Zehn Zuckerstangen (67.)
Veröffentlicht in Phänomen der Zeit,Rückschau,Vorfreude von Andreas Wrede am 02.04.2011 um 22:52 Uhr

Oder: Kann das Leben leicht sein, wenn wir es nur bloss wollen?

Worum es heute geht: Blauer Himmel über der Stadt, bohrende Fragen, eine leicht variierende Antwort, immer so eine Sache mit der Vorfreude, Hand in Hand, Kamelrennen, Dosenwerfen, Enten angeln, Maiskolben und ein verdammt wahrer Satz.

Wenn wir aufwachen und der Himmel ist einfach nur blau, eben ein Himmel-Blau, ist der Tag unsere Freundin, die wir einfach dauernd umarmen und herzen wollen und die erwidert das mit: immer mehr Himmel-Blau. Das sind die Momente, da denkt sich der getrennte Papi: “Wir wohnen in der falschen Ecke der Welt, von wegen zu wenig Sonne.” Aber, wiederum, wir wohnen in einem Mittel-Europa , das wenig Katastrophen anfällig liegt und das ist ziemlich beruhigend. Na denn, geniessen wir die schönen Tage um so mehr und lassen wir uns auch von der ungewohnt wärmenden T-Shirt-Kurze-Hosen-Flip-Flop-Eiskugel-Sonne wärmen.

Alexanders erste Frage ist: “Wann gehen wir zum Dom?” Das ist die Riesen-Kirmes in Hamburg und auf den Dom freut er sich schon seit Tagen – genau genommen seit 5 Tagen: “Wie oft müssen wir noch schlafen, Papi?!” Diese Frage wurde sehr oft und sehr drängend und sehr genervt gestellt. Und die bohrende Frage “Wann gehen wir zum Dom?” ist denn auch bis dahin bestimmt, na, der getrennte Papi schätzt, über 30 Mal gestellt worden. Die im wahrsten Sinne des Wortes im Laufe der Zeit leicht variierende Antwort lautete: “Noch fünf Stunden..noch dreieinhalb…noch zwei…noch anderthalb….noch 30 Minuten…Okay, wir fahren los.”

Nein, weder der getrennte Papi noch seine Tochter Marie wurden ihrer eigenen Antworten selbstverständlich nicht überdrüssig. Im Gegenteil, sie haben abwechselnd mit enormer Langmut versucht, Alexander das Phänomen Zeit irgendwie näher zu bringen, mit doch mässigem Erfolg. Als wir schließlich auf dem Dom sind, ist das quälige Warten, logo, sofort vergessen und es umdünstet uns der typische Dom-Geruch, diese Mischung aus Zuckerwatte, Pommes, Staub, Bier, Bratwurst, Blechdosen, Wurfpfeilen, Karussell-Schmiere, Zigaretten und-weiss-ich-denn-aus-was-sonst-noch. Und natürlich noch die unbändigen Vorfreude, die auf dem Dom ihr Vor verliert.

Marie, Alexander und der getrennte Papi gehen jedenfalls Hand in Hand über den Frühlings-Dom, die Sonne knallt von oben, von unten wärmt sich der Asphalt. Das obligatorische Kamelrennen wird als erste Station angesteuert, es folgen Dosenwerfen, Enten angeln, Kinder-Karussell für Alexander, eine auf das nächste Mal verschobene Fahrt mit dem Riesenrad, eine Pause mit Maiskolben (geteilt vom getrennten Papi und Marie) , Bratwurst und Pommes und Apfelschorlen (geteilt von dem getrennten Papi, Marie und Alexander) sowie zehn auf Vorrat gekaufte Zuckerstangen, dies es nur hier gibt (“vier Himbeere, vier Pfefferminze, zwei Cola, bitte”). Bitte nicht dem Zahnarzt verraten, danke.

Es wird eine Art Bingo gespielt und Marie gewinnt, wie könnte es anders sein, einen Kuschelhund. Der wird sofort Lilli getauft wird und darf sich am Abend gleich zu den anderen fünf Kuschelhunden gesellen, der hat’s gut. Alexander sucht sein Glück beim Pfeilewerfen und sucht sich als Gewinn, genau, ein Plastikschwert aus, er hat ja erst ein Dutzend oder so. Nach über zwei Stunden ist es, wie stets, genug, es wird jetzt richtig menschenvoll und leiberquetschig und schwitzheiss. Der getrennte Papi und seine Kinder wollen nach Hause und dort angekommen, ist es schön ruhig und ruhig schön. Später gehen die Kids wieder wie eine Eins/A/mit Sternchen ins Bett, Alexander möchte gerne mal kurz an den Füssen gestreichelt werden, wird gemacht und Marie an der Schläfe, dito, nichts lieber als dies für die zwei Zuckerstangen mit Ohren.

Kurz bevor Alexander einschläft, sagt er: “Weisst Du noch, Papi, als ich diese Beinschmerzen hatte wegen dem Wachstum und ich die Kügelchen von Dir bekommen habe. Da warst Du noch bei Mami.” Ja, da war der getrennte Papi noch bei Mami, was soll er sagen? Er sagt: “Da war ich noch bei Mami.”. Kinder können komplizierte Umstände – im Gegensatz zu uns Erwachsenen – klarer als klar einfach runter brechen, es bedarf keiner zweiten Erläuterung, alles ist gesagt in einem kurzen Satz mit sechs Worten, die zehn lange Jahre durch deklinieren in ein paar Sekunden. Oder waren sie gar nicht lang? Werden sie in der Rückschau kürzer bis sie fast als verschollen gelten? Oder schrumpfen sie auf die Kinder zusammen? Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…