Oder: Heilige Abende in fünf Teilen. Heute: Das große Puh.
Worum es in der vorerst letzten Folge dieses Abenteuer-Märchens geht: Das letzte Türchen, bye bye Yoko, eine Schaf-Wiese, das Karussell, Herr Rilke, Abschied, Sternschnuppen, ein wehender Vorhang und out of noise.
Fast gleichzeitig erwachten der getrennte Papi, Marie und Alexander, die Kinder auf dem breiten, grauen Sofa, der Papi auf dem alten, bräunlichen Ledersessel, sie räkelten sich und machten dann erstmal das, was sie Familienkuscheln nannten. Nämlich sich alle Drei ganz doll in den Arm zu nehmen, zu drücken und – eben – laut “Familienkuscheln” zu rufen, in dem hohen Wohnzimmer von Yoko Ono auf der West-Side des Central Park schallte ihnen das wie ein Echo um die Ohren. Sie erschraken zunächst ein wenig, wer ist’s schon gewohnt in seinem Apartment eine Echo/Echo/Echo zu hören? Aber weil es doch gerade, fern ihrer eigenen vier Wände, sehr wohl tat, sich zu umarmen, fielen sie sich einfach wieder und wieder in die Arme und juchzten “Familienkuscheln!”.
Bis Marie bemerkte: “Sind wir zu laut, vielleicht schläft Yoko noch?” Gute Frage, wo war die Frau von John Lennon, sie waren eingeschlafen, Yoko hatte ihnen offenbar die Decken übergeworfen und ihnen unter ihre Köpfe Kissen geschoben, die frisch nach Eisenkraut rochen, originell. Sie schauten sich um: An einer Wand zum Park hin, die von drei riesigen Fenstern durchbrochen war, die ihn fast handgreiflich nah erschienen liessen, hingen ausschließlich SchwarzWeissPhotographien von John Lennon, allein – und von John und Yoko, bei diversen Bed-Ins 1969, die sie für den damaligen Frieden in der Welt demonstrativ arrangiert hatten. Dies hatte für beträchtliche Schlagzeilen weltweit gesorgt, die konservative Presse fühlte sich von diesen Sponti-Aktionen derart provoziert, dass sie sich nur phantasielos darüber äußern konnte. Die Kinder aber fragten,was es mit den Bed-Ins auf sich gehabt hätte und als der getrennte Papi es ihnen erklärte, erklärten sie unisono: Es sei doch viel besser, friedlich im Bett zu liegen für eine gute Sache als für eine schlechte Sache wie den Krieg im Schützengraben sterben zu müssen, oder etwa nicht?
Dem konnte nun der getrennte Papi nichts mehr entgegnen, außerdem fiel sein Blick auf den Advents-Kalender, den Yoko auf den kleinen Tisch gelegt hatte. Es war doch der 24. Dezember, sie waren hier am Central Park West, im berühmten Dakota Building, in der Wohnung, die einst John Lennon und Yoko Ono bezogen hatten (mit Zustimmung der anderen Apartment-Besitzer, übrigens, den dies war ein Co-Op), es musste sich jetzt herausstellen, warum sie von den Sternschnuppen nach NYC gebracht worden waren. Marie nahm sich den Kalender, öffnete das Türchen zum 24. und sah ein Karussel, das sich drehte, dazu hörten sie einen Song von William Fitzsimmons, Covered In Snow, akustisch, mit einer gewissen hypnotischen Kraft vorgetragen – nun machte auch der Advents-Kalender komische Sachen, herrje. Aber schön überraschend und überraschend schön war’s, so liessen sie es sich geschehen.
Ihnen blieb es, ihre Köpfe zu schütteln, wer musste sich schon noch in dieser unwahrscheinlichen Geschichte über irgendetwas eventuell Wahrscheinliches ernsthaft wundern, der getrennte Papi, Alexander und Marie jedenfalls nicht. “Es gibt Dinge, die hat man mit sich geschehen zu lassen”, dachte der getrennte Papi. Und Marie konnte das Zeichen des Advents-Kalenders deuten, die Drei sollten zum Karussell im Central Park gehen, sie hatte in einem Kinderbuch einmal davon gelesen. Es war erstmals 1873 in Betrieb genommen worden, damals noch von Pferdekraft bewegt, nun stand dort, nach Bränden und Zeitläuften, das vierte Karussell, dieses Exemplar war 1950 auf Coney Island entdeckt, restauriert und dann im Park installiert worden. Sie wollten sich also von Yoko verabschieden, aber da sie nicht einfach überall nach ihr suchen wollten, das wäre ihnen ungehörig vorgekommen, schrieben sie ihr einen Brief, in dem sie für die ihnen widerfahrene Gastfreundschaft dankten. Vergessen würden sie das ihr nie.
Behutsam zogen die Drei die schwere Holztür hinter sich zu, nahmen den Fahrstuhl mit den antiquierten Gitter-Türen, verliessen das Dakota-Building, Richtung 66th Street, dort konnten sie auf dem Transverse Drive ziemlich direkt vorbei an der Sheep Meadow zum Karrussel gehen. “…Und auf den Pferden kommen sie vorüber/auch Mädchen, helle, diesem Pferde- sprunge/fast schon entwachsen, mitten in dem Schwunge/schauen sie auf, irgendwohin, herüber/Und dann und wann ein weißer Elephant/Und das geht hin und eilt sich, daß es endet/und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel/Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet/ein kleines kaum begonnenes Profil/Und manchesmal ein Lächeln hergewendet…”. Sie standen auf einmal vor dem Karrussel, das Rilke-Gedicht wisperte im Kopf des getrennten Papi vor-sich-hin.
Es war noch ganz still in dieser Frühe, in ihre Ponchos verhüllt, fühlten sie sich mit einigermaßen wirren Haaren einigermaßen erschöpft, aber sie fühlten sich weit mehr als einigermaßen glücklich. Denn plötzlich wussten sie an diesem Heiligen Abend genau, was sie hierher geführt hatte: der Umstand, dass sie zusammen gehörten und nichts und niemand sie würde jemals trennen können und wenn die Erde sich auftäte, das Karussell verschlänge – all’ dies und Schlimmeres würde sie nicht schrecke, sie nähmen sich bei den Händen, schritten in die Erde, um zu schauen, was zu erwarten wäre. Und wenn sie eine Höhle am Mittelpunkt der Welt zu entdecken hätten, so würden sie auch das gemeinsam wagen. Sie hatten doch sich. Alexander brach in die Stille und sagte unvermittelt, gleichwohl sehr bestimmt und keinen Zweifel duldend: “Wir müssen los, wieder nach Hause.”
Brachten die Sternschnuppen sie wieder zurück? Als der getrennte Papi, Marie und Alexander sich wieder in Hamburg fanden, lagen sie in dem großen Bett, bei wehendem Vorhang am geöffneten Fenster, eisige Luft umströmte sie, dass sie nochmals zusammenrückten. Der getrennte Papi schloss das Fenster, rieb sich die Augen – und fragte seine Kinder, ob sie wieder mit den Sternschnuppen nach New York City in den Central Park oder anderswohin rauschen würden. Alexander und Marie sahen ihn nahezu unverständig an: “Immer wieder!”. Und im Hintergrund hörten sie hwit von Sakamoto’s out of noise, es klang wie ein Mantra zum Heiligen Abend. Marie war es vorbehalten das letzte Wort im fünften Teil zu haben. Es war ein großes: “Puh”.
Alsbald dann wieder mehr vom getrennten Papi…
Oder: Wie erklärt man seinen Kindern etwas, dass man selbst nicht stets versteht?
Worum es heute geht: Ein Gottesdienst, ein Geheimnis, eine Schuld, bewegende Worte, Leben & Lieben, eine Erklärung (Versuch), eine zweite Erklärung (anderer Versuch), die Verantwortung (schwere Version/leichte Version), ein Gedicht (Auszug), Chrystal Silence/Children Songs. (weiterlesen …)
