Zuhause, vier (45./Weekend-Edition)
Veröffentlicht in Kopfschmerz,Piratenschiff,Zärtlichkeit von Andreas Wrede am 18.12.2010 um 23:03 Uhr

Oder: Wohin gehört der getrennte Papi oder wohin gehört er nicht?

Worum es heute geht: Zuhause (eins), Zuhause (zwei), Zuhause (drei), Bilder (zwei), Schnee (still), Höhle (auch Boot), Bilder (gemalt), Kinderaugen (anders), Sunset Intersection – 40th and Vicente (photorealistisch), Zuhause (vier).

Der getrennte Papi lebt nun noch nicht einmal zwei Monate in der entzückend-kleinen und klein-entzückenden Wohnung in St.Georg, jenem Quartier, dass nach diesem Drachentöter und  Großmärtyrer benannt wurde. Unter dem Schutze eines solchen Heiligen zu stehen, lässt den getrennten Papi und Marie und Alexander besser, tiefer, wärmer schlafen. Zumal St. Georg vor über vier Jahrzehnten offiziell aus dem Heiligenkalender der katholischen Kirche exkommuniziert wurde – dies macht ihn doch besonders sympathisch, findet der getrennte Papi.

Also haben Alexander und Marie und der getrennte Papi ein neues Zuhause gefunden; gleichwohl finde ich es immer noch ungewöhnlich, dass die Kids keineswegs immer da sind, wenn ich nach Hause komme. Aber eigentlich trägt man doch immer auch ein zweites Zuhause mit sich herum, in dem man es sich in idealer Weise einrichtet und in dem Alles, aber auch Alles so sein soll wie es sein soll, in dem die Herzen am zentrierten Fleck schlagen, in dem sich die Architektur der Liebe in fast geometrischer Ordnung befindet, in dem die Sonne immer wärmend im Zenit steht. Aber wie ist es, in sein früheres Zuhause zurück zu kehren, zum Beispiel beim Geburtstag des getrennten Papi?

Dann geht man in Zuhause Nummer Drei, schließlich leben hier Alexander und Marie, die sagen würden, das ist unser Zuhause und die zum Zuhause des getrennten Papi ebenso sagen, das ist unser Zuhause, geplant war das allerdings mitnichten, aber nun ist es wie es ist und ein neues Jahr erwartet uns alsbald und ein altes windet sich davon, mehr oder weniger, lauter oder leiser, gefühliger oder gefühlter. Und einmal mehr schaut mich mein Papa von den beiden Bildern an, die meine Schwester von ihm vor langer Zeit gemacht hat, fast gleich sind sie, das eine nur mit der Nuance des angedeuteten Lächelns, immer noch und wieder und noch und wieder traurig, dass ich mich nicht mehr mit ihm austauschen kann und dass die Kinder ihren großartigen Großvater, das Vorbild ihres Vaters, nie  gemeinsam ermocht und erlebt und erfühlt haben. Da gibt es nichts mehr zurückzudrehen, no time machine.

Draußen dämpft gerade der Schnee einmal mehr die Gehwege und Fahrstrassen und Gefühlsstränge, er legt sich auf unser Gemüt wie eine neosentimentale Schicht aus einem Jim Jarmusch-Film, von dem man nie genau weiss, ob er uns Ernst nimmt oder ob er sich Ernst nimmt oder ob wir uns Ernst nehmen sollen. Oder ob der Ernst uns so-wie-so gerade mal abhanden kommen sollte, weil er uns doch wie-so-wie und oft genug einwickelt in unser Leben. Dabei fällt der Blick des getrennten Papi auf die Höhle, die Alexander mit dem beigen Sessel gebaut hat, Decken und Kessen kunstvoll verwoben zu einem sperrigen Getüm, das jedes Mal anders aussieht, aber irgendwie auch nicht, weil es wahlweise auch als eine Dschungelhütte, ein Piratenschiff oder eine Ritterburg von Alexander gedacht wird, Phantasie ist von ungeheuerlicher Kraft und Waghalsigkeit.

Auf dem Boden, neben der Höhle, liegt eines der Lieblingsbücher des getrennten Papi, es hat nur den Namen des zeitgenössischen Malers, Robert Bechtle, moderner Photorealist, sehen die Kinder seine Bilder, dann meinen sie, sie sähen echt aus, Kinderaugen sprechen eben anders. Natürlich haben sie es genau getroffen mit dem echt, Bechtle’s Bilder sind echter als echt, wie Edward Hopper’s wahrer als wahr waren. Auf der Straßenszene will der Betrachter gleich stehen, Sunset Intersection – 4oth and Vincente, gleich wird ein hellblauer Station Wagon um die Ecke driften,nicht zu langsam, nicht zu schnell, aus dem Fenster wandert Musik von Donald Byrd, vermutlich ist es Slow Drag, ja, klingt so.

Zwischendurch musste der getrennte Papi,nochmals, ins Schlafzimmer, Marie hatte Kopfschmerzen und ich habe ihre hohe, kühle, schöne Stirn gestreichelt bis sie eingeschlafen ist, zehn zärtliche Minuten, vielleicht. Alexander wollte danach gestreichelt werden, prinzipiell, aber er schläft bereits nach einer Minuten ein. Dann sitzt der getrennte Papi auf dem Bett, schaut seine Kinder beim Schlafe zu und denkt sich: nun ist dieses Bett ihr/unser Zuhause (vier) und ist es nicht gleich, wo man ist, man ist dort gerade Zuhause, wo man gleich ist. Dazu aber alsbald mehr vom getrennten Papi…