Oder: Warum wir an der Weihnachtsmann glauben sollten, unbedingt.
Worum es heute geht: Eine Filmmusik (sehr früh), kein Traum (echt wahr), ein Mann (mit rotweisser Mütze), eine der Fragen (prinzipiell), die Zeit (bleibt stehen), eine Wärmflasche (ganz alt), keine Frage (niemals), Facebook (fast 54.000 Freunde).
Wenn der getrennte Papi morgens um fünf aufstehen muss, um mit dem Zug von Berlin nach Hamburg zurückzufahren, ist es leider noch sehr dunkel, sehr saukalt und sehr unfreundlich draußen. Was soll’s, das Schöne an so frühen Uhrzeiten ist: Es sind nur wenige Menschen unterwegs und sie, die unterwegs sind, sind für eine kurze Zwischenzeit – so wie in einigen Szenen in “Being John Malkovich” - die Inhaber der Stadt. Nämlich von jenen Teile, die sie dann gerade befahren oder begehen, Meter für Meter für Meter. Und sie spüren das auch, weil sie Dinge sehen können, die Andere später nicht mehr zu sehen bekommen.
Wenn der getrennte Papi schließlich morgens um Viertelvorsechs am Bahnsteig steht, den ersten zu schwachen Kaffee und ein zu bröselndes Brioche in klammen Händen, dann muss er Musik hören. Vorzugsweise Stücke, die ihn an angenehme Umstände erinnern. Also Knopf ins Ohr und “Chaiyya Chaiyya Bollywood Joint” angeschmissen, den Eingangssong zu “Inside Man”, dessen gesamter Soundtrack von Terence Blanchard ohnehin schon ein moderner Klassikern der Filmmusik ist (aber das nur am Rande geschrieben). Diese 6:10 Minuten Bollywood’schen Bombast-Pops machen müde getrennte Papis morgens ziemlich mächtig munter, das steht mal fest. Und wie der getrennte Papi so dasteht, tippt ihm jemand auf die linke Schulter, der getrennte Papi spürt, es ist wohl eine Hand, die in einem sehr dicken Handschuh, einem Fäustling, zu stecken gekommen ist.
Wenn einem so morgens um kurz vor sechs jemand auf die Schulter tippt, offenbar mit einem Fäustling und man hört gerade “Chaiyya Chaiyya Bollywood Joint” und man denkt noch an einen Kinobesuch in New York (nahe dem Union Square) mit einem Freund, den man etwas aus den Augen verloren hat und man will sich eigentlich schon am liebsten nach Hamburg beamen, dann weiss der getrennte Papi: das kann nur der Weihnachtsmann sein. Und, richtig, kein Traum, sondern in der Tat, in echt, in voller Montur und in stattlicher Positur, steht der Mann mit der rotweissen Mütze und dem gar nicht so langen Bart, hinter mir. Der Mann, dessen Telephon-Nummer ich von meinem Papa geerbt habe, die ich in allen Ehren und Top-Secret halte.
Wenn dann eine der wirklich wichtigen und wahrhaft wortgewaltigen Fragen gestellt wird (okay: das “wortgewaltig” passt nicht so ganz, ist aber gerade eine nette Alliteration), dann, jaaa, nur dann und nur dann wirklich: bleibt die Zeit stehen. Und lediglich der Weihnachtsmann und der getrennte Papi können sich rühren, der Rest auf dem Bahnsteig oder auf der Rolltreppe oder in dem gerade einfahrenden Zug, der wie eingefroren bremst, steht stumm und steif und starrt vor sich hin. “Glauben Ihre Kinder an den Weihnachtsmann, äh, wie soll ich’s sagen, quasi, also, ich mein’ mal so: an mich?” Fragt, ganz bescheiden, einer der populärsten Personen of all times and ever, dabei holt er aus seinem großen, roten Sack mit den weiß umsäumten Rändern eine uralte Wärmflasche aus Messing. Die stellt er zwischen uns auf die Bank auf dem Bahnsteig, auf die wir uns setzen und die Wärmflasche ist so heiß, sie strahlt eine Hitze ab, dass es sogleich verdammt schön warm wird, ums Herz und so-wie-so.
Wenn der getrennte Papi über diese Frage nachdenkt, fällt ihm auf, dass er darüber gar nicht nachzudenken braucht. “Selbstverständlich glauben Marie und Alexander an Sie, Herr Weihnachtsmann, kein Frage!” Dem getrennten Papi fällt eine Szene ein, wie die Schwester vor kurzem ihren kleinen Bruder sehr bestärkte, in seinem Glauben an den Weihnachtsmann. Hatte es sich doch ein Junge im Kindergarten erlaubt, die Existenz des großen W in ernsthafte Zweifel zu ziehen. “Stimmt nicht”, beschied Marie ihrem Bruder, “der Weihnachtsmann sieht alles und er liest jeden Wunschzettel und er hat gerade alle Hände voll zu tun”. Sie sagt das mit solcher Inbrunst als wolle sie es auch wieder, immer noch, mindestens marginal, glauben, weil es einfach ein schöner Gedanke ist, einer der schönsten.
Wenn Alexander das dann hört, strahlt er, klar, gibt es ihn, den Weihnachtsmann und bald würde er überall, um den Erdball fliegen, womöglich mehrmals, um den Kindern ihre Geschenke zu bringen. Und Marie? Schaut den getrennten Papi an und ihn sich selbst hinein und freut sich auf den Weihnachtsmann, das ist doch keine ernsthafte Frage des Alters oder des Glaubens oder der Zeit. Der Weihnachtsmann wärmt sich seine Hände an der Wärmflasche, die auf der Bank am Gleis 6 am Berliner Hauptbahnhof (tief) zwischen ihm und dem getrennten Papi steht und vor sich hin dampft, ein bisschen wie Aladin’s Wunderlampe, wenn der an ihr damals gerieben hat, steht auf und reicht mir sein rechte Hand, bevor er sie wieder im Fäustling verschwinden lässt.
“Es gibt auch noch viele so genannte erwachsene Menschen, die an mich glauben”, stellt er sehr sachlich fest und verschwindet als der ICE einfährt als sei nichts geschehen. Der getrennte Papi fragt sich und später wird er auch seine Kinder fragen: “Ob er wohl zu seiner Frau, Mrs. Claus, zum Frühstück, geflogen ist?” Immerhin glauben fast 54.000 Fans der Santa-Claus-Site auf Facebook, der Weihnachtsmann sei verheiratet. Vor allem aber glauben sie an seine persönlichen Interessen: Making people happy and giving. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
