Familie, Bild (43)
Veröffentlicht in Ave,John Lennon von Andreas Wrede am 08.12.2010 um 23:55 Uhr

Oder: 1999 war gestern, 2010 war vorgestern und heute ist morgen

Worum es heute geht: Ein Wachtraum, John Lennon, ein Balkon, ein Flug über den Park, eine Musik im Kopf, eine Musik im Herzen, die Twin Towers, der Blick im Morgen, der Blick am Abend, der Blick in die Seele, Kinder im Sinn und Alice Munroe.

Der getrennte Papi lag mit dem Rücken auf dem Sofa, er hatte Alexander und Marie ins Bett gebracht, hörte wie sie vor dem Einschlafen noch herumalberten, dachte an sie und dachte daran wie er mit ihrer Mutter vor deren Geburt an sie gedacht hatte. Plötzlich war es still im Schlafzimmer, Marie würde (neuerdings) den Plüschhund in den Armen halten und Alexander würde sich (wie üblich) das Zebra unter den Kopf geschoben haben. Beide würden schon ihre Decken los gestrampelt haben, Alexander würde fast quer im Bett liegen und Marie würde fast ganz zusammengerollt am rechten Rand des Bettes schlafend kauern.

Der getrennte Papi wollte sich dieses Bild seiner schlafenden Kinder noch einprägen, allein, er konnte nicht aufstehen, es war wie ein Wachtraum, der sich seiner bemächtigte. Er stand mit seiner Frau 1999 am Imagine-Mosaik für John Lennon, einige Blumen lagen darauf, ein Bild von John und Yoko und eines von den Beatles. Sie standen da, frisch verliebt, im siebten Himmel, die Vorstellung bald in NYC zu leben, war ganz fabelhaft. Sie würden nur einen Block vom Dakota Building entfernt wohnen, zunächst, später würden sie Downtown sein, glücklich, Gespräche über Kinder hatten noch einen unverbindlichen Charakter.

Der getrennte Papi stand wenige Monate später auf einem Balkon, schaute wieder über den Central Park und war verheiratet, ein Umstand, den er sich langelangelange nicht hatte vorstellen wollen oder können oder beides, eben. In seinen Gedanken flog er frei über den Park, er hatte den beigen Samtanzug vom Tag der standesamtlichen Trauung, es war eine freundliche Friedensrichterin, die gekommen war, die Zeremonie lief wie ein Film vor den wachenträumenden Augen des getrennten Papi ab. Als er da oben so flog, hatte er eine Musik im Kopf, die er anfänglich nicht identifizieren konnte, dann fiel es ihm ein, es war “So What”, Miles Davis. Er flog weiter, schon über das Jaqueline Kennedy Onassis Reservoir hinaus, bald würde das Harlem Meer in seinen Blick kommen. Und die Musik in seinem Herzen hörte er auch, es war der Soundtrack von Sonny Rollins zu “Alfie”.

Später würde das Paar in der Mercer Street wohnen, jeden Morgen würden sie die Twin Towers sehen, im Jahr 2000, jeden Abend würden sie die Twin Towers sehen, sie würden sie daran erinnern, in was für einer einzigartigen Stadt sie lebten für eine Weile, glücklich, gegenwärtig, gelassen. Sie blickten sich in ihre Seelen, liefen über heißen Asphalt, der nach einem warmen Regen so besonders roch, schauten sich die Basketball-Spiele im West Village an, der getrennte Papi hörte wie der Ball gegen den Drahtzaun krachte, sie gingen in das Theater am Union Square. Sie sprachen manchmal etwas mehr über Kinder. Zehn Jahre später, fast auf den Tag zehn Jahre später, die Trennung und mittendrin die zwei Wunschkinder Alexander und Marie.

Die Kinder sind immer im Sinn. “In the dark we lay on our beds, our narrow life rafts, and fixed our eyes on the faint light coming up the stairwell, and sang songs. Laird sang “Jingle Bells”, which he would sing anytime, wether it was Christmas or not , and I sang “Danny Boy”. I loved the sound of my own voice, frail and supplicating, rising in the dark. We could make out the tall frosted shapes of the window now, gloomy and white. When I came to the part, When I am dead, as dead I welll my be - a fit of shivering caused not by the cold sheets but the pleasurable emotion almost silencend me. You’ll knee and say, an Ave there above me – What was an Ave? Every day I forgot to find out”. Alice Munroe’s Kurzgeschichte “Boys and Girls”, die Kinder sind heute für morgen immer im Sinn. Marie liegt rechts, zusammengerollt, am rechten Rand des Bettes, Alexander fast quer, ich schlafe auf dem Sofa ein. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…