Verdammt nah (59.)
Veröffentlicht in Schicksal,Träume,Verantwortung von Andreas Wrede am 10.03.2011 um 23:29 Uhr

Oder: Zwei Kuscheltiere können manchmal helfen, echt wahr.

Worum es heute geht: Zappenduster, verpasstes Telephonat, wie blöd, Stimmen hören ist so schön, Träumen noch schöner, Musikhören auch, während des Schreibens im Büro, besonders, die Kraft der Kinder und die Frage wie es sich eigentlich ganz früher lebte, ohne Kinder.

Plötzlich ist es draussen schon zappenduster, die ganze Zeit geschrieben im Büro und später noch zuhause, gut ist es gelaufen, ohne Wenns und Abers - smooth würden die Amerikaner sagen. Aber plötzlich war es eben dunkel, Lichter und Kerzen wollten angemacht und angezündet werden, Schnittchen waren vorzubereiten, mit Obst und Möhren, Ingwer-Tee und hinterher einen Fruchtquark, oder so. Und die neue CD, Miles Davis, Bitches Brew Live hört der getrennte Papi schon zum dritten Mal. Bereits im Büro, während des Schreibens, hat er sie reingelegt – vor vierzig Jahren aufgenommen und immer noch coolcoolcool.

Und über all’ die Arbeit hab’ ich dann tatsächlich verpasst, noch rechtzeitig meine Kids anzurufen, bevor sie ins Bett gehen. Heute waren sie allein, gestern hatten sie Besuch von Freunden, Sleepovers oder Pyjama-Parties, herrlich, das haben wir früher doch auch geliebt. Dann fanden wir selten früh in den Schlaf und es wurde geredet und Quatsch veranstaltet und Kissenschlachten (wunderbares Wort, übrigens) fanden kein Ende. Immerhin, auch wenn der getrennte Papi nicht dabei sein konnte, seine Erinnerungen an die eigene Kindheit freuten ihn und er freute sich für seine Kinder, Alexander und Marie. Und trotzdem, so blöd, jetzt konnte ich die Stimmen der grossen Zwerge für heute nicht mehr hören. Wie gut freilich, dass wir die Stimmen unserer Kinder stets in Kopf und Herz tragen und sie nienienie vergessen.

In den vergangenen Tagen hat der getrennte Papi oft von seinen Kindern geträumt, es war immer warm in diesen Träumen und der Sand hing zwischen unseren Zehen und wir waren ganz braungebrannt und liefen nur in kurzen Hosen rum und die Tage blieben lang und länger und wir konnten ohne Bettdecke schlafen und wir wollten uns gar kein anderes Leben mehr vorstellen. Grossartig, dass der getrennte Papi immer wieder in seinen Schlafgedanken mit seinen Kindern zusammen ist. Das überbrückt die Zeit, wenn sie nicht da sind auf doch sehr angenehme, kongeniale Weise.

Wie im Büro, wenn es eine Schreibpause braucht, da helfen die Happy Chicks On Acid des Elliott Caine Sextett, wie Musik doch entspannen und beflügeln kann, zu gleichen Teilen – ist es mit Kindern nicht oft genauso? Dann sind sie uns verdammt nah und näher. Und sie geben uns viel Kraft im Alltag, natürlich kosten sie uns bisweilen jede Menge, Kraft. Aber wie könnte es sein ohne die Kinder? Kürzlich habe ich darüber nachgedacht, dass man als so genannter Single doch ein Leben ohne besondere Verantwortung gelebt hat. Okay, wir haben studiert, wir haben gejobbt, wir haben gearbeitet, wir haben protestiert, Atomkraft? Nein Danke!, wir haben demonstriert, wir hatten Affären und Beziehungen, wir haben Herzen gebrochen und uns wurden die Herzen gebrochen. Wir sind in die Zukunft gegangen, ohne an die Zukunft zu denken, jedenfalls nie so richtig und nie so ernsthaft und nie mit besonders grossem Respekt vor irgendwem oder irgendwas oder irgendüberhaupt.

