Ein Augenaufschlag (69.)
Veröffentlicht in Abschied,Die Welt steht still,Herzenszeichen von Andreas Wrede am 10.04.2011 um 16:18 Uhr

Oder: Heute bitte lieber einen kurzen als einen langen Abschied.

Worum es heute geht: Blauer Himmel, Glocken läuten, Gedanken weit weg und doch so nah, alles wieder weg, eine andere Wohnung, eine andere Welt, Aufräumen, so nah und doch weiter weg, das war nicht der Plan, aber manche Pläne sind des Scheiterns, meint auch Tennessse Williams.

Ach, nun waren Marie und Alexander vierzehn Tage beim getrennten Papi und das fühlte sich wieder wie eine (wenn auch) kleine Familie an. Vom Kindergarten abholen, von der Schule abholen, zwischendurch war die Schwester eine Woche da, jeden Morgen die Brotdosen machen, jeden Abend die Zwei ins Bett bringen und in den Schlaf hinüberstreicheln. Gestern sind wir ausnahmsweise zusammen zu Bett gegangen (“Papi, bitte, ist doch der letzte Abend…!”), dann erzählt man sich so Geschichten, man tobt nochmals rum und kitzelt sich. Alexander ist wie immer der Wildere und Marie ist wie immer die Vernünftigere und der getrennte Papi liegt irgendwo dazwischen. Und ist dann schlagartig müde, so als habe der Schlaf eine Umnachtung aus heiterem Himmel vor.

Und auch Marie (“Kann ich bitte noch eine Wärmflasche haben?”) und Alexander (“Einmal noch hinterm linken Ohr streicheln”, ohne bitte) protestieren nicht als schließlich rasch das Licht gelöscht wird und in den Armen des getrennten Papi schlafen sie ein und der dazu. Das Aufwachen am Morgen ist eigentlich schön – der Himmel ist stahlblau, die Glocken läuten glasklar – und doch eigentümlich verhalten, die Kinder werden heute von der Mutter wieder abgeholt. Da schweifen die Gedanken von Marie einmal weit weg, in die Vergangenheit (“Wir sind doch noch eine Familie, oder?”) und Alexander freut sich natürlich auf seine Mama und hofft, ganz nah, sie möge ihm etwas mitgebracht haben (“Was kann das wohl sein?”).

Der getrennte Papi gehört zu den Menschen, die kurze Abschiede mögen, so auch diesmal, alles ist schon gepackt, wir Drei sitzen auf der Treppe unten, ein Kind auf dem linken, eines auf dem rechten Knie und wir drücken uns nochmals, Marie (“Liebiliebani”) wie immer mehr als Alexander. Als sie im Auto sitzen und von ihren Rücksitzen aus winken, hat sich der Abschied schon durch die Hintertür verabschiedet. Oben in der Wohnung sind die mitgebrachten Spielsachen nun alle wieder weg, wie immer blieben allerdings einige beim getrennten Papi, so sammelt sich einiges an, werden im Fluss der Zeit in seine vier Wände gespült und fühlen sich dort an wie just angelandetes Strandgut.

So wird aus einer Familien-Wohnung in einem Augenaufschlag eine andere Wohnung, jene eines getrennten Papis. Und aus einer Welt zu Dritt wird wieder eine allein – okay, das klingt ziemlich pathetisch, ist es auch, es stimmt trotzdem. Allein zu Dritt ist der getrennte Papi sozusagen, sitzt auf dem Sofa, blinzelt in den wolkenlosen Himmel und denkt an seine Kinder, wie auch anders, sie sind ja erst einmal nicht mehr da (“Tschüss, Papi, noch ein Kuss”). Zur Ablenkung wird ein bisschen aufgeräumt, von links nach rechts, von rechts nach links, oder doch lieber nicht? Marie hat eines ihrer Kuscheltiere vergessen, manchmal tut sie das absichtlich (“Dann kannst Du es abends im Arm halten”). Und für einen Moment ist sie wieder so nah und hält ihren Bruder an der Hand, etwa wenn wir die Strasse überqueren und dann ist sie gleich noch umso weiter weg. Es bleibt die winkende Hand, die noch ein letztes Herzenszeichen gibt als das Auto um die Ecke biegt – aus dem Blickfeld und genau in diesem Moment, der getrennte Papi schwört es, blieb die Erde für eine Sekunde stehen, vielleicht waren es auch zwei oder drei.

Und diese eine, zwei, drei Sekunden halte ich jetzt fest, bis ich die Kinder wieder sehe und geweint wird natürlich in deren Gegenwart nicht. Oh Mann, das war nicht der Plan bei der Heirat, nicht der Plan als sie geboren wurden, nicht der Plan in Hochs und Tiefs. Aber es gibt Pläne, die sind des Scheiterns, weil der getrennte Papi in bestimmten Situationen offenbar verunglückte, zunächst an den eigenen Unzulänglichkeiten, das ist ja immer der Fall, und an jenen anderer Menschen. Tennesse Williams hat die atemlos richtigen Worte gefunden in einem seinen Gedichte. Your Blinded Hand:”…and each of us would find/ the other’s hand./ We know that might not be so./But for this quiet moment, if only for this moment,/and against all reason,/let us believe, and believe in our hearts that somehow it would be so./…And each of us would find a blinded hand.” Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…