Oder: Heilige Abende in fünf Teilen. Heute: Ein Engel, der spricht.
Worum es heute geht: Zwei klugen Fragen, ein müder Alexander, Bethesda Fountain, eine tiefe Stimme, ein idyllisches Bootshaus am See, ein Advents- kalender und eine Rast auf blossem Felsen, die Woody Allen gefallen hätte.
Der Morgen im Central Park war nun in den Tag übergegangen, die Sonne liess ihn wärmer erscheinen als er werden sollte. Die seltsame Gesellschaft, bestehend aus dem getrennten Papi, Marie und Alexander, kehrte, immer noch in ihre Decken gehüllt und mit den warmen Filzpantinen angetan, dem Hans Christian Andersen und dem Pilgrim Hill ihre Rücken. Der getrennte Papi erinnerte sich daran, dass es in der Nähe einen selten schönen und sehr romantischen Brunnen gab, dorthin wollten sie wandern. Zumal Mr. Andersen ihnen einen Fingerzeit in Richtung Westen gegeben hatte.
Marie fragte den getrennten Papi: “Warum sollen wir denn dorthin gehen, Papi?!” Der erwiderte: “Dort steht ein Engel, vielleicht hilft er uns weiter bei unserer Suche.” “Aber nach was suchen wir denn hier im Central Park?” Darauf wusste der getrennte Papi keine Antwort, aber da die Sternschnuppen die Drei den weiten Weg in den Central Park von New York City geführt hatten, musste es doch irgendeine Antwort geben, auch wenn er sie sich überhaupt nicht ausdenken konnte und wenn sie vermutlich nicht sehr plausibel ausfallen würde. Währenddessen schlief Alexander schon fast im Stehen, er stand in der Mitte von Marie und dem getrennten Papi an der westwärtigen Biegung zum Terrace Drive, hielt sich tapfer an deren Händen fest, wollte noch etwas sagen, allein: Der Satz wollte nicht mehr über seine Lippen, Morpheus hatte sich seiner sanft und selig bemächtigt. Der getrennte Papi nahm ihn in hoch, in seine Arme, Alexanders Kopf ruhte an der linken Schulter, Marie stellte sich auf ihre Zehenspitzen, um ihrem Bruder ein kleines Mützchen auf den Kopf zu ziehen, sie hatte es in der Tasche ihrer Pyjama-Hose gefunden, sie war aus rotem Stoff und hatte einen wuschigen, weißen Bommel obenauf.
Also gingen der schlafende Alexander auf den Armen des getrennten Papi und seiner Schwester Marie, sie hielt einen Deckenzipfel ihres Vaters in ihrer rechten Hand, Richtung Bethesda Fountain, in dessen Mitte ein noch selten schönerer und viel romantischerer Engel aus Bronze ragte, und doch war ihnen, die dunklen Flügel würden an ihren Spitzen lichtern leuchten – als wolle der Engel sie zu ihm leiten. Wie sie da auf den Brunnen reichlich ergriffen zuschritten, sahen sie schon aus wie drei Wallfahrer auf einer geheimnisumwitterten Mission. An einem Sonntag am frühen Vormittag war es freilich im Central Park ziemlich menschenleer, einige Jogger nahmen keine Notiz von der dreiköpfigen Prozession, mein Gott, es gab so viele merkwürdige Menschen in New York City, drei mehr oder weniger fielen Niemandem wirklich auf, live and let live ist immer ein brauchbares Motto in dieser Stadt gewesen.
Und plötzlich hörten sie aus der Höhe eine relativ tiefe Stimme, jedenfalls für einen Engel, Marie hatte sich immer vorgestellt, Engel sprächen schon eher hoch, leise und wohltönend. Aber dieser, immerhin im Jahr 1873 aufgestellt, konnte sich in diesem Moment schließlich zum allerersten Male räkeln, einhundertsiebenunddreissig Jahre still und stumm zu stehen, erforderte eine ziemliche Disziplin. Angesichts dieses herkulischen Leistung fiel dann die Ansprache an die zwei Wachen und den einen Schlafenden prosaisch aus. “Hi folks, what’s happening around here?” Das war natürlich nur so eine nordamerikanische Redensart, denn wenn der Angel of the Waters nicht wusste, was hier und da und dort passierte, wer denn dann, bitte schön?
Dieser Engel war keiner, der viele Worte verschwenden wollte, aber wenn Sie nun erwartet hätten, nach einhundertsiebenunddreissig Jahren wäre ein Redeschwall zu erwarten gewesen, dann hätten Sie selbstverständlich Richtiges erwartet. Wie allerdings dies und das in dieser Geschichte, ist es natürlich nicht eingetreten. Stattdessen sagte The Angel of the Waters nur: “Go back to the boathouse and get your Advent calendar ready”, räkelte ein letztes Mal seinen bronzenen Körper (war da ein Quietschen zu hören?) und der getrennte Papi dachte sich: “Wie lang wirst Du nun dort wieder ohne eine Bewegung machen zu können und einen Ton heraus zu bringen, im Brunnen stehen müssen?”
Woher wusste der Engel, dass sich Marie ihren Adventskalender geschnappt hatte, bevor sie das Treppenhaus heruntergelaufen war, zu den Sternschnuppen in der Strasse in Hamburg? Die konnten unsere drei Märchen-Abenteurer übrigens bei dem Tageslicht nicht mehr sehen, aber ihre Gegenwart spürten sie jederzeit. Der Weg zurück zum Boathause, ein kurzes Stückchen gen Osten, ein unweit längeres gen Norden, kam Marie und dem getrennten Papi, die anfingen, ebenfalls müde zu werden, beschwerlich vor, Alexander schlummerte noch in den Armen seines Vaters, die Schwester umklammerte den Advents-Kalender, dass sie ihn nicht verlieren möge, wie eine Schatzkarte. Und als sie am Boathouse anlangten, legte sich die Drei erst einmal auf den blossen Felsen daneben. Der Blick davon auf den See war hinreißend, aber dafür hätte jetzt gerade nur Woody Allen einen Manhattanite-Blick gehabt. Wie der getrennte Papi, Alexander und Marie weiterhin den Central Park entdecken und herausfinden, welche Aufgabe sie lösen müssen, dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
