Schwarzer Peter (65.)
Veröffentlicht in Herzlein,Lautstärke,New York City von Andreas Wrede am 31.03.2011 um 23:02 Uhr

Oder: Es kann nicht schaden, sich bei seinen Kindern zu entschuldigen.

Worum es heute geht: Klopfklopf, Ungeduld am Morgen, die Wasserpistole muss mit, die Luft ist rein, tut mir leid, die Ruhe im Büro, der Blick in den Nebel erhellt durchaus, Denken hilft, Schreiben auch, sehr, wohin geht die Reise, eigentlich.

Morgens um sieben klopft Marie an die Tür, Kuscheltiere und Kissen im Arm, sie hat zwei Etagen tiefer bei der Schwester des getrennten Papi geschlafen. Und weil sie ehrlich ist, erzählt sie: “Ich bin doch später ins Bett gegangen, wir haben noch einige Runden Schwarzer Peter gespielt, ach, ich hab’ gewonnen.” Komischer Weise gewinnt die Tochter des getrennten Papi ganz oft beim Spielen, sie ist die Glücks-Marie und wird nie vom Pech verfolgt. Vielleicht ist das mithin eine innere Haltung, weil sie ganz gut mal verlieren kann, ohne sich sonderlich zu ärgern.

Alexander hingegen ist das oft grollende Spiegelbild, wenn er nicht die Nase vorn hat, “das ist unfair” ist die beliebteste Formulierung, verbunden mit wild rudernden Armbewegungen, die auch schon mal treffen können. Obwohl gestern (wie heute, übrigens) vom getrennten Papi gestreichelt (“besonders hinterm Ohr, bitte”) ins Schlafen befördert, steht er schäumend etwas neben sich, nervt seine Schwester und den getrennten Papi – und der wird kurz mal laut. Verdammt! Das sollte nicht zum Erziehungs-Repertoire zählen, aber es gibt diese bestimmten Situationen, wenn Kinder die angespannten Nerven ihrer Eltern regelrecht ansägen, etwa mit quälendem Gequengel, man wolle dringend eines Süssigkeit.”Nein, morgens gibt es keine Sweeties.” “Ich will aber!”

Solch’ ewig fundamentale Fragen häuslicher Pädagogik enden für den Kleinen immer erstmal frustrierend (er bekommt keine Süssigkeit) und für den Großen noch frustrierender, hat er sich doch zu Lautstärken hinreissen lassen. Der getrennte Papi ist schon am frühen Morgen in eine Kinderfalle getappt, selbsthin schuld. Okay, zum Trost darf die neue Wasserpistole mitgenommen werden auf den Weg in den Kindergarten. Dieser Umstand hat eine erstaunlich sedierende Wirkung auf beide Parteien. Hinzu kommt eine vom ersten Frühlingsregen gereinigte Luft, die sich milde auf unsere verhitzten Gemüter legt – ganz wie Tau auf einer sonnendurchfluteten Lichtung, vielleicht in den Bergen an der Côte d’Azur? Und es riecht nach Lavendel und man weiß: In einer halben Stunden ist der Strand in Sichtweite und das Wasser wartet, warm und wohlig.

“Papi, Paaapi!” Marie stupst den getrennten Papi an, der anscheinend gerade eine kurzen Tagtraum hatte, jetzt aber los. Allerdings nicht ohne eine ordentliche Entschuldigung bei Alexander. “Es tut mir leid, dass ich laut geworden bin, das war doof.” Findet der Junge auch, aber weil in seiner kleinen Brust ein großes Herzlein schlägt, verzeiht er mir, kurz und bündig: “Okay.” Dann wäre das ja geregelt und wir schaffen noch pünklich Schule und Kindergarten und im Büro des getrennten Papi ist es noch ganz still. Er mag das immer wieder sehr, diese frühe Stunde, noch ist kein Anderer da. Das erinnert ihn an seine Zeit in New York, wenn er Frühschicht hatte, morgens um Sechs. Auf dem Weg ins Office um viertel nach Fünf riecht Manhattan noch nach unschuldiger Raffinesse, erstes Tageslicht bricht sich in verschlafenen Wolkenkratzern, die heruntergelassenen Gitter sehen Graffiti verziert aus wie frühe Basquiats.

Himmel, schon der zweite Tagtraum und der Blick fällt aus dem Fenster direkt in ein nebliges Feld, der Ausschnitt vom Fenster schummert vor sich hin als bewege er sich, das macht der Nebel, sososo. Und wenn die klaren Gedanken erhellend durch den Nebel schneiden, hilft das, schon. Wie geht das kleine Leben eigentlich so weiter oder geht das kleine Leben eigentlich wirklich so weiter? Leider kann ich nicht berichten, dass der getrennte Papi bereits zu einer abschließend wirklich tiefer schürfenden Erkenntnis gefunden hätte. Also wird geschrieben, das hilft ebenfalls, Schreiben ist ein kreativer Prozess, der zumindest in der Vollendung eines Textes vorübergehend erklärt, wohin die Reise geht. Vielleicht reicht es für den Anfang, den Schwarzen Peter los zu werden. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…