Oder: Wenn die Beiden schlafen, dann schlafen die Beiden.
Worum es heute geht: Ein sehr langer Anblick, Erinnerungen in fragmentarischem Eiltempo, ein Pullover unter Glas, Freunde (gestern/heute/morgen), nochmals Erinnerungen fragmentarisch, ein Theaterstück und Gravenhurst’s Western Lands.
Der getrennte Papi bringt seine Kinder sehr gerne ins Bett; ja, das war nicht immer so – wenn Alexander etwa einmal mehr die partroutüberhauptganzundgarnichtniemals-dublöderpapi Platte abspielte, so musste die Operation Eiserne Nerven einmal mehr anlaufen. Tief ein- und ausatmen, bloss nicht laut werden (nach Möglichkeit), lässiger, ungerührter Blick, obwohl es innen drin brodelt (wie Teufel), auf keinerlei weitere Provokation reinfallen. Nun, diese Zeiten sind – bis auf wenige Ausnahmen – feiner Weise vorbei. Alexander geht meistens wie eine Eins ins Bettchen und Marie sowieso; allerdings gab es früher durchaus die Phasen, da wurde die süße Kleine abends ins Auto gepackt, damit sie dort besser einschliefe; was sie auch tat, wobei natürlich beide Parteien genau wussten: dieses Procedere war ein blosses pädagogisches Scharmützel.
Wenn heute Schlafenszeit ist, kommt es zwar noch zu kleinen taktischen Ablenkungsmanövern (Alexander versucht, Marie Zahnpasta auf die Nase zu verpassen bzw. Marie versucht, Alexander Zahnpasta auf die Nase zu verpassen), aber die Zeiten strategischer Störversuche sind passé. Und das Einschlafen passiert desgleichen rasch, noch rascher – wie in einer der vorhergehenden Folgen erwähnt – als rasch freilich, wenn der getrennte Papi seine Kinder in den Schlaf streichelt, was er in letzter Zeit sich und den Kindern zu gerne gönnt. Den Kids, weil sie es geniessen wenn zuerst die Stirn müde wird (dort wo sie gestreichelt werden) und dann strahlenförmige Müdigkeit wohlig in die Körper einsickert und nach höchstens fünf Minuten höre ich gleichmäßigen Atem bei dem einen Kind, das zuerst gestreichelt wurde. Das andere braucht dann noch weniger Zeit, um eingekuschelt ins Traumreich zu fliegen. Kürzlich ist der getrennte Papi einfach sitzengeblieben, um zu beobachten, dass Alexander der Schwester seine Beine fast an ihren Kopf legte; Marie - im schlafwandlerischen Gegenzug – rollte sich noch mehr ein, ohne auch nur mit ihren Wimpern zu zucken.
Und einen langen Anblick lang (fünf, zehn, fünfzehn Minuten?) rauschte das Leben (vor dem und nach dem getrennten Papi) vorbei. Die Geburt von Marie und wie das junge Elternpaar erst nach runde drei Wochen zum ersten Mal mit dem Kinde hinausging (es war so bitter kalt in München gewesen); die Geburt von Alexander und wie sich die grosse Schwester auf ihren kleinen Bruder freute. Und wie die Eltern ihre Veränderungen im Alltag durch Alexander unterschätzt hatten und sich zu Viert zusammenfinden mussten. Und wie man auch beim zweiten Kind nicht immer so konsequent war, wie man es beim ersten Kind eigentlich immer gewesen sein wollte. Und wie man die Jahreszeiten vorüberziehen sah und manchmal vorüberziehen liess und manchmal von ihnen zerdröhnt wurde. Und wie die Eltern in guten wie in schlechten Zeiten zueinander hielten und wie aus Zeiten düstere wurden, in denen man sich aus den Augen und aus dem Herzen verlor und gleichwohl den Kindern weiterhin die besten Eltern zu sein hatte, was blieb den bloß anderes übrig als sich verdammt-noch-mal-zusammen-zu-reissen-koste-es-was-es-herr-gott-noch-mal-wolle.
Ob ich mich bei all’ diesen rasenden Gedankenstössen überhaupt bewegt hatte? Ich weiss es nicht zu sagen, die Stirn glühte, die Hände des getrennten Papi waren gefaltet, sein Nacken kerzengerade aufgerichtet, die Kniekehlen waren eingeknickt, die Füsse standen seltsam gerade nebeneinander. Offenbar hatten sich die Kinder zwischendurch bewegt, sie lagen nun eng zusammen, die Bettdecken weggestrampelt, die Kissen zerknittert, die Kuscheltiere lagen verwundert auf dem Boden. Der getrennte Papi hätte sich nun schon dazulegen können, aber er ging aus dem Zimmer, nicht auf Zehenspitzen: Wenn die Beiden schlafen, dann schlafen die Beiden.
Er ging in das Nebenzimmer, dort hatte er kürzlich Maries ersten Pullover, den später Alexander ebenfalls getragen hatte, rahmen lassen, dort hing er nun, etwas abgewetzt, voller Reminiszenzen, auf blauem Untergrund, die Dame in dem Laden hatte von einem Passepartout abgeraten, zurecht – so kann das Kindheitsstück freier atmen und schweben unter Glas. Als der getrennte Papi vor dem Pullover stand, fielen ihm, erneut fragmentarisch, Freunde ein.Jene gestrigen, die aus seinem Leben erst einmal gegangen waren und die einen getrennten Papi eben nur als eine Ehehälfte betrachteten und da konnte man allen Beteiligten eine Einladung getrost ersparen. Die Jetzigen, die entweder geblieben waren aus tiefer Verbundenheit oder die der getrennte Papi, weil er ein getrennter Papi ist, wiedergefunden hatte. Und die Morgigen, die in das Leben treten werden, die einen wie ein Schatten, die anderen wie ein Sonnensystem, die dritten wie flüchtiger Goldstaub. So gibt es in einem Leben eben mindestens immer drei weitere, vielleicht sind es doch auch noch mehr, who knows?
Als der getrennte Papi mit seinen Kindern wieder im Theater besuchte, wurde Krabat von Otfried Preußler (geboren 1923) im Deutschen Schauspielhaus, gegeben. Neben dem wunderbar allegorischen und architektonisch wunderbaren Bühnenbild war es eine Inszenierung für Kinder und Erwachsene, ein seltenes Kunststück, die Kleinen und Grossen verinnerlichten: es lohnt sich, die Zauberei für Freundschaft und Liebe aufzugeben, denn Freundschaft und Liebe sind doch selbst der schönste Zauber. Der Herr Brecht würde das jetzt eine zu simple Dialektik nennen, aber am Krabat hätte er sehr wohl seine klammheimliche Freude, den soweit ist Der kaukasische Kreidekreis davon gar nicht entfernt. Und weil die Kinder nun schlafen, kann der getrennte Papi passend zum literarischen Ende The Western Lands vom Independent-Duo Gravenhurst auflegen: then she dances/ skirt swaying in the half-light/she dances/while blossom in the black sky/’I need new clothes’, she thinks/’new skin; a mind I can bear to live in. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
