Slomo, black/white (60.)
Veröffentlicht in Gerhard Richter,Pizza-Abend,SchwarzWeiß von Andreas Wrede am 18.03.2011 um 20:39 Uhr

Oder: Abschied nehmen, okay, aber eben Schritt für Schritt.

Worum es heute geht: Ein Gang durch die alte Heimat, ein Film im Zeitraffer, strange thing, zwischen einer alten und einer Zwischen-Welt, Wasser fließt, die Welt bleibt manchmal wirklich stehen und manchmal hilft echt noch alter West Indies Funk.

Vor einigen Tagen sollte unser erstes Au-Pair-Mädchen, sie lebt jetzt wieder in Brasilien, nach Hamburg kommen. Damals war Alexander gerade geboren und Marie war noch keine fünf Jahre jung. Es lag unglaublich viel Schnee in Hamburg, dass weiß der getrennte Papi als läge der gerade noch draußen, überall. Wir fanden Neide sofort toll und sie wuchs uns schnell ans Herz, sie war uns eine große Hilfe in manch’ schwieriger Zeit. Und als sie wieder weit weg war in ihrer Heimat, liess sie den Kontakt zu uns nie abbrechen, wir haben oft geskypt. Sie hat sich in unserer Familie mehr als wohl gefühlt.

Und der getrennte Papi wird nie vergessen wie sie sich für einen Familien-Urlaub auf Ibiza einen Bikini kaufen wollte. Sie kam sehr enttäuscht aus der Stadt wieder: “Nix gefunden, Eure Bikinis sind ja viel zu groß!” Das sagen wohl nur brasilianische Girls, dachte sich der damals noch nicht getrennte Papi und lachte laut. Also, jedenfalls, ich wollte sie und ihren Freund Marcello, er ist’s die Jahre über geblieben, wahnsinnig gern wiedersehen. Ein Pizza-Abend in good old memories, sozusagen in alter Besetzung, nur alle etwas älter und dann eben doch in einer neuen Konstellation.

Als der getrennte Papi im Bus von St. Georg nach Eppendorf fährt, durchlebt er, ohne es anfänglich zu ahnen oder zu wissen, einen Film, wie im Zeitraffer – what a strange thing. Plötzlich sieht der getrennte Papi alles in SchwarzWeiß, vermutlich, weil ihn die Familien-Vergangenheit mal wieder einholt, nicht so heavy wie sonst, nun denn. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können sich bestimmt auch an ähnliche Situationen in Ihrem Leben erinnern, in Slomo, black/white. Als ich aus dem Bus austeige, die Haltestelle liegt an an einer dieser so schönen Brücken in Eppendorf, steingewordene Symbole bürgerlichen Wohlstandes und einer Sicherheit, die anscheinend nichts, gar nichts erschüttern kann.

Zur Linken kann ich auf das Haus schauen, in dem ich bei Freunden für einige Monate lieb gewonnenen Unterschlupf gefunden hatte, nach dem Auszug, eben. Auch Marie und Alexander hatten sich dort im Souterrain wohl gefühlt, in jenem schmalen Ein-Meter-Breiten-Bett, Kuscheltiere inklusive. Es war irgendwie eine Zwischen-Welt für den getrennten Papi und seine Kindern, eine alte hinter sich lassend, noch keine neue vor Augen und im Herzen, es ist wie es ist. Das Wasser fließt ruhig unter der Brücke, als sei nichts passiert, was es aus seiner gewohnten Bahn bringen könnte. Eigentlich schön fürs Wasser, ich wünschte mir, ich hätte auch immer diese Ruhe in mir wie das Wasser, ist das Leben ein wirklich langsamer, ruhiger Fluss?

Und dann blieb die Welt kurz einmal stehen, in SchwarzWeiß, ein Bild wie von Gerhard Richter wie aus dem Baader-Meinhof- oder Everyday Life-Zyklen. Die Familie, am Strand, wir blinzeln zu viert in die Kamera, die Badesachen sind noch nass, wir waren gerade im Wasser schwimmen, die Haare liegen lässig auf der Stirn, die Körper sind erfrischt, ein herrliches Gefühl, die Welt scheint still zu stehen. Es liegt ein grosses, unbeschwertes, zeitloses Glück über dieser Szene. Auf dem kurzen Weg von der Bushaltestelle “nach Hause”, zur Rechten dann, eine Strecke von drei, vier Minuten blieb dieses Bild im Kopf des getrennten Papi. Es wollte und wollte und wollte sich nicht verabschieden. Aber, natürlich, hat es das getan, an der ganz alten, schwarz lackierten, schweren Haustür, für die hat der getrennte Papi noch einen Schlüssel, freilich, heutzutage klingelt er immer, you never know.

Und die Ironie der diesmaligen kleinen-der-getrennte-Papi-Geschichte? Neide ist einen Tag später angekommen, an diesem Abend machen wir uns einen kleinen Pizza-Abend, zu viert. Wie früher und doch nicht. Als der getrennte Papi in sein neues Zuhause zurückkommt, hilft der Musik-Tipp des Machers vom wunderbaren CD- und Plattenladen MusikDepartment auf der Invalidenstrasse, West Indies Funk, eine coole Compilation mit Syd Jones & The Troubadours, St. Vincent’s Supersound Latinaires Orchestra oder The Guinness Cassanovas. Aber bitte bloss nicht denken, dass wäre nun eine tumbe Steeldrum-Nummer. No way, diese Musik hört sich Gil Evans im Himmel an. Kein Wunder, bei Titeln wie Roasted Or Fried. Und, da, bestimmt nur ein Zufall oder nicht, ruft Marie an: Sie weint am Telephon, sie vermisst unser Familie, aber sie möchte auch mal wieder etwas nur zu Zweit mit dem getrennten Papi machen. Das verabreden wir, Hand auf Herz, Marie. Und ich bleibe gefasst, schlucke still, geweint wird schließlich nicht, wenn die Kinder da sind, ob nun am Telephon oder ganz nah. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…

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