es uns Erwachsenen öfter gelänge, über den Dingen, Emotionen und/oder Widrigkeiten zu stehen, würde wir uns das Leben weniger schwer machen als es uns vielleicht allzu oft erscheint. Ein Kind hingegen schwebt oft easy an den vermeintlichen Realitäten vorbei.
Dadurch sehen sie einfach durch gar vieles hindurch, um das wir Erwachsene wissen. Und wir wissen wahnsinnig viel, eigentlich, denken wir uns immer wieder, aber das macht uns mitnichten glücklicher. Wir Erwachsene wissen mehr, weil wir meinen, wir müssten jeden Stein umdrehen, um dann bisweilen festzustellen, dass wir doch gar nicht immer wissen wollen, was sich darunter verbirgt. So wissen wir also zwar mehr, aber klüger als Kinder sind wir deswegen noch lange nicht. Nö, leider. Und weil das so ist, bleibt eine jede Trennung ein langer Abschied, der manchmal gar nicht aufhört, obwohl es doch schon längst zu Ende ist. Denn da sind noch die Kinder und deren Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. “Papi, träumst Du eigentlich viel?” Fragt mich Marie, ich sage darauf: “So viel wie noch nie in meinem Leben.” Sie wieder:”Das ist aber schön.” “Ja, das ist es.” Alexander wollte dann erfahren, wann wir uns wieder sähen und ich meinte, “noch vier Male schlafen”. Und ich dachte mir, wenigstens diese andere Zeitrechnung bleibt dieselbe, ob nun vor oder nach dem Auseinandergehen. Alsbald dann wieder mehr vom getrennten Papi…
Oder: Warum wir an einigen Fäden hängen oder uns darin verheddern.
Worum es heute geht: Sursulapitschi hat eine schöne Stimme, die sagenhafte Augsburger Puppenkiste, das gelbe U-Boot sorgt für Aufregung unter Wasser, vermisst man eigentlich etwas über Wasser und brauchen die Drei eigentlich mehr Platz oder nicht.
Die karierten Vorhänge vor den Bullaugen schunkelten ein wenig hin und her als das kleine, gelbe U-Boot mit Alexander, Marie und dem getrennten Papi immer tiefer ins das Wasser sank. Marie zog sie zurück und vor dem Bullaugen, Steuerbord, tanzte ein buntes Seepferdchen, das größer als ein gewöhnliches Seepferdchen wirkte. Entzückt rief Marie aus: “Das ist doch Sursulapitschi, aus der Augsburger Puppenkiste, wie süss!” Auch Alexander erinnerte sich noch gut, immerhin hatten der getrennte Papi und seine Kinder “Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer” und “Jim Knopf und die wilde 13″ mindestens schon an die zehn Mal gesehen. Und immer wieder hatten sie den einen oder anderen Faden wieder oder neu oder eben nicht entdeckt.
Das Seepferdchen fragte: “Wie kommt Ihr denn hierher?” Und die Marie antwortete einfach: “Wir haben uns ein U-Boot gezeichnet, so, wir es haben wollten und dann haben wir es auch gefunden und sind einfach eingestiegen.” Das klang für das Seepferdchen so gar nicht phantastisch, war es doch ganz andere Unterwasser-Abenteuer gewohnt. “Das ist eine gute Idee gewesen,” fand es nur. “Das muss ich mir merken, wenn ich mir etwas Schönes wünsche, zeichne ich es einfach auf ein Blatt Papier und nehme es mir dann heraus, so könnte ich meinen Verlobten, Schildnöck Uschaurischuum, immer bei mir haben, auch wenn er wieder einmal in den sieben Weltmeeren unterwegs ist, auf der Suche nach Atlantis, zum Beispiel.”
Wie das entzückende Seepferdchen sprach, hatte es eine gar schöne Stimme, bezaubernd und magisch und schwerelos. Alexander und Marie und der getrennte Papi vergassen, dass sie sich in einem Element – Wasser – bewegten, das ihnen eher fremd war, denn in der Regel bewegten sie sich ja auf dem Wasser und nicht unter ihm. Da wären ihnen sogar die Welten der sagenhaften Augsburger Puppenkiste noch näher mit all’ ihren wunderbaren Figuren, die auch einmal jemand zu Papier gebracht hatte, um sie dann in unser Leben zu holen. Das gelbe U-Boot jedenfalls sorgte für jede Menge Aufregung unter Wasser als die Drei darin auf das offene Meer hinaus steuerten, immer begleitet vom Seepferdchen und dessen Begleitern, die im Laufe der Fahrt immer mehr an Zahl zunahmen. Als habe sich rasch herumgesprochen – sofern davon die Rede sein kann, wenn man unterhalb der Wasseroberfläche unterwegs ist – dass da ein ein Mädchen, ein Junge und ein Papi in einem kleinen, gelben U-Boot herum schipperten.
Und wie sie das so taten, bemerkten sie, dass sie eigentlich vieles, was sie an Land ihr eigen nannten, hier unten kaum fehlte. Okay, das eine oder andere Kuscheltier vielleicht und das eine oder andere Schokobon und das eine oder andere Schleichfigürchen. Aber eigentlich fühlten sie sich für den Augenblick ganz unten auf dem Meeresboden ziemlich wohl. Und auch dass es eher eng war in ihrem gelben U-Boot störte sie für den Moment ganz und gar nicht, sie hatten schließlich sich. Und wie das Seepferdchen Sursulapitschi draussen an den Bullaugen an seinen Fäden vorbei tänzelte, fragte sich der getrennte Papi: “Hängen wir nicht auch an dem einen oder anderen Lebens-Faden und verheddern wir uns nicht manches Mal darin?” Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
Oder: Wenn die Beiden schlafen, dann schlafen die Beiden.
Worum es heute geht: Ein sehr langer Anblick, Erinnerungen in fragmentarischem Eiltempo, ein Pullover unter Glas, Freunde (gestern/heute/morgen), nochmals Erinnerungen fragmentarisch, ein Theaterstück und Gravenhurst’s Western Lands.
Der getrennte Papi bringt seine Kinder sehr gerne ins Bett; ja, das war nicht immer so – wenn Alexander etwa einmal mehr die partroutüberhauptganzundgarnichtniemals-dublöderpapi Platte abspielte, so musste die Operation Eiserne Nerven einmal mehr anlaufen. Tief ein- und ausatmen, bloss nicht laut werden (nach Möglichkeit), lässiger, ungerührter Blick, obwohl es innen drin brodelt (wie Teufel), auf keinerlei weitere Provokation reinfallen. Nun, diese Zeiten sind – bis auf wenige Ausnahmen – feiner Weise vorbei. Alexander geht meistens wie eine Eins ins Bettchen und Marie sowieso; allerdings gab es früher durchaus die Phasen, da wurde die süße Kleine abends ins Auto gepackt, damit sie dort besser einschliefe; was sie auch tat, wobei natürlich beide Parteien genau wussten: dieses Procedere war ein blosses pädagogisches Scharmützel.
Wenn heute Schlafenszeit ist, kommt es zwar noch zu kleinen taktischen Ablenkungsmanövern (Alexander versucht, Marie Zahnpasta auf die Nase zu verpassen bzw. Marie versucht, Alexander Zahnpasta auf die Nase zu verpassen), aber die Zeiten strategischer Störversuche sind passé. Und das Einschlafen passiert desgleichen rasch, noch rascher – wie in einer der vorhergehenden Folgen erwähnt – als rasch freilich, wenn der getrennte Papi seine Kinder in den Schlaf streichelt, was er in letzter Zeit sich und den Kindern zu gerne gönnt. Den Kids, weil sie es geniessen wenn zuerst die Stirn müde wird (dort wo sie gestreichelt werden) und dann strahlenförmige Müdigkeit wohlig in die Körper einsickert und nach höchstens fünf Minuten höre ich gleichmäßigen Atem bei dem einen Kind, das zuerst gestreichelt wurde. Das andere braucht dann noch weniger Zeit, um eingekuschelt ins Traumreich zu fliegen. Kürzlich ist der getrennte Papi einfach sitzengeblieben, um zu beobachten, dass Alexander der Schwester seine Beine fast an ihren Kopf legte; Marie - im schlafwandlerischen Gegenzug – rollte sich noch mehr ein, ohne auch nur mit ihren Wimpern zu zucken.
