Doppelter Papi (89.)
Veröffentlicht in Herzen,Kleines Leben,Melancholie von Andreas Wrede am 19.02.2012 um 15:48 Uhr

Oder: Das Leben ist eben doch kein langer und ruhiger Fluss.

Worum es heute geht: Lebens-Umstände, die eben Umstände sind, und die es wohl bleiben, das Single-Dasein, das eigentlich keines ist, Kinder-Trennung, an die man sich nicht gewöhnt, aber sich eben gewöhnen muss und Karnevals-Kostüme.

Jetzt ist der getrennte Papi schon über zwei Jahre getrennt  - und doch sind die Umstände seines Lebens auf der einen Seite zum Alltag geworden, um auf der anderen Seite kein normaler Alltag zu werden. Gerade an Wochenenden kommt es da zu dem einen oder anderen Blues, aber wem sag’ ich das? Die eine Leserin oder der andere Leser des Papi-Blogs wird’s natürlich genauso nachempfinden: Früher wurde das eine oder andere Toben oder auch das genaue Gegenteil veranstaltet – heute sind nun alleinige Wochenenden genauso Alltag, den der getrennte Papi hinkriegen muss, logo.

Übrigens wie viele andere Menschen ja doch auch – in der Klasse meiner Tochter Marie sind zahlreiche Kinder in derselben Lage wie sie selbst. Und selbstverständlich bemüht man sich nach allen Kräften, den Kindern eine Trennung so “leicht” wie möglich zu gestalten (…sofern dies überhaupt möglich ist…). Auch wenn man sich selbst die Trennung, ebenso selbstverständlich, nicht “leicht” gemacht hat und sich hinterher sagen muss, dass es sich der getrennte Papi manches Mal und manches Mal zu viel einiges zu leicht gemacht hat? Nun denn, so sind jedenfalls die Single-Tage und Single-Wochenenden immer noch gewöhnungsbedürftig. Ja, man kann ins Kino gehen,wann man will, mit einer lieben Freundin frühstücken, man sich kann ein Mittagsschläfchen gönnen (was für ein Luxus, oder?). Tja, gleichwohl fühlt sich der getrennte Papi ohne Alexander und Marie…eben getrennt und nicht als Single-Mann, sondern sozusagen: als doppelter Papi.

Ich kann mich nicht daran gewöhnen von meinen Kindern getrennt zu sein, ich muss mich immer wieder von Neuem daran gewöhnen – nun, so geht’s Hunderttausenden anderer Menschen in diesem Lande, man hat sich durch’s Leben zu Patchworken.Mal klappt es besser und mal klappt es eben nicht so gut. “Es ist wie es ist.” Jedenfalls ist’s ganz wunderbar, wenn man von der Tochter ein Photo geschickt bekommt: Sie hat ihren Bruder geschnappschusst wie er sich als Punker verkleiden wird, wenn es bald zum Kindergarten-Karneval geht. Und plötzlich sieht der Sohnemann des getrennten Papi schon sooo groß aus. Und plötzlich kommen einem die Worte der eigenen Eltern in den Sinn als sich der getrennte Papi etwa als Indianer zurechtgemacht hat für die Karnevals-Party eines Freundes: “Sei immer eine tapferere Rothaut.” Okay, okay, heute ist das jetzt mal alles zu melancholisch und zu pathetisch im Papi-Blog, also Schluss. Alsbald dann wieder mehr vom getrennten Papi…

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Meine Eltern (52.)
Veröffentlicht in Dialektik,Fühlen,Herzen von Andreas Wrede am 21.01.2011 um 22:19 Uhr

Oder: Diesmal spielen die Kinder, ausnahmsweise, nicht die erste Geige.

Worum es diesmal geht: Eine Wand, drei Bilder, vier Menschen, ein Traum, ein Vermissen, die gestellte Frage an die Eltern, grosse Verwunderung, die DNA des Menschen, was man so falsch macht als Vater, eine Postkarte & Bamboo Groove am Ende des Westens.

Ich vermisse meine Eltern, sehr oft. Zuerst starb mein Vater, Vorbild meines Lebens, dann – einige Jahre später – meine Mutter, Doppeldeutigkeit meines Lebens. Es liegt noch in der vorvergangenen Dekade zurück, dass sie nicht mehr da sind. In der neuen Wohnung des getrennten Papi hängen an einer Wand drei Bilder in SchwarzWeiss. Zuerst habe ich vor einigen Wochen meinen Vater links aufgehängt und meine Mutter unweit davon rechts. Es trennen sie mithin nur wenige Zentimeter, als würden sie nie und nimmer auseinandergehen können, nie und nimmer. Gemacht hat diese Bilder die Schwester des getrennten Papi, eine wunderbare Photographin. Das Schöne an SchwarzWeiss-Bildern ist doch ihre Dialektik: einerseits sind sie scheinbar so klar und konturiert, andererseits – tritt man näher heran – offenbaren sie oft eine ungewöhnliche Tiefe und Totalität, die mich immer wieder überrascht.

Über meinen Eltern hänge dann jetzt ich, der getrennte Papi, vom letzten Besuch bei meiner Schwester habe ich dieses schwarzweisse Bild mitgebracht, es ist auf Spannholz aufgezogen und löst sich an den Rändern, hier und da. Auf dem Bild bin ich wohl etwas älter als meine Tochter Marie heute, also zehn oder elf Jahre jung. Ich sitze da mit verschränkten Armen, in einer grau-karierten Stoffhose, einem dunklen Hemd und einer weniger hellen Weste, ich weiss, welche Schuhe ich anhatte, die man auf dem Bild nicht sieht. Sie waren schwarz und abgewetzt und seitlich zu schnüren und die Bänder waren grün gewesen; der Hocker, auf dem ich sitze, ist nur zu ahnen, aber ich erinnere mich: es war ein sehr einfacher, versehen mit einem doch wirklich grobgeflochtenen Sitz, bequem war er nicht, aber er zwang zum kerzengeraden Sitzen. Schaue ich das Bild an, sehe ich auch meine Kinder  (schaue ich die Kinder an, sehe ich auch ihre Mutter, natürlich – Marie kommt eher nach dem Vater, Alexander eher nach der Mama). Unbescheiden sieht sich der getrennte Papi in beiden Kindern (die Mama darf da aber auch gut und gerne unbescheiden sein).

In einem Traum, den ich oft habe, vermisse ich meine Eltern, es ist ein Traum, den der getrennte Papi schon lange träumt, stets in SchwarzWeiss, vielleicht, damit er ihn nach dem Aufwachen nicht so rasch vergisst? Was aber eigentlich keinen Sinn macht, denn es ist doch immer diese eine Traum, seit Jahren und er verändert sich nur in Nuancen. Ja, es geht in dem Traum, der mir immer sehr lang vorkommt, bei näherer Betrachtung immer länger und länger und länger, lediglich darum, dass ich meine Eltern vermisse. Lediglich ist natürlich eine absurde Untertreibung: was könnte intensiver an einem Gefühl sein als die geliebten Menschen zu vermissen? Vor allen Dingen, wenn sie nicht mehr unter uns sind, jedenfalls nicht mehr anfassbar, ja, schon in Gedanken umfassbar, nein, aber eben nicht mehr zu drücken, zu herzen, zu küssen, zu spüren, zu umarmen.

Ich stellen meinen Eltern immer dieselbe Frage: Warum seid Ihr nicht mehr da? Eine zweifelsfrei völlig irrationale Frage, denn für die Antwort auf diese Frage gibt es schließlich logische und logisch schlüssige Antworten. Ich stelle Ihnen diese Frage gar nicht vorwurfsvoll – nur ein wenig disparat und quentchenweise deprimiert, weil sie eben einfach nicht mehr da sind und mir die eine oder andere wichtige Frage im Leben des getrennten Papi vielleicht beantworten könnten oder mindestens hinterfragen könnten oder immerhin andeutungsweise neu stellen könnten. Aber sie sitzen nur da auf ihren einfachen, dunkelbraunen, schnörkellosen Stühlen mit durchbrochenen Holzlehnen und lächeln, viel sagend. Du musst jetzt die Antworten allein herausfinden, drücken ihre Augen aus, was ihre Münder nicht mehr sagen können.

Diese Haltung verwundert mich in jedem neuen alten und alten neuen Traum, als sie noch lebten hatten sie doch auf Alles und Jedes eine Antwort oder jedenfalls haben sie vermuten lassen, es sei derart. Das habe ich ihnen selbstverständlich nicht immer abgenommen, gab’s doch gar nicht, dass die Eltern über Alles und Jedes Bescheid wüssten; heute allerdings würde ich’s mir in manchen Situationen schon wünschen, weil ich selber viele richtige Antworten nicht kenne oder bisweilen erst gar nicht zu den richtigen Fragen vordringe, so sieht es nämlich mal aus. Nun, es bleibt tröstlich, das in der DNA des Menschen die grossen Irrtümer ebenso vorgesehen sind wie die kleinen Irrtümer und die grossen Erkenntnisse ebenso wie die kleinen Fluchten. Demgegenüber steht jedoch die optimistische Vermutung, dass der getrennte Papi die eine oder andere falsche Erziehungsmassnahme bei seinen Kindern wenigstens richtig gemeint hat und oder und die eine oder andere richtige Erziehungsmassnahme zwar falsch rübergebracht hat, aber immer doch mit bestem Willen, so ähnlich jedenfalls.

Vor einigen Tagen bekam der getrennte Papi von seiner Tochter eine Postkarte aus der Schule: auf der Vorderseite hatte Marie eine kleine New Yorker Skyline gemalt, freundlich, hell, licht und auf der Rückseite schrieb sie neben anderen Komplimenten, die sie ihrem Papa machte, dass er im übrigen der beste Papi der Welt sei. Ich glaube sogar, sie meint das genauso und das finde ich ganz wunderbar. Ich wünschte, meine Eltern hätten eine solche Postkarte von ihrer Enkeltochter bekommen. Vielleicht schicke ich ihnen im nächsten Traum einfach einen Brief, in dem ich ihnen erkläre, warum ich sie so vermisse. Und ich zitiere in diesem Brief einige Zeilen von einem meiner liebsten Lyriker, Michael Dickmann/The End of The West: Alone/Finally/It’s nice to sit in the bamboo dark/ among the bamboo/ dark/ Guitars/and a low/whistle/ I don’t know anyone here!/ Me and the moon/ One shinning, the other/shinning (Wang Wei: Bamboo Groove). Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…