Halbe Nacht (47./X-Mas-Edit)
Veröffentlicht in Engel,Frieden von Andreas Wrede am 24.12.2010 um 20:39 Uhr

Oder: Das Blümelein…mit seinem hellen Scheine vertreibt’s die Finsternis.

Worum es heute geht: Heilige Dreieinigkeitskirche (einmal mehr), letzte Reihe/hinten links, das neue Leben, ein Ros, Jesus/am Kreuze/sehend, Glück, Agenten-Station vom Weihnachtsmann, leuchtende Augen, Taste of a Peach/From Here to there.

Was macht der getrennte Papi, wenn er Weihnachten nicht mit seinen Kindern verbringt? Richtig, er schreibt seinen Blog, ein bisschen wehmütig (schon), aber überhaupt nicht alleinleidigodertraurig. Denn er wird Alexander und Marie alsbald die ganzen Ferien über bei-und-um sich haben, da hängt der getrennte Papi den Weihnachtsmann ein wenig tiefer und der wird es ihm bestimmt verzeihen. (Ich weiß das zufällig genau: der getrennte Papi hat doch – zur Erinnerung der geneigten Leserinnen und Leser – die Nummer des Weihnachtsmannes, der hat im Telephonat allzu gerne bestätigt, man könne “mal die Kirche im Dorf lassen”, er müsse nun keineswegs immer “die erste Geige” spielen, im Übrigen habe er “alle Hände voll zu tun, im wahrsten Sinne des Wortes, HoHoHo!”).

Noch war es hell als der getrennte Papi so für sich in die Heilige Dreieinigkeitskirche (auch: St. Georgskirche genannt) um’s Eck ging, viele Menschen waren schon früh da, alle tauchen in die fröhliche Geräuschkulisse ein bzw. sind lebendiger Teil von ihr bzw. verschmelzen in Erwartung in ihr. Babies, Kinder, Junge, Alte, Familien, Paare, Lonesomes, Lonely Hearts, Lone Riders. Menschen suchen sich im Kirchenraum, Menschen finden sich darin, manche finden sich weder suchend noch schauend, im tatsächlichen wie übertragenen Sinne, manche finden sich wieder (dito) und manche werden sich auch nach dem Gottesdienst noch suchen. Allein: wie der getrennte Papi, er sitzt wie immer in der letzten Reihe/hinten links, von seinem Platz aus herum blickt, spürt er einen Frieden, den eine Jede und ein Jeder in dieser Stunde mit sich macht.

Auch der getrennte Papi hat in gewisser Weise seinen Frieden gefunden, sonst könnte er am weihnächtlichen Nachmittag kaum solo die Kirche besuchen, war er doch in den vergangenen Jahren stets mit seinen Kindern im Gottesdienst am 24. Dezember. So gehört es mithin zum neuen Leben, dieses erste und eine und endliche Mal allein den klugen Klang der St. Georgs-Glocken zu hören und doch nicht allein zu sein, Marie und Alexander sind im guten Geiste dabei. Der getrennte Papi denkt sich, es würde ihnen hier gefallen, wie die Kinder hier das Krippenspiel fast von selbst inszenieren mit einer Ernsthaftigkeit, die hier/dort zu Tränen rühren möchte. “Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart/wie uns die Alten sungen/von Jesse kam die Art/ und hat ein Blümlein bracht/mitten im kalten Winter/wohl zu der halben Nacht…Das Blümelein so kleine/das duftet uns so süß/mit seinem hellen Scheine vetreibt’s die Finsternis…”. Es gibt Kirchenlieder, die berühren das Herz mit ihrem Blütenstaub des Glaubens, wir haben sie schon tausendmal gesungen und immer ein jedes Mal ziehen diese Lieder wieder in unsere Seele selbstverständlich ein – als wären sie alltäglich-betörend bei uns – sind sie doch, vielleicht, ein klein wenig, immerhin, im verborgenen Gemütswinkel?

Und an der Stirnwand hängt Jesus, am Kreuz, für uns, nicht, dass viele von uns dies dauernd zu schätzen wüssten (den getrennten Papi eingeschlossen), seine Augen sind zu. Freilich sieht er bestimmt mit einigem Wohgefallen, wie die Kinder an ihn denken, in Bethlehem geboren, auf Heu und auf Stroh…hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor. So scheinen schließlich seine Augen ebenso zu leuchten wie jene der Kinder in der Kirche. Vielleicht hat sich das der getrennte Papi in einem ziemlich beträchtlichen Anflug von Gefühligkeit alles ziemlichst eingebildet – und wenn schon, diese harmonisch-schöne, schön-harmonische Vorstellung gefällt ihm wohl.

Dann ist der Gottesdienst fast vorüber, nur, wir gut, einige Überirdische kommen noch aufs Tableau. “Hört der Engel helle Lieder/klingen das weite Feld entlang/und die Berge hallen wider/von des Himmels Lobgesang/ Gloria – in excelsio Deo/Gloria – in excelsio Deo. Sie verkünden uns mit Schalle/dass der Erlöser nun erschien/dankbar singen sie heut alle/an diesem Fest und grüßen ihn/Gloria – in excelsio Deo/Gloria – in excelsio Deo.”

Ach, das wird dem einen oder der anderen von Ihnen jetzt aber ein büschen zu viel? Stimmt, das spirituelle Glück darf bisweilen dem großen, wunderbar naiven eines Geschenkes weichen. Als der getrennte Papi mit seinem Sohn am Telephon spricht, erzählt Alexander, voll inbrünstiger Überzeugung: “Ich habe vom Weihnachtsmann die Agenten-Station geschenkt bekommen!” Die stand auf dem Wunschzettel zu oberst, unser aller Freund vom Nordpol hat eben die besonderste Gabe, Kinderwünsche wahr werden zu lassen, dass ihre Augen leuchten wie die Nase von Rudolf dem Rentier, jedenfalls so ähnlich. Was will denn der getrennte Papi mehr als dass glückselige, playmobilige Kinder sich Agenten- oder Schul-Welten aufbauen, stundenlang – irgendein Teilchen fehlt am Schluss, meistens, das gehört dazu. Dann stehen Marie und Alexander morgens auf, springen hinunter zu ihren Spielzeugen und freuen sich auf ihre Reise mit dem getrennten Papi zur sehr lieben Verwandtschaft.

Wohlan, nun macht sich der getrennte Papi einige Schnittchen, den einen oder anderen Tee, hört eine neue CD der NDR-Bigband mit Jazz-Kompositionen von Gabriel Coburger, eine davon heißt Taste of a peach, hört und fühlt sich auch so an, blättert in From Here To There, Alec Soth’s America. im Vorwort wird die Nähe dieser Photographien zu Wim Wenders und seinem Paris, Texas assoziiert. Das ist einer der Lieblings-Filme von mir und es ist immer noch eine nachdrückliche Erinnerung, Harry-Dean Stanton vor Jahren kennen gelernt zu haben, damals haben wir selbst aufgenommene Kassetten ausgetauscht, ist also schon eine Weile  her, as time goes by. So oder So: der getrennte Papi wünscht Ihnen fröhliche und gesegnete Weihnachten, wo immer Sie gerade sein mögen…

23 Ziffern (36.)
Veröffentlicht in Engel,Geheimnis,Herz von Andreas Wrede am 19.11.2010 um 23:20 Uhr

Oder: Eins ist mal ganz und gar sicher – There Is Nothing Like This.

Worum es heute geht: Eine sehr spezielle Nummer, illusionäre Wünsche, gewünschte Illusionen, kleine Geschenke, große Geschenke, keine Geschenke, gedachte Engel, die echten Engel, die moderne Klassik und der Beuto.

Sentimentalität ist eine Gemütsverfassung, die durch Rührung gekennzeichnet ist – liest der getrennte Papi auf Wikipedia und findet, das ist eine sehr treffende Charkterisierung seines derzeitigen Gemütszustandes. Es hat, so glaubt er, mit der sich unweigerlich ankündigenden Weihnachtszeit (der getrennte Papi erliegt ihr jedes Jahr aufs Neue) zu tun. Und mithin lieben selbstverständlich Alexander und Marie den 24. Dezember. Und selbstverständlich alle Tage zuvor, wenn die von der Mama handgefertigten Weihnachtskalender-Säckchen Tag für Tag und Säckchen für Säckchen mit aufgeregten Händchen aufgefingert werden. Fabelhaft, großartig, herrlich, könnte nicht besser sein, die Zeit vor der Bescherung halbwegs unaufgeregt zu überbrücken.

Aber die immer/immer/immer brennendste Frage von Marie und Alexander, die mit allen Tricks und Schlichen und auf jedem erdenklichen Umweg gestellt wird, ist die Frage der Fragen der Fragen an den getrennten Papi: “Wie ist die Telephonnummer des Weihnachtsmannes?” Denn, so müssen Sie nun wissen: Der getrennte Papi hat die Nummer des Weihnachtsmannes. Da staunen Sie, ich weiß, nun werden Sie unverzüglich versuchen, diese Nummer aus ihm per Facebook, Mail, Kommentar, SMS oder eben per Telephon raus zu kitzeln. Vergessen Sie’s einfach, Sie haben nicht den Hauch einer winzigen Chance.

Es gibt illusionäre Wünsche, die bleiben notwendiger Weise illusionär, liebe Leserinnen und Leser des getrennten Papi  - und auch liebster Alexander und liebste Marie. Diese Telephonnumer ist und bleibt das Geheimnis des getrennten Papi, er weiß um das Privileg, jenen direkten Draht zum Weihnachtsmann zu haben. Die Nummer hat, das sei verraten, hat 23 Ziffern, vielleicht symbolisch für jeden der 23 Tage vor dem Weihnachtsabend? Es bleibt Ihnen vorbehalten, sich darauf einen adventlichen Reim zu schneidern, Sie können ja mal Ihre Beziehungen zum Nikolaus, falls Sie überhaupt welche unterhalten, checken. Aber nicht mal der hat die Nummer, ich weiß das.

Halten Sie sich doch lieber an gewünschte Illusionen wie Alexander und Marie, die schon langsam anfangen, Gedanken über Form, Länge und Gestaltung ihres Wunschzettels anzustellen. Als der getrennte Papi in ihrem Alter war (zur Erinnerung: sie sind fünf und acht Jahre jung), geriet der Wunschzettel stets lang und länger. Mal wurden Wünsche hinzugefügt, mal wurden sie durchgestrichen, aber so, dass sie noch zu lesen waren, nur für den Fall der Fälle. Und jetzt versteht der getrennte Papi endlich/endlich den seinerzeitgen Satz seines geliebten Papas: “Ich ruf’ den Weihnachtsmann an, Andi.” Es war der liebevollste, gefürchtetste, wundervollste Satz, den ich mir damals vorzustellen vermochte. Mein Vater hatte die Telephonnummer des Weihnachtsmannes! Wie lässig war das denn, bitte schön, wie oberlässig.

Und – genau so, nicht anders war es, ich schwör es, ohne Ableitung, Tatsache – eines schönen Weihnachtstages war eben diese 23-ziffrige Nummer das tollste aller Geschenke, das mir mein Vater unter vier Augen gab, nein, anvertraute, nein unter geradezu konspirativen Umständen (die ich an dieser Stelle nicht näher schildern kann, weil sie eben derart höchst konspirativ gerieten) an mein Herz legte. Allerdings unter einer Bedingung: Wenn ich denn mal Kinder haben sollte, so möge ich dem oder der Jüngsten die 23 Ziffern in sein oder ihr Herz versenken. Und das wird der getrennte Papi tun, also wird Alexander dereinst der Geheimnisträger in dritter Generation sein, keine Frage, so kommt es, dieser Verantwortung wird er sich stellen müssen und er wird ihr gewachsen sein. Da bin ich mir sicher, er kriegt das hin, mein Alexander.

Wenn dann die Klein,- Groß- und Hauptgeschenke unter dem Tannenbaum liegen, noch belassen, eingepackt, unberührt, dann wissen Alle: Der eine oder andere Anruf wurde getätigt, in aller Diskretion, Stille, Zurückgezogenheit, Anrufe, die kurz waren, denn der Weihnachtsmann hat vor dem 24. Dezember wirklich alle Hände voll zu tun. In Wahrheit erklärt sich dieses Wortspiel übrigens und nämlich im wahrsten Sinne aus der hektischen Vor-Weihnachtszeit des Weihnachtsmannes. Gut, da wären Sie jetzt bestimmt selbst drauf gekommen. Genauso wie Sie bestimmt wissen, dass es eben bestimmte Geschenke aus bestimmten Gründen an bestimmten Weihnachten einfach nicht geben kann. Nö, nicht weil sie die Kinder nicht verdient hätten, Quatsch. Sondern weil’s der Weihnachtsmann einfach nicht geschafft hat, sie zu bringen, ist doch auch nur der Weihnachtsmann, mein Gott.

Als der getrennte Papi noch richtig klein war, hat er gleichfalls an Engel geglaubt, die waren lieb, rauschend, vergeblich. Man konnte sie nur ahnen, sie rochen nach weißem Gefieder, zartem Lavendel und irisierender Unschuld. Sie wurden niemals laut, sie wisperten nur in meine kleinen Ohren, hinterliessen darin eine behutsame Berührung – wie von einem grünen Zweig , der uns im Frühling über die Wange streift, oder so ähnlich stellte ich es mir vor. Die echten Engel sind natürlich unsere Kinder und natürlich sind sie nicht immer unsere Engel, wo kommen sie und wir dahin, geht doch nie und nimmer, echte Engel dürfen sich auch mal verfliegen, keine Frage. Und egal, ob wir sie nun mal gerade – klammheimlich – nur ganz kurz zum Mond und zurück wünschen, unsere Engel sind uns die liebsten, nur sie lösen diese Kribbeln um unser Herz herum, das sich anfühlt wie wogende Wellen im warmen karibischen Wasser. Oder so in der Art.

Weil der getrennte Papi nun noch kurz in eine neue CD hinein hören will  (Aaron Copland, Symphony No. 3, Billy the Kid (Suite), die zum festen Inventar moderner, nordamerikanischer Klassik zählt wie etwa die Kriminalromane von Raymond Chandler, kommt er mal zum Schluss für heute. Er zitiert einen anderen Klassiker, diesmal der Pop-Moderne: “There Is Nothing Like This” von Omar. Das gilt übrigens auch für die unschlagbare, auf KiKa laufende Serie “Beutolomäus sucht den Weihnachtsmann”, noch ein Klassiker, im TeVau. Und eigentlich sind wir doch alle Beuto. Aber dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…