Und einen langen Anblick lang (fünf, zehn, fünfzehn Minuten?) rauschte das Leben (vor dem und nach dem getrennten Papi) vorbei. Die Geburt von Marie und wie das junge Elternpaar erst nach runde drei Wochen zum ersten Mal mit dem Kinde hinausging (es war so bitter kalt in München gewesen); die Geburt von Alexander und wie sich die grosse Schwester auf ihren kleinen Bruder freute. Und wie die Eltern ihre Veränderungen im Alltag durch Alexander unterschätzt hatten und sich zu Viert zusammenfinden mussten. Und wie man auch beim zweiten Kind nicht immer so konsequent war, wie man es beim ersten Kind eigentlich immer gewesen sein wollte. Und wie man die Jahreszeiten vorüberziehen sah und manchmal vorüberziehen liess und manchmal von ihnen zerdröhnt wurde. Und wie die Eltern in guten wie in schlechten Zeiten zueinander hielten und wie aus Zeiten düstere wurden, in denen man sich aus den Augen und aus dem Herzen verlor und gleichwohl den Kindern weiterhin die besten Eltern zu sein hatte, was blieb den bloß anderes übrig als sich verdammt-noch-mal-zusammen-zu-reissen-koste-es-was-es-herr-gott-noch-mal-wolle.
Ob ich mich bei all’ diesen rasenden Gedankenstössen überhaupt bewegt hatte? Ich weiss es nicht zu sagen, die Stirn glühte, die Hände des getrennten Papi waren gefaltet, sein Nacken kerzengerade aufgerichtet, die Kniekehlen waren eingeknickt, die Füsse standen seltsam gerade nebeneinander. Offenbar hatten sich die Kinder zwischendurch bewegt, sie lagen nun eng zusammen, die Bettdecken weggestrampelt, die Kissen zerknittert, die Kuscheltiere lagen verwundert auf dem Boden. Der getrennte Papi hätte sich nun schon dazulegen können, aber er ging aus dem Zimmer, nicht auf Zehenspitzen: Wenn die Beiden schlafen, dann schlafen die Beiden.
Er ging in das Nebenzimmer, dort hatte er kürzlich Maries ersten Pullover, den später Alexander ebenfalls getragen hatte, rahmen lassen, dort hing er nun, etwas abgewetzt, voller Reminiszenzen, auf blauem Untergrund, die Dame in dem Laden hatte von einem Passepartout abgeraten, zurecht – so kann das Kindheitsstück freier atmen und schweben unter Glas. Als der getrennte Papi vor dem Pullover stand, fielen ihm, erneut fragmentarisch, Freunde ein.Jene gestrigen, die aus seinem Leben erst einmal gegangen waren und die einen getrennten Papi eben nur als eine Ehehälfte betrachteten und da konnte man allen Beteiligten eine Einladung getrost ersparen. Die Jetzigen, die entweder geblieben waren aus tiefer Verbundenheit oder die der getrennte Papi, weil er ein getrennter Papi ist, wiedergefunden hatte. Und die Morgigen, die in das Leben treten werden, die einen wie ein Schatten, die anderen wie ein Sonnensystem, die dritten wie flüchtiger Goldstaub. So gibt es in einem Leben eben mindestens immer drei weitere, vielleicht sind es doch auch noch mehr, who knows?
Als der getrennte Papi mit seinen Kindern wieder im Theater besuchte, wurde Krabat von Otfried Preußler (geboren 1923) im Deutschen Schauspielhaus, gegeben. Neben dem wunderbar allegorischen und architektonisch wunderbaren Bühnenbild war es eine Inszenierung für Kinder und Erwachsene, ein seltenes Kunststück, die Kleinen und Grossen verinnerlichten: es lohnt sich, die Zauberei für Freundschaft und Liebe aufzugeben, denn Freundschaft und Liebe sind doch selbst der schönste Zauber. Der Herr Brecht würde das jetzt eine zu simple Dialektik nennen, aber am Krabat hätte er sehr wohl seine klammheimliche Freude, den soweit ist Der kaukasische Kreidekreis davon gar nicht entfernt. Und weil die Kinder nun schlafen, kann der getrennte Papi passend zum literarischen Ende The Western Lands vom Independent-Duo Gravenhurst auflegen: then she dances/ skirt swaying in the half-light/she dances/while blossom in the black sky/’I need new clothes’, she thinks/’new skin; a mind I can bear to live in. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
Oder: Heilige Abend in fünf Teilen. Heute: 40° 43′ N 74° 0′ W.
Worum es diesmal geht: Endliche Landung, grosse Stille, Hans Christian Andersen, kleines Bibbern, klirrende Kälte, ein Adventsstern, Pilgrim Hill, ein gar gebildetes Bärlein, Tangerine Dream und der sprechende Engel.
Der Flug fühlte sich eher an wie ein sehr rasches Schweben, wenn böse Wolken aufzogen, schlängelten sich die drei Sternschnuppen, auf denen Alexander, Marie und der getrennte Papi kauerten, schmiegsam darum und weiter ging es voran und voran. Wie lange der Flug nun wirklich dauerte, wusste keiner des ungewollten Reisegrüppchens zu sagen, waren es nur drei Stunden oder doch eher fünf? Auf einer Sternschnuppe bewegt sich das Zeitgefühl in anderen Bahnen, die eher irgendwie außerirdisch, schnellkalt und zauberhaft sind. Oder doch außerhaft, zauberkalt und schnellirdisch? Ach, was soll’s, dachten Marie, Alexander und der getrennte Papi. “Schön wär’s, wir kämen nun bald an…”. Lustiger Weise dachten alle Drei an Dasselbe – rufen oder schreien oder sprechen konnten himmelhöchst doch nicht, dann eben die Gedankenübertragung aktivieren.
Und, da, tatsächlich, behutsam, aber wie auf Federn, flogen die Sternschnuppen auf Manhattan zu, das sich gerade in den Morgengrauen schob. So sah es jedenfalls für die Drei aus, denn von Ferne noch, über dem Atlantik, glitzerte zwar der eine oder andere Wolkenkratzer, die Glitzerfunken spiegelten sich auf der Oberfläche der Sternschnuppen wider. Das konnte der getrennte Papi erkennen, aber als er es einfangen wollte mit seiner linken Hand, verschwand es zurück in die neblige Skyline der Stadt. War es nur ein Wegweiser? Plötzlich standen sie dann kurz in der Luft, direkt über der Fifth Avenue, auf der Höhe der Ostseite der 74th Street. Und es war ein grosse Stille in dieser frühen Morgenstunden am Central Park und in New York City 40° 43′ N 74° 0′ W, im Staate New York in den Vereinigten Staaten von Amerika.
Die Mauer um den Central Park an der Fifth Ave. war mit Schnee bedeckt, bestimmt über 40 Zentimeter türmten sich darauf – und der ganze Park dampfte in der aufsteigenden Sonne, die sich in dem gigantischen Schneeweiß, das diese Stadtlandschaft überzog, wieder fand. Die Sternschnuppen landeten also mit dem getrennten Papi, Marie und Alexander im Park an der Vierundsiebzigsten, ziemlich genau da, wo die Skulptur von Hans Christian Andersen stand. Auch sie war mit frischen Flocken über und über bedeckt, aber der sitzenden Mr. Andersen, ein schweres Buch auf dem linken Oberschenkel, schien die Drei, die auf einmal vor ihm standen und ihn ungläubig anstarrten, milde anzulächeln; ebenso wie die kleine Ente auf der frostigen Erde , die sonst eigentlich ihren Blick nur auf den Dichter richtete. Mannomann, da standen sie nun: Alexander, der getrennte Papi und Marie, vor wenigen Stunden noch am Fensterrahmen in Hamburg und nun hier, mitten in der Stadt der Städte, mit kleinem Bibbern hielten sie sich an ihren klammen Händen ganz feste, wie stets, wenn sie wo-auch-immer auf der Welt des Weges waren.
Es fiel der Blick von Alexander auf einen eigenartigen Stern, der nicht am Himmel, sondern am Fuss des Pilgrim Hill vor sich hin ruhte. Dieser Stern ward aus Holz geschnitzt, vielleicht im Durchmesser nicht grösser wie knapp 30 Zentimeter, in der Mitte stand eine große weiße Kerze, über deren Flamme sich die Drei ihren Hände schön aufwärmen konnten. Wie unerwartet herrlich das aber jetzt geriet und Alexander ist’s gewesen, der als erster nach Stunden und Stunden des unglaublichen Schweigens, etwas sagte: “Papi, die Kerze steht hier richtig, cool”, dabei schaute er verschmitzt mit seinen braunen Augen durch den Pony seiner braunen Haare, stemmt die kleinen Arme in die Hüften und ruft: “Was da alles so drinne steht!”
Uppps, Recht hatte er, der Holzstern hatte einen Rand, drei, vier Zentimeter hoch, und in dem Stern lagen oder standen: ein weißgepunktetes Herz, das man an einen Tannenbaum hätte hängen können, ebenso wie all’ die anderen Ding die zudem zu sehen waren. Ein New York Taxi en miniature, ein blauer Pfau, ein knallroter Weihnachtsmann, ein lilafarbener Pilz, auch mit weißen Punkten, ein Mini-Kuschel-Eisbär, ein sehr grüner Froschkönig (mit Krone, versteht sich, von selber), drei gleißende Tannenzapfen, einer in Rot und zwei in Lila, eine graue Blechmaus zum Aufziehen, elf sehr kleine Weihnachtskugeln in Gelb, Lavendel, Orange und Pink, verziert mit silbrigen Eisblumen. Außerdem noch, in hellem Holz (das des Sternes war dunkel, fast schwarz), in kleinen Ausgaben, geschnitzt: das Chrysler Building, das Empire State Building, die Statue of Liberty, das Lever House und der Leuchtturm von Montauk (den Max Frisch mochte).
Außerdem war da schließlich ein blaues Iglu mit einem Pinguin davor und noch eine winzig kleiner Bär, auch mit einem Krönchen, der sagte: “Good morning.” Der getrennte Papi war derart petrplex, dass er antwortete. “Hi, Mr. Bear.” Und Marie beugte sich herunter, strich ihr langes, blondes Haar zurück, das es das Bärlein nicht umwarf und gab ihm einem Kuss auf dessen linke Wange und dessen rechte Wange und flüserte ihm ins passende Öhrchen: “How are you?” Sie sprach so leise, weil sie fürchtete, dies zarte Geschöpf könnte fort gepustet werden vom Atem ihrer Worte. Aber das Bärlein erwiderte trocken: “No reason to sussurate.” Es handelte sich anscheinend um ein sehr gebildetes Geschöpf, nun, warum auch nicht, in dieser Geschichte ist wohl das Unmögliche möglich das Mögliche unmöglich.
Der getrennte Papi, immerhin, entdeckte die blecherne Keksdose, die wie schottisch kariert anmutete, die neben dem Holzstern im Schnee stand, darin das leckerste Weihnachtsgebäck, wenn das kein Frühstück war im Central Park. Als sie es so Stück für Stück im Stehen genossen, hörten sie von der Westseite her Musik herüber schwingen, eine “Eleanor Rigby“-Version, gespielt von Tangerine Dream, die Sternschnuppen, die wie selbstverständlich über ihnen standen, tanzten danach, John Lennon hätte wahrhaft sein Freude gehabt. Und wie die Drei nach dieser keksigen Stärkung weiter wandeln und alsbald auf einen sprechenden Engel stossen, dazu morgen mehr vom getrennten Papi und seiner Tochter Marie und seinem Sohn Alexander…
