Oder: Überholt die Zeit uns oder überholen wir die Zeit?
Worum es heute geht: Ein buntes Bild, der kleine Alexander und seine kleine Freundin, grosse Zukunftspläne, old places/new places/going places, eine kleine Weltreise, ein alter Rosenkranz aus New York, Muthspiel’s Solo und ein weiteres Gedicht von Jim Carroll.
Als das Bild per E-Mail ankam, war der getrennte Papi erst einmal bewegt, erstaunt, geabannt; obwohl es doch erst einmal nur ein Farb-Photo seines Sohnes Alexander mit seiner Kindergarten-Freundin Amalie war, machte es ihn still und stumm. Es zeigt, wie diese beiden wahnsinnig süssen Kinder verkleidet sind als Prinzessin und Prinz, offenbar haben sie schon eine ganze Weile gespielt – in dem kleinen Einkaufswagen, den das kleinkönigliche Paar mit sich führt, sind wichtige Dinge als da wären eine Babypuppe und ein Kuscheltier. So etwas nehmen Prinz und Prinzessin doch nur mit, wenn es endlich auf grosse Phantasie-Reise geht. Als das Photo von Alexanders’ Mutter gemacht wurde, hält das blaublütige Pärchen einen Moment inne, man sieht es ihnen an: Sie wissen, dass sie photogaphiert werden.
Gleichwohl posieren sie nicht, es liegt eine seltene Ausgeglichenheit, Entspanntheit, Friedvollheit über diesem Augenblick zwischen den Wimpernschlägen, die vielleicht ein bisschen länger ausfallen als gewöhnlich. Er trägt eine blauweisse Uniformjacke mit Pailletten, der Prinz nimmt gleich eine Parade ab, die Jeans passt nicht ganz dazu, aber heutzutage geht es bei Königs schließlich auch legerer zu, nicht wahr? Sie trägt einen rosalila Traum aus Tüll, es ist ein Kleid von Alexanders’ Schwester Marie, das sie mindestens sooft angehabt hat wie einen Lieblingspulli. Die zwei Kinder schauen direkt in die Kamera, so fröhlich, so offen, so unverwandt. Das mag daran liegen – so wurde dem getrennten Papi von Marie berichtet: Alexander und Amalie haben an diesem Tag beschlossen, sie würden sich, das ist mal sicher, später einander das Immer & das Ewig versprechen.
Wie schön: Man kann sich in jungen Jahren, da die Vergangenheit noch keine ist, die Gegenwart mit Glück unbeschwert gelebt wird, der Zukunft fraglos hingeben. Und es soll doch tatsächlich vorgekommen sein, dass sich zwei Menschen, selbstverständlich, nach verschlungenen Ab,- Um- und Zuwegen wirklich wieder finden und heiraten und bis an das Ende ihrer Tage beieinander bleiben. Ja, das ist eine höchst obskure-romantische- verrückte Gefühlsarchitektur, aber sie gefällt dem getrennten Papi, sehr. Vermutlich entwickelt er nach der Trennung umso vertracktere Emotionsschleifen, in denen er sich hier & dort allzu gerührt verfängt. Ach, verdammt, warum auch nicht, das Leben ist-doch-oft-genug-gänzlich-gar-und-überhaupt-nicht-romantisch.
Das Photo wurde aufgenommen in jener Wohnung, die der getrennte Papi bewohnt hatte als die Familie noch eins war mit sich und der Welt. Ein alter Platz, obwohl ich doch erst vor einem Dreivierteljahr dort ausgezogen bin, es verbinden sich damit mittlerweile einigermassen sortierte Seelenzustände; und so kennt der getrennte Papi genau die Stelle im Wohnzimmer, nahe der Terrasse (auf der die vier Kaninchen Blinki, Flip, Mogli und Shanti sehr komfortabel überwintern), an der Amalie und Alexander standen, einerseits. Andrerseits ist ihm diese Stelle eben eine vergangene, sie berührt nur noch durch die Anwesenheit der Kinder. Denn neue Plätze mussten genommen werden, um die alten nochmals erklimmen zu können, über sie hinweg zu steigen und oben angekommen einzusehen, dass der beschwerliche Abstieg doch einen befreienden, neuradikalen Anfang bedeuten möchte.
