“Tschüss Papi” (80.)
Veröffentlicht in Abschied,Mantra von Andreas Wrede am 12.09.2011 um 15:40 Uhr

Oder: Kann man das Abschiednehmen lernen oder soll man’s besser nicht versuchen?

Worum es heute geht: Stimmt es eigentlich, dass Indianer keinen Schmerz kennen, dürfen Väter auch mal Schwächen zeigen, hat Superman jemals geweint und hilft ein Mantra wie Om mani padme hum?

Täglich grüsst das Murmeltier: Es gibt eben diese Themen, die sich grundsätzlich nicht erledigen wollen. Deren momentane Erledigung ist oft  von der mehr oder weniger guten Tagesform der Protagonisten abhängig. Dazu zählt mithin das Abschiednehmen, findet jedenfalls der getrennte Papi. Es erscheint mir jedes Mal wie eine herkulische Aufgabe, dabei gemessen und gut gelaunt und gelöst zu wirken – und selbstverständlich nie auch nur eine einzige Träne zu vergiessen. Denn die würde doch alles nur noch unangemessener, misslauniger und verfehlter machen. Oder ist der getrennte Papi da jetzt mal wieder zu sehr das Sensibelchen?

Mal abgesehen von dem Umstand, dass kein Linguistiker genau weiß, woher diese Redewendung stammt und was genau sie bedeutet, so meint doch ein jeder zu wissen, was sie uns, jeweils individuell zugeschnitten, sagt: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Im allgemeinen Trennungs-Sinne will uns dieser Spruch wohl sagen, wir hätten uns bitte zusammen zu reißen vor unseren Kindern. So wie wir ihnen versichern, “Mami und Papi haben sich wirklich noch sehr gern, nur eben anders…” – als all’ die Jahre oder Jahrzehnte zuvor gewesen war. Mal abgesehen davon, dass dies schon für Mami und Papi oft genug schwer zu verstehen ist, bedarf es bei einem Kind einiger ziemlich riesiger und ziemlich ratloser Gedanken- und Gefühls-Loops, um dahinter zu steigen, was das Vorher und das Nachher nun voneinander unterscheiden mag. Von wegen Missverständnisse vermeiden: Ich finde, Eltern sollten sich nicht vor ihren Kindern streiten, schon mal gar nicht, wenn es um eine Trennung geht.

Der getrennte Papi fragt sich und andere Mitmenschen ja nur: Dürfen Väter durchaus einmal schwach sein in Gegenwart ihrer Kinder oder eben auf keinen Fall? Schließlich hat Superman meines Wissens auch nie geweint und wir sollen doch in jeder Lebenslage irgendwie immer 1a reüssieren, unseren Kindern stets das vorbildlichste aller Vorbilder sein und deswegen – zum Beispiel – beim Abschiednehmen niemals weinen, auf gar keinen Fall, das wäre ein Tabu-Bruch. Wenn also Alexander mal wieder sein “Tschüss Papi” schmettert und Marie ihr “Tschüss Papi” eher haucht, dann gestaltet der getrennte Papi das vorübergehende Lebewohl immer sehr kurz – sonst wird ihm der Knoten im Herzen noch knotiger, seine Augen noch schwerer und die Seele noch viel verwühlter. In solch’ einer Situation hilft manchmal das Mantra Om mani padme hum. Und die Vorstellung vom ewigen Kreislauf der Wiedergeburt befreit zu sein, ist bei der wiederholten Wiederholung gerade dieses Mantras eine sehr alltagstaugliche Entmystifizierung unserer selbst. Alsbald dann wieder mehr vom getrennten Papi…

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