Jahr, soweit (48./2010-Edit)
Veröffentlicht in Neumut,Subjektivismus von Andreas Wrede am 30.12.2010 um 22:54 Uhr

Oder: Wie der getrennte Papi sich erfand – oder besser: neu erfand…

Worum es diesmal geht: Alexander, eine Verortung, ein großes Gefühl, die Trennung, der getrennte Papi, das schmale Bett, die tiefere Innigkeit, das Schlossgespenst, a very single man, Schmerzmut/Wehmut/Neumut, Dank & Neil Young & Jim Carroll.

Ich habe diesen Tag über, es ist der vorletzte dieses bald vorerst letzten Jahres, bereits den achtundvierzigsten Blog geschrieben, im Kopf, es sollte um meinen Sohn Alexander zu tun sein, ein wunderbarer Junge, der dem getrennten Papi bisweilen gar nicht wunderbar auf die Nerven tritt. Aber nun sitze ich hier auf dem Sofa in St. Georg, Hamburg, Deutschland und beschließe: den neunundvierzigsten Blog werde ich Alexander widmen. Heute, am vorletzten Tag dieses bald vorerst letzten Jahres 2010 (was für eine absurde Zahlenaneinanderreihung), unternimmt der getrennte Papi den schreibenden Versuch einer vorläufigen Verortung – von sich selbst, seinen Kindern, einer gewesenen Ehe, vom Glauben an Gutes, vom Unglauben an Glück, vom Irrglauben des Gesterns.

Das Gefühl des (subjektiv) plötzlichen Gefühls eines Nur-Noch-Auf-Sich-Und-Total-Allein-Geworfen-Seins ist ein großes Gefühl. Und ich habe es nicht als überwältigend empfunden als wir uns trennten, ich habe es als einen ungeheuerlichen Umstand empfunden, der mir (objektiv) den Boden entzog und der Fall wollte und wollte und wollte für Monate nicht aufhören. Für das Schreiben einer Geschichte, die mich unter eher geklärten Lebensumständen vielleicht zehn, zwölf Stunden gebraucht hätte, war nun mindestens eine Woche zu veranschlagen. Das Leben schlägt über Nacht einen gänzlich anderen Rhytmus und der schlug erst einmal monatelang über mir zusammen, immer wieder, immer mehr, immer härter.

Besonders heavy war’s als der Schleier der Unverständlichkeit zerrissen war und es so war wie es war: die Trennung. Kein Zurück, kein Vor, nur noch Vergangenheit, good times and bad times. Und nach dem Auszug, erst ein halbes Jahr später, der Kinder wegen, fühlte es sich dann langsam und weiterhin unsicher als getrennte-Papi-Existenz an. Komisch, der Titel für diesen Blog war nie eine ernsthafte Frage, er war schon eine vorweg abgegebene Antwort auf neu zu stellende Fragen. Verdammt, es galt als getrennter Papi ein neues Leben zu führen und – nochmals verdammt – das war nicht der Plan gewesen. Für solch’ einen Fall gibt es idealer Weise keinen Plan B, es gibt überhaupt keinen, das ist die verdammte Wahrheit. Weil es sie ist, war es eine glückliche Fügung, bei Freunden für einige Monate unterkommen zu können, ohne den Ballast materiell-mitgenommener Dinge. Okay, meine Bücher und Platten (immer noch im Lager) habe ich sehr vermisst wie das Leben eines Anderen. Aber die um so intensiveren Begegnungen mit Marie und Alexander und die Nächte in einem zu kleinen Bett, das unversehens zu einer Insel tieferer Innigkeit geriet, eröffneten mithin haltbare, emotionale, ungekannte Horizonte.

Das Schlossgespenst hießen mich meine Gastgeber, viertel ironisch, viertel sinnnig, viertel richtig, viertel falsch, insgesamt vermutlich einigermassen trifftig. Den wenn man auf einmal ein very single man ist, geistert man zunächst durch das Leben wie ein Schockgefrorener, der zehn Jahr seine Lage zu haben geglaubt hatte und dann auftaut, um zu merken, dass seine künftige Lage völlig ungeklärt scheint bis auf die dramatische Feststellung: es ist mindestens eine irrwitzige Lage mit guten Chancen auf dauernde, schiefe Lage. In so einer Situation musste der getrennte Papi seinen ganzen Schmerzmut zusammennehmen, um nicht im Selbstmitleid abzusaufen, die tödlichste aller Trennungs-Fallen. Selbstverständlich ist der getrennte Papi oft genug dort hineingetappt, bestimmt auch in dem einen oder andern Blog an dieser Stelle, wen wundert das denn ehrlich und wirklich?

Nach dem Schmerzmut kommt die Wehmut, die in blosse Selbstverteidigung mündet, die es braucht, um nach den ersten, überstandenen Tsunami-Trennungs-Wellen weiter atmen und weiter schwimmen zu können. Wehmut will hier allerdings positiv verstanden werden, jene guten und schlechten Zeiten, die sich in das Buch einer Ehe eintragen und die sich oft erst viel später enthüllen werden in ihrer guten und schlechten Wahrhaftigkeit. Nur gut sind jedenfalls die Kinder, Alexander und Marie, die vielleicht – soweit das geht – das Beste aus den beiden neuen Welten mitnehmen können, auch wenn ihnen sicherlich die eine Welt mehr als gereicht  hätte. Es war wie es war, es ist wie es ist, es wird sein wie es werden wird.

Irgendwann nach der Trennung kommt dann der Neumut, der getrennte Papi fühlt sich wieder selbst, er muss sich nicht permanent kneifen, um sich selbst zu fühlen oder fühlen zu lassen. Der Neumut ist so etwas wie ein Bypass für die zerfetzte Seele, die aus Zaghaftigkeit zu neuem Leben erwacht. Wobei unklar ist, wohin das führen mag, gleichwohl klar ist, es gibt keinen Sprung in die Vergangenheit mehr, der wurde ja schon gesprungen und erwies sich als entschieden zu kurz. Geholfen hat bei all’ dem freilich die Möglichkeit des Sich-Ausdrückens und Selbst-Auslotens und Sich-Selbst-Angehens und geholfen hat der Zuspruch der Leserinnen und Leser des getrennten Papi-Blogs auf Stern.de. Dafür danke ich Ihnen sehr. Dem Einen oder der Anderen wurde dies alles hier gerne mal zu subjektivistisch, war und ist dem getrennten Papi auch recht. Nochmals: wen wundert das denn wirklich?

Und auch in diesem vorerst letzten Blog eines bald vorerst letzten Jahres, wird einmal mehr eine Musik, gar nicht so neu, aber im Kontext des getrennten Papi umso frischer mit einem passend-pathetischen Titel aufgelegt: Dreamin’ Man/Live ’92 von Neil Young, dessen akustische Kraft so umwerfend ist, dass es in den Nerven-Enden zerrt und zittert. Da kann nur noch ein anderer Großer mithalten, Jim Carroll mit seinem Love Poem Later aus der Fear of Dreaming-Sammlung: “The little bonus/of my hand on your breast/makes a bus seem so useful/when some rain begins to open. then cloud waves cracked sun shafts/when the sky begins to whistle/and  I was thinking about it all night/just watching it move from my eye to my hand. it’s not very meaningsless/ the changes one makes lying down/ it’s almost the way the mountain feels/when it becomes a star”. Dazu alsbald mehr in 2011 vom getrennten Papi…Take care, anyway.