Blau, blauer (72.)
Veröffentlicht in alive,Loslassen,Zauber von Andreas Wrede am 07.05.2011 um 18:33 Uhr

Oder: Geschwister können verdammt süss zueinander sein.

Worum es heute geht: Loslassen, leichter gesagt als getan, eine Theorie, die keinen Sinn macht, es geht doch um Gefühle, der Rückzug liegt manchmal näher als die Öffnung, Kindergespräche sind wunderbar einfach und Late Night Sessions einfach wunderbar.

Der getrennte Papi ist ziemlich melancholisch, er sieht zwar seine Kinder am kommenden Wochenende wieder, aber er hatte kürzlich Marie und Alexander zwei Wochen lang bei sich und Marie noch eine Woche für sich. Wenn ich die Kinder einmal etwas länger habe, muss ich ich mich hinterher selbst daran erinnern, dass es natürlich nicht zum letzten Male war. Weil die Melancholie des sich immer wiederholten Abschiedes in der Gegenwart und des sich in Zukunft immer wiederholenden Abschiedes unvermittelt zuschlägt. Nicht unbedingt und unmittelbar nach dem “Bis bald, liebie!”, einem vorläufigen Abschiedswinken, der sich schließenden Tür, dem Gang in das einzelne Zuhause.

Loslassen sei ein probates, therapeutisches Mittel, so hört es der getrennte Papi immer wieder aus wohlmeinenden Mündern. Allein, die Lippen formen nur den Begriff, aber Papi-Gefühle (und vice versa Mama-Gefühle, selbstverständlich), sind weder probat noch therapeutisch einzuordnen. Jedenfalls kriegt’s der getrennte Papi selten so hin, dass seine Seele sich loslassen könnte von den überwältigenden Gefühlen zu seinen Kinder.

So ist das eben nach einer Trennung, es ist nichts mehr zurückzudrehen, zurückzudenken, zurückzufühlen. Fehler sind gemacht, sie bleiben Fehler auf immer, ich wünsche mir ein Radiergummi für Fehler, jedenfalls manchmal. Aus Fehlern lerne man, so heißt es, fragt sich nur: wie lange? Zwischendurch verliert der getrennte Papi einfach mal seine Contenance und darf überhaupt nicht loslassen, will überhaupt nicht loslassen, kann überhaupt nicht loslassen. Gern bemüht wird in diesem Zusammenhang die sogenannte “Qualitytime”: Wenn der getrennte Papi seine Kinder selten sähe, könne er, wenn er sie schließlich sieht, um so mehr auf sie eingehen, sie geniessen, sie intensiver erleben – das gelte für die Kinder desgleichen.

Ich halte das für einen ziemlichen Quark. Denn dies würde doch bedeuten, dass der getrennte Papi auf seine Kinder früher – als die Familie noch eine war – weniger eingegangen wäre, sie weniger genossen, sie weniger intensiv erlebt hätte. Um sie nun mithin, da er Alexander und Marie viel weniger um sich hat, mehr von ihnen zu haben und die Kinder hätten mehr von ihrem getrennten Papi. Wie gesagt: was für ein Quark, “Qualitytime” will Trennungen schöner reden als sie jemals werden können. Wie um Gottes Willen sollen Gefühle “qualitativer” sein, nur weil der getrennte Papi seine geliebten Kinder weniger sieht?

Gefühle kann man nicht einsperren, man kann sie nicht einfrieren, man kann sie nicht einstecken wie einen Kristall, der sich in der Hand gefunden hat. Was passieren kann – nicht das dies stets das Beste, Richtige, Wahre wäre – ist eine Rückzug des getrennten Papi. Ja, natürlich nicht vor seinen Kindern; nein, vor anderen Menschen, weil das Thema Trennung kein beliebtes ist. Weder bei Paaren, die selbst mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben noch bei Paaren, die nicht zu kämpfen haben mit sich und noch bei Paaren, die es aufgegeben haben, zu kämpfen. Aber der Rückzug kann helfen, das verbogene, verwobene, verzerrte Innen-Leben ein wenig gerade zu rücken. Der getrennte Papi versucht in sich hinein zu hören, die eine oder andere Schwingung genauer zu deuten, okay, die schwingen manches Mal zu schnell oder auch zu langsam, um sie zurecht zu deuten.

Eine solche innere Deutung kann helfen, sich nach Außen zu öffnen; zweifellos hilft dies nicht immer, aber ab und zu; der getrennte Papi hat noch nicht den Zauber gefunden, das Geheimnis der Öffnung zu entschlüsseln. Aber wer hat das schon? Fragt Harrison Ford alias Rick Deckard zum Schluss im Blade Runner, bevor er mit Sean Young alias Rachael in den blauen Himmel fliegt. Wie schön- wie schön sind auch so manche Kindergespräche, weil sie so wunderbar einfach sind. “Papi!”. “Ja, Marie?” “Alexander war total lieb!” “Erzähl mal!” “Er hat gestern zu mir gesagt: Weißt Du was, Marie?” “Was denn, Alexander?” “Ich habe Dich vermisst!” “Ist das nicht süss, Papi.” “Verdammt süss!”. Und nun hört der getrennte Papi, ganz allein und gerne mal allein, die Late Night Sessions und wie singt es bei Fink: Things that keep me alone, keep me alive, manchmal ist das so. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…