Oder: Warum wir an einigen Fäden hängen oder uns darin verheddern.
Worum es heute geht: Sursulapitschi hat eine schöne Stimme, die sagenhafte Augsburger Puppenkiste, das gelbe U-Boot sorgt für Aufregung unter Wasser, vermisst man eigentlich etwas über Wasser und brauchen die Drei eigentlich mehr Platz oder nicht.
Die karierten Vorhänge vor den Bullaugen schunkelten ein wenig hin und her als das kleine, gelbe U-Boot mit Alexander, Marie und dem getrennten Papi immer tiefer ins das Wasser sank. Marie zog sie zurück und vor dem Bullaugen, Steuerbord, tanzte ein buntes Seepferdchen, das größer als ein gewöhnliches Seepferdchen wirkte. Entzückt rief Marie aus: “Das ist doch Sursulapitschi, aus der Augsburger Puppenkiste, wie süss!” Auch Alexander erinnerte sich noch gut, immerhin hatten der getrennte Papi und seine Kinder “Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer” und “Jim Knopf und die wilde 13″ mindestens schon an die zehn Mal gesehen. Und immer wieder hatten sie den einen oder anderen Faden wieder oder neu oder eben nicht entdeckt.
Das Seepferdchen fragte: “Wie kommt Ihr denn hierher?” Und die Marie antwortete einfach: “Wir haben uns ein U-Boot gezeichnet, so, wir es haben wollten und dann haben wir es auch gefunden und sind einfach eingestiegen.” Das klang für das Seepferdchen so gar nicht phantastisch, war es doch ganz andere Unterwasser-Abenteuer gewohnt. “Das ist eine gute Idee gewesen,” fand es nur. “Das muss ich mir merken, wenn ich mir etwas Schönes wünsche, zeichne ich es einfach auf ein Blatt Papier und nehme es mir dann heraus, so könnte ich meinen Verlobten, Schildnöck Uschaurischuum, immer bei mir haben, auch wenn er wieder einmal in den sieben Weltmeeren unterwegs ist, auf der Suche nach Atlantis, zum Beispiel.”
Wie das entzückende Seepferdchen sprach, hatte es eine gar schöne Stimme, bezaubernd und magisch und schwerelos. Alexander und Marie und der getrennte Papi vergassen, dass sie sich in einem Element – Wasser – bewegten, das ihnen eher fremd war, denn in der Regel bewegten sie sich ja auf dem Wasser und nicht unter ihm. Da wären ihnen sogar die Welten der sagenhaften Augsburger Puppenkiste noch näher mit all’ ihren wunderbaren Figuren, die auch einmal jemand zu Papier gebracht hatte, um sie dann in unser Leben zu holen. Das gelbe U-Boot jedenfalls sorgte für jede Menge Aufregung unter Wasser als die Drei darin auf das offene Meer hinaus steuerten, immer begleitet vom Seepferdchen und dessen Begleitern, die im Laufe der Fahrt immer mehr an Zahl zunahmen. Als habe sich rasch herumgesprochen – sofern davon die Rede sein kann, wenn man unterhalb der Wasseroberfläche unterwegs ist – dass da ein ein Mädchen, ein Junge und ein Papi in einem kleinen, gelben U-Boot herum schipperten.
Und wie sie das so taten, bemerkten sie, dass sie eigentlich vieles, was sie an Land ihr eigen nannten, hier unten kaum fehlte. Okay, das eine oder andere Kuscheltier vielleicht und das eine oder andere Schokobon und das eine oder andere Schleichfigürchen. Aber eigentlich fühlten sie sich für den Augenblick ganz unten auf dem Meeresboden ziemlich wohl. Und auch dass es eher eng war in ihrem gelben U-Boot störte sie für den Moment ganz und gar nicht, sie hatten schließlich sich. Und wie das Seepferdchen Sursulapitschi draussen an den Bullaugen an seinen Fäden vorbei tänzelte, fragte sich der getrennte Papi: “Hängen wir nicht auch an dem einen oder anderen Lebens-Faden und verheddern wir uns nicht manches Mal darin?” Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
Oder: Diesmal spielen die Kinder, ausnahmsweise, nicht die erste Geige.
Worum es diesmal geht: Eine Wand, drei Bilder, vier Menschen, ein Traum, ein Vermissen, die gestellte Frage an die Eltern, grosse Verwunderung, die DNA des Menschen, was man so falsch macht als Vater, eine Postkarte & Bamboo Groove am Ende des Westens.
Ich vermisse meine Eltern, sehr oft. Zuerst starb mein Vater, Vorbild meines Lebens, dann – einige Jahre später – meine Mutter, Doppeldeutigkeit meines Lebens. Es liegt noch in der vorvergangenen Dekade zurück, dass sie nicht mehr da sind. In der neuen Wohnung des getrennten Papi hängen an einer Wand drei Bilder in SchwarzWeiss. Zuerst habe ich vor einigen Wochen meinen Vater links aufgehängt und meine Mutter unweit davon rechts. Es trennen sie mithin nur wenige Zentimeter, als würden sie nie und nimmer auseinandergehen können, nie und nimmer. Gemacht hat diese Bilder die Schwester des getrennten Papi, eine wunderbare Photographin. Das Schöne an SchwarzWeiss-Bildern ist doch ihre Dialektik: einerseits sind sie scheinbar so klar und konturiert, andererseits – tritt man näher heran – offenbaren sie oft eine ungewöhnliche Tiefe und Totalität, die mich immer wieder überrascht.
Über meinen Eltern hänge dann jetzt ich, der getrennte Papi, vom letzten Besuch bei meiner Schwester habe ich dieses schwarzweisse Bild mitgebracht, es ist auf Spannholz aufgezogen und löst sich an den Rändern, hier und da. Auf dem Bild bin ich wohl etwas älter als meine Tochter Marie heute, also zehn oder elf Jahre jung. Ich sitze da mit verschränkten Armen, in einer grau-karierten Stoffhose, einem dunklen Hemd und einer weniger hellen Weste, ich weiss, welche Schuhe ich anhatte, die man auf dem Bild nicht sieht. Sie waren schwarz und abgewetzt und seitlich zu schnüren und die Bänder waren grün gewesen; der Hocker, auf dem ich sitze, ist nur zu ahnen, aber ich erinnere mich: es war ein sehr einfacher, versehen mit einem doch wirklich grobgeflochtenen Sitz, bequem war er nicht, aber er zwang zum kerzengeraden Sitzen. Schaue ich das Bild an, sehe ich auch meine Kinder (schaue ich die Kinder an, sehe ich auch ihre Mutter, natürlich – Marie kommt eher nach dem Vater, Alexander eher nach der Mama). Unbescheiden sieht sich der getrennte Papi in beiden Kindern (die Mama darf da aber auch gut und gerne unbescheiden sein).
In einem Traum, den ich oft habe, vermisse ich meine Eltern, es ist ein Traum, den der getrennte Papi schon lange träumt, stets in SchwarzWeiss, vielleicht, damit er ihn nach dem Aufwachen nicht so rasch vergisst? Was aber eigentlich keinen Sinn macht, denn es ist doch immer diese eine Traum, seit Jahren und er verändert sich nur in Nuancen. Ja, es geht in dem Traum, der mir immer sehr lang vorkommt, bei näherer Betrachtung immer länger und länger und länger, lediglich darum, dass ich meine Eltern vermisse. Lediglich ist natürlich eine absurde Untertreibung: was könnte intensiver an einem Gefühl sein als die geliebten Menschen zu vermissen? Vor allen Dingen, wenn sie nicht mehr unter uns sind, jedenfalls nicht mehr anfassbar, ja, schon in Gedanken umfassbar, nein, aber eben nicht mehr zu drücken, zu herzen, zu küssen, zu spüren, zu umarmen.
Ich stellen meinen Eltern immer dieselbe Frage: Warum seid Ihr nicht mehr da? Eine zweifelsfrei völlig irrationale Frage, denn für die Antwort auf diese Frage gibt es schließlich logische und logisch schlüssige Antworten. Ich stelle Ihnen diese Frage gar nicht vorwurfsvoll – nur ein wenig disparat und quentchenweise deprimiert, weil sie eben einfach nicht mehr da sind und mir die eine oder andere wichtige Frage im Leben des getrennten Papi vielleicht beantworten könnten oder mindestens hinterfragen könnten oder immerhin andeutungsweise neu stellen könnten. Aber sie sitzen nur da auf ihren einfachen, dunkelbraunen, schnörkellosen Stühlen mit durchbrochenen Holzlehnen und lächeln, viel sagend. Du musst jetzt die Antworten allein herausfinden, drücken ihre Augen aus, was ihre Münder nicht mehr sagen können.
Diese Haltung verwundert mich in jedem neuen alten und alten neuen Traum, als sie noch lebten hatten sie doch auf Alles und Jedes eine Antwort oder jedenfalls haben sie vermuten lassen, es sei derart. Das habe ich ihnen selbstverständlich nicht immer abgenommen, gab’s doch gar nicht, dass die Eltern über Alles und Jedes Bescheid wüssten; heute allerdings würde ich’s mir in manchen Situationen schon wünschen, weil ich selber viele richtige Antworten nicht kenne oder bisweilen erst gar nicht zu den richtigen Fragen vordringe, so sieht es nämlich mal aus. Nun, es bleibt tröstlich, das in der DNA des Menschen die grossen Irrtümer ebenso vorgesehen sind wie die kleinen Irrtümer und die grossen Erkenntnisse ebenso wie die kleinen Fluchten. Demgegenüber steht jedoch die optimistische Vermutung, dass der getrennte Papi die eine oder andere falsche Erziehungsmassnahme bei seinen Kindern wenigstens richtig gemeint hat und oder und die eine oder andere richtige Erziehungsmassnahme zwar falsch rübergebracht hat, aber immer doch mit bestem Willen, so ähnlich jedenfalls.
Vor einigen Tagen bekam der getrennte Papi von seiner Tochter eine Postkarte aus der Schule: auf der Vorderseite hatte Marie eine kleine New Yorker Skyline gemalt, freundlich, hell, licht und auf der Rückseite schrieb sie neben anderen Komplimenten, die sie ihrem Papa machte, dass er im übrigen der beste Papi der Welt sei. Ich glaube sogar, sie meint das genauso und das finde ich ganz wunderbar. Ich wünschte, meine Eltern hätten eine solche Postkarte von ihrer Enkeltochter bekommen. Vielleicht schicke ich ihnen im nächsten Traum einfach einen Brief, in dem ich ihnen erkläre, warum ich sie so vermisse. Und ich zitiere in diesem Brief einige Zeilen von einem meiner liebsten Lyriker, Michael Dickmann/The End of The West: Alone/Finally/It’s nice to sit in the bamboo dark/ among the bamboo/ dark/ Guitars/and a low/whistle/ I don’t know anyone here!/ Me and the moon/ One shinning, the other/shinning (Wang Wei: Bamboo Groove). Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
