Kleine Eiszeit (82.)
Veröffentlicht in Hand,Herz,Himmel von Andreas Wrede am 02.10.2011 um 17:59 Uhr

Oder: Einmal kurz in die weite Vergangenheit und dann wieder zurück.

Worum es heute geht: Es geht doch nix über eine solide Bildung, Kinder sei Dank, kleine Tiere, gr0sse Tiere, eine schicke Gitarre, eine verlorene Schildkröte, Bruder hilft Schwester, der Himmel über Hamburg.

Sie wissen ja bestimmt, wann Mammuts gelebt haben – jedenfalls haben mich das am Wochenende meine Kinder Marie und Alexander gefragt. Im Gegensatz zu Ihnen musste ich allerdings nachschauen im Lexikon und liess mich belehren, dass es sie zwischen 4,5 Millionen und 4ooo Jahren vor Christus gab. Ebenso wie bestimmte Säbelzahntiger, Höhlenbären, Büffel, Schneeeulen, tja, man lernt nie aus, wenn man eine Eiszeit-Ausstellung mit seinen Kindern besucht. Rührend, wie sie da in künstlichem Schnee stehen, die kleinen und die grossen Tiere, mit denen sich unsere Vorfahren herumzuschlagen hatten.

Und da stehen wir nun vor so einem Mammut, das ist ziemlich hoch und wird später einmal ein Elephant sein, aber bis dahin werden noch einige Jährchen vergehen. Die Kinder sind ebenso beeindruckt wie der getrennte Papi von diesen liebevollen Nachbildungen in einem Harburger Museum. Und mit einem kleinen Zettel bewaffnet, machen wir uns also auf eine kleine Eiszeit-Rallye ein und lernen, was da für Tiere vor uns stehen und liegen. Dabei sind noch die zwei Kuscheltiere, die Marie vorher auf einem Flohmarkt gekauft hat. “Drei Euro, das finde ich einen fairen Preis für zwei Koalas, da handele ich nicht mehr,” hat sie gesagt und die Zwei sollen beim getrennten Papi bleiben; der hat sie später erst einmal in die Waschmaschine gesteckt und danach sehen sie ziemlich aus wie neu, Lupine und Lupinchen. Alexander hat eine Ukulele auf dem Flohmarkt entdeckt und nachdem wir alle Stände um den Platz abgegangen sind, schnappt er sich das formschöne Stück aus undefinierbarem rötlichem Holze und er gibt die ganzen fünf Euro dafür aus, die er bekommen hatte. “Das ist sie mir Wert,” meint er lakonisch.

Aber unsere Expeditionen in die kleine Eiszeit und auf dem Flohmarkt wird von dem Verlust eines kleinen Talismans von Marie überschattet, eine kleine Schildkröte – auf dem Rückweg suchen der getrennte Papi und der Bruder und die Schwester nach dem Talisman. Im Museum, auf der Strasse, in der S-Bahn…leider vergeblich. Wir hoffen jetzt mal, das ein anderes sehr liebes Mädchen die Schildkröte gefunden und mit zu sich nach Hause genommen, ja, wir wissen es eigentlich. Der ach so blaue Himmel über Hamburg verheisst uns dies, wir sind da guter Dinge auf der Rückfahrt nach St.Georg, Schildi wird es irgendwo ganz schön haben. So wie wir, wenn wir zusammen sind, wo auch immer, Hand in Hand.  Alsbald wieder mehr vom getrennten Papi…

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Liebiliebani, vielmals (55.)
Veröffentlicht in Baumhütte,Himmel,Licht von Andreas Wrede am 13.02.2011 um 18:43 Uhr

Oder: Vom Loslassen, immer wieder, immer weiter, immer wörtlicher

Worum es heute geht: Es ist wie es ist, Nachdenken über den Abstand, Gespräche am Telephon, irgendwo im Niemandsland, die Kinder sind da, auch wenn sie fort sind, donnernde Kirchenglocken und ein besonderes Lied, das von Blättern und Licht singt.

Gerade dachte ich darüber nach wie lange unsere Trennung wohl her sein mag und es sind fast auf den Tag sechzehn Monate, fast auf den Tag, merkwürdig. Eine kurze Zeit, eine lange Zeit, gar keine Zeit? Ich kann’s nicht beantworten, weil aus kleinen Ewigkeiten bisweilen große Gedankenschwärme werden, die sich verselbständigen wie eine emotionsgeladene Hydra, die alles überwuchert. Alle Empfindung, alles Gefühl, alle Verletzungen, alle Wut, alles Zaudern – bis wir uns selbst wieder beleben wie ein Ertrinkender, der auf hoher See von Bord gefallen ist. Den aber eine einzigartige, sanfte, waghalsige Welle immer wieder nach oben an die Wasseroberfläche geholt und schließlich an Land gespült hat.

Das Land ist eine einsame Insel, darauf dürfen nur die Kinder den getrennten Papi besuchen, denn es ist wie es ist und es wird nie wieder so werden wie es war und es kann nur sein wie es wird. Aber nach und nach muss der getrennte Papi aufs Festland und während er auf dem imaginären kleinen Kutter immer so hin wie her fährt, denkt er an das Loslasssen. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Familie war gestern, heute ist Patchwork (übrigens soziokulturell eine selten dämliche Beschönigung erster Güte), morgen wird ZurückindieZukunft sein. Alexander und Marie halten den getrennten Papi auf Kurs, sie bezaubern ihn, sie ermutigen ihn, sie fordern ihn, sie halten ihn und er hält sie ganz fest, liebieliebani, immer ganz fest und ganz warm und ganz weiter. Denn die Kinder sind nicht nur unsere Zukunft, sie sind unser Eines und Alles, sie sind unser Rüstzeug und wir sind die ihre..

Und diese Rüstung setzt sich aus unendlich vielen Facetten zusammen, die manchmal im Hellen schimmern wie eine gleißende Wasseroberfläche und die manchmal abwehrend sind wie eine Burg hoch oben auf dem Fels, nur der Adler kann dort landen und sein. So oder so: Marie und Alexander sind beim getrennten Papi und dessen stillem Nachdenken über den Abstand der vergangenen fast sechzehn Monate und sie und die Freunde helfen ihm beim Loslassen, es ist wie es ist. Und wenn es bloß die Telephongespräche sind unter der Woche, mal kürzer, mal länger, im Niemandsland zwischen Festland und Insel. Die Kinder leben – zu ihrem Glück – immer noch in der vertrauten Umgebung, die dem getrennten Papi längst keine Heimat mehr ist – ohne die Kinder eher eine Adresse aus einem andern Leben, das der getrennte Papi erst verlassen, dann hinter sich gelassen und nun Schritt für Schritt losgelassen hat.

Dabei scheint das Loslassen manchmal so verdammt leicht und manchmal so verdammt hart und manchmal so verdammt verdammt. Natürlich muss ich bei dem ganzen Loslassen die Kids um so fester halten, liebieliebani, und auch aus der Ferne, die Nähe immer wieder weben wie einen bunten, feinen, fröhlichen, beständigen Teppich aus einer anders wirkenden und anders zusammengesetzten Normalität. Die Kinder sind eben immer da für den getrennten Papi, auch wenn sie gar nicht da sind. Selbst wenn sie am Ende der Welt wären, so sind sie doch stets in der Welt seines Herzens, das für sie an Größe zunehmen muss. Denn je weiter sie manches Mal fort sind, desto lieber, näher, tiefer, muss ich ihren Herzen doch sein. Und dabei pochen unsere drei Herzen so laut wie die Glocken von St. Georg, die sicher und tönend und vertrauensvoll herüberdonnern über die Dächer hinweg und in den Himmel hinauf.

Vielleicht sind die Glocken ein schönes Bild fürs Loslassen? Feste hängen sie im Kirchturm, vielleicht schon seit Jahrhunderten, nichts kann sie erschüttern, aber wenn sie klingen, schicken sie das Geläut hinaus in die Welt und es freut uns und ermutigt uns und es beruhigt uns. Und wenn die Töne verklungen sind, können wir bis zum nächsten Geläut davon zehren, wenn wir ein wenig Glück haben. Oder eine Baumhütte unser eigen nennen, die auf dem Festland liegt und die der getrennte Papi, mal allein, mal mit den Kindern hinauf- und hinabklettert. Das bringt uns beim heutigen, fünfundfünfzigsten Schluss zu einem ganz wunderbaren Song, The Leavers Lift High, von dem Album my room in the trees der Innocence Mission:

Flying down lanes, bicycles red and blue/ and tunnels of tall trees, with you/ Together we are very small, riding across the great land/ On the Eastern Avenue, the morning is bigger/ taller than I knew/ The leaves lift high, the light gets trough.

Shoulder of the lake at Clement Farm / You’re in the crossing of my arms/ wherever you maybe, whatever day this is/ On the Eastern Avenue, on all streets/ I know, I know, I count on you/ The leaves lift high, the light gets trough.

All of the days I travel with you/ dearest to me, child/ dearest to me, child/ All the bells I ever knew/ ring out at the same time/ ring out at the same time together, together/ All of the bells I ever knew/ ring out at the same time/ We look up at the same time together.

On the Eastern Avenue, on all streets/ I know, I know, I look for you/ The leaves lift high, the lights gets trough.

Ja, das Licht scheint durch, Alexander und Marie und ich, wir sehen es zusammen, ob wir zusammen sind oder gerade mal nicht, liebiliebani, vielmals. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…