Und seien die zu entdeckenden Plätze nun die Wohnung in einem anderen Quartier der Stadt, Begegnungen dort mit Freundinnen und Freunden, die man aus den Augen verloren geglaubt hatte, ungewohnt freie Stunden ohne die Kinder, viele Stunden der Sehnsucht nach den Kindern, unglaublich intensive Stunden des Zusammenseins mit den Kindern. Dazu zählt ebenfalls das Erschließen anderer Plätze mit den Kindern und ohne sie; wenn der getrennte Papi seine Kinder in ihrem gewohnten Zuhause abholt, um sie in seines zu holen, dann wird dies zu einer kleinen Weltreise. Es scheint, dass die zwischen den zwei Daheim-Orten liegenden Stadtteile bisweilen zu Mini-Kontinenten anschwellen, die einmal mehr und wieder und wieder überwunden werden und besegelt werden wollen, in öfters wild aufpeitschender verseelter See.
Aber da warten die Kinder, Marie und Alexander, ohne unbeantwortbare Fragen, ohne irgendwelche Vorbehalte, ohne jegliches Zögern und die kleine Weltreise schrumpft auf ihr Normalmass und der getrennte Papi wischt sich nichtgeweinte Tränen von den Wangen. Während er diese Zeilen schreibt, fällt sein Blick auf einen alten Rosenkranz, den er sich vor einem Jahrzehnt in einem tibetischen Laden in Downtown Manhattan, Prince zwischen Lafayette und Mulberry, gekauft hat. Zwanzig dunkelbraune, runder als rundrunde Holzkügelchen, eng aneinander gereiht wie ein wahres Leben, mit einem vergoldeten Verschluss an einem Ende, einem winzigen roten Fadenschweif am anderen – und dazwischen liegen zehn Jahre einer Ehe und ein Jahr der Trennung. Geschmeidig fühlt sich der Rosenkranz an, man möchte ihn keinesfalls aus der Hand gaben, eine ungewohnte Spiritualität wohnt ihm inne, die Maserungen auf dem Holz erzählen eigene Geschichten von Glauben, Unglauben, Verglauben, Zerrglauben.
Der getrennte Papi schliesst die Augen, denkt sich in den Rosenkranz hinein und schlängelt sich durch die einzelnen Löcher höchst unterschiedlicher Durchmesser. Sie sind auch plötzlich riesigen Höhlen gleich, mal heiß, mal kalt, mal wohlig warm, mal die Hölle tief und dann doch der Himmel hoch, blaublaublau mit einigen wattigen Wolken, die nichts Böses können. An die Spitze des roten Schweifes möchte ich gelangen, um von dort aus einen ungetrübteren Blick auf mein Leben zu wagen. Allein, der getrennte Papi steckt wohl irgendwo zwischen der zehnten und elften Höhle und die haben ungewöhnlicher Umfänge: die eine ist rund wie die Welt und die andere kantig wie das Book of Love mit seinen heart-shaped boxes. Und wie der getrennte Papi so in den Höhlen geht – mal aufrecht, mal geduckt, mal kriechend, mal gereckt und stolz – hört er die Gitarre von Wolfgang Muthspiel’s Platte Solo und bei dem Stück bird’s eye view wird’s ihm überdeutlich, was ihn auf dem Photo von Alexander und Amalie am allermeisten berührt.
Die Augen! Es sind diese klaren, lebenslustigen, unverstellten Augen dieser beiden wahnsinnig süssen Kinder, die ihn erst einmal wieder aus den Höhlen des Rosenkranzes herausführen wie Lichter am Ende der Dunkelheit. Für dieses Bild ist der getrennte Papi der Mutter seiner Kinder wirklich herzlich dankbar. Dazu passt ein Gedicht von Jim Carroll, The Birth and Death of the Sun. Es hat nur 25 Worte: Now the trees tempt/ the young girl below them/ each moves off the other’s wind/ endlessly, as stars from the earth,/ stars from the stars. Die Augen, ja es sind die Augen. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