Das hat sich nun mit den Kindern geändert, grundsätzlich und unwiderruflich, keine Wege führen zurück, alle führen nach Vorne. Mein Gott, die Zeit ohne Kinder scheint Lichtjahre entfernt. Wenn sie erst einmal da sind, werden sie immer da sein und wir können von ihnen träumen, wenn sie nicht da sind. Etwa an zwei Kuscheltiere gedrückt, ganz fest in die Kopfkissen eingegraben und mit einer Wärmflasche an den Füssen. So geht’s. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi, der jetzt müde ist…

Weihnachten im Central Park (42/5)
Veröffentlicht in Abschied,Leben,Schicksal von Andreas Wrede am 01.12.2010 um 01:21 Uhr

Oder: Heilige Abende in fünf Teilen. Heute: Das große Puh.

Worum es in der vorerst letzten Folge dieses Abenteuer-Märchens geht: Das letzte Türchen, bye bye Yoko, eine Schaf-Wiese, das Karussell, Herr Rilke, Abschied, Sternschnuppen, ein wehender Vorhang und out of noise.

Fast gleichzeitig erwachten der getrennte Papi, Marie und Alexander, die Kinder auf dem breiten, grauen Sofa, der Papi auf dem alten, bräunlichen Ledersessel, sie räkelten sich und machten dann erstmal das, was sie Familienkuscheln nannten. Nämlich sich alle Drei ganz doll in den Arm zu nehmen, zu drücken und – eben – laut “Familienkuscheln” zu rufen, in dem hohen Wohnzimmer von Yoko Ono auf der West-Side des Central Park schallte ihnen das wie ein Echo um die Ohren. Sie erschraken zunächst ein wenig, wer ist’s schon gewohnt in seinem Apartment eine Echo/Echo/Echo zu hören? Aber weil es doch gerade, fern ihrer eigenen vier Wände, sehr wohl tat, sich zu umarmen, fielen sie sich einfach wieder und wieder in die Arme und juchzten “Familienkuscheln!”.

Bis Marie bemerkte: “Sind wir zu laut, vielleicht schläft Yoko noch?” Gute Frage, wo war die Frau von John Lennon, sie waren eingeschlafen, Yoko hatte ihnen offenbar die Decken übergeworfen und ihnen unter ihre Köpfe Kissen geschoben, die frisch nach Eisenkraut rochen, originell. Sie schauten sich um: An einer Wand zum Park hin, die von drei riesigen Fenstern durchbrochen war, die ihn fast handgreiflich nah erschienen liessen, hingen ausschließlich SchwarzWeissPhotographien von John Lennon, allein – und von John und Yoko, bei diversen Bed-Ins 1969, die sie für den damaligen Frieden in der Welt demonstrativ arrangiert hatten. Dies hatte für beträchtliche Schlagzeilen weltweit gesorgt, die konservative Presse fühlte sich von diesen Sponti-Aktionen derart provoziert, dass sie sich nur phantasielos darüber äußern konnte. Die Kinder aber fragten,was es mit den Bed-Ins auf sich gehabt hätte und als der getrennte Papi es ihnen erklärte, erklärten sie unisono: Es sei doch viel besser, friedlich im Bett zu liegen für eine gute Sache als für eine schlechte Sache wie den Krieg im Schützengraben sterben zu müssen, oder etwa nicht?

Dem konnte nun der getrennte Papi nichts mehr entgegnen, außerdem fiel sein Blick auf den Advents-Kalender, den Yoko auf den kleinen Tisch gelegt hatte. Es war doch der 24. Dezember, sie waren hier am Central Park West, im berühmten Dakota Building, in der Wohnung, die einst John Lennon und Yoko Ono bezogen hatten (mit Zustimmung der anderen Apartment-Besitzer, übrigens, den dies war ein Co-Op), es musste sich jetzt herausstellen, warum sie von den Sternschnuppen nach NYC gebracht worden waren. Marie nahm sich den Kalender, öffnete das Türchen zum 24. und sah ein Karussel, das sich drehte, dazu hörten sie einen Song von William Fitzsimmons, Covered In Snow, akustisch, mit einer gewissen hypnotischen Kraft vorgetragen – nun machte auch der Advents-Kalender komische Sachen, herrje. Aber schön überraschend und überraschend schön war’s, so liessen sie es sich geschehen.

Ihnen blieb es, ihre Köpfe zu schütteln, wer musste sich schon noch in dieser unwahrscheinlichen Geschichte über irgendetwas eventuell Wahrscheinliches ernsthaft wundern, der getrennte Papi, Alexander und Marie jedenfalls nicht. “Es gibt Dinge, die hat man mit sich geschehen zu lassen”, dachte der getrennte Papi. Und Marie konnte das Zeichen des Advents-Kalenders deuten, die Drei sollten zum Karussell im Central Park gehen, sie hatte in einem Kinderbuch einmal davon gelesen. Es war erstmals 1873 in Betrieb genommen worden, damals noch von Pferdekraft bewegt, nun stand dort, nach Bränden und Zeitläuften, das vierte Karussell, dieses Exemplar war 1950 auf Coney Island entdeckt, restauriert und dann im Park installiert worden. Sie wollten sich also von Yoko verabschieden, aber da sie nicht einfach überall nach ihr suchen wollten, das wäre ihnen ungehörig vorgekommen, schrieben sie ihr einen Brief, in dem sie für die ihnen widerfahrene Gastfreundschaft dankten. Vergessen würden sie das ihr nie.

Behutsam zogen die Drei die schwere Holztür hinter sich zu, nahmen den Fahrstuhl mit den antiquierten Gitter-Türen, verliessen das Dakota-Building, Richtung 66th Street, dort konnten sie auf dem Transverse Drive ziemlich direkt vorbei an der Sheep Meadow zum Karrussel gehen. “…Und auf den Pferden kommen sie vorüber/auch Mädchen, helle, diesem Pferde- sprunge/fast schon entwachsen, mitten in dem Schwunge/schauen sie auf, irgendwohin, herüber/Und dann und wann ein weißer Elephant/Und das geht hin und eilt sich, daß es endet/und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel/Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet/ein kleines kaum begonnenes Profil/Und manchesmal ein Lächeln hergewendet…”. Sie standen auf einmal vor dem Karrussel, das Rilke-Gedicht wisperte im Kopf des getrennten Papi vor-sich-hin.

Es war noch ganz still in dieser Frühe, in ihre Ponchos verhüllt, fühlten sie sich mit einigermaßen wirren Haaren einigermaßen erschöpft, aber sie fühlten sich weit mehr als einigermaßen glücklich. Denn plötzlich wussten sie an diesem Heiligen Abend genau, was sie hierher geführt hatte: der Umstand, dass sie zusammen gehörten und nichts und niemand sie würde jemals trennen können und wenn die Erde sich auftäte, das Karussell verschlänge – all’ dies und Schlimmeres würde sie nicht schrecke, sie nähmen sich bei den Händen, schritten in die Erde, um zu schauen, was zu erwarten wäre. Und wenn sie eine Höhle am Mittelpunkt der Welt zu entdecken hätten, so würden sie auch das gemeinsam wagen. Sie hatten doch sich. Alexander brach in die Stille und sagte unvermittelt, gleichwohl sehr bestimmt und keinen Zweifel duldend: “Wir müssen los, wieder nach Hause.”

Brachten die Sternschnuppen sie wieder zurück? Als der getrennte Papi, Marie und Alexander sich wieder in Hamburg fanden, lagen sie in dem großen Bett, bei wehendem Vorhang am geöffneten Fenster, eisige Luft umströmte sie, dass sie nochmals zusammenrückten. Der getrennte Papi schloss das Fenster, rieb sich die Augen –  und fragte seine Kinder, ob sie wieder mit den Sternschnuppen nach New York City in den Central Park oder anderswohin rauschen würden. Alexander und Marie sahen ihn nahezu unverständig an: “Immer wieder!”. Und im Hintergrund hörten sie hwit von Sakamoto’s out of noise, es klang wie ein Mantra zum Heiligen Abend. Marie war es vorbehalten das letzte Wort im fünften Teil zu haben. Es war ein großes: “Puh”.

Alsbald dann wieder mehr vom getrennten Papi…


Weihnachten im Central Park (38/1)
Veröffentlicht in Märchensinne,Schicksal,Sternschnuppen von Andreas Wrede am 26.11.2010 um 23:31 Uhr

Oder: Heilige Abende in fünf Teilen. Heute: Die Sternschnuppen.

Worum es diesmal geht: Drei Sternschnuppen, ein Schneegestöber, das offene Fenster, die unheimliche Begegnungen der dritten Art, kurvige Samtigkeit, ein Gullydeckel, verschiedene Decken, ein Flug in der Nacht (eingemummelt) und das rote Pony.

Es war einmal: Der getrennte Papi und Marie und Alexander standen am Fenster, tiefschwarze Nacht legte sich über der Stadt, langsam fiel der Schlafsand über sie. Eigentlich gehörten die Kinder schon längst ins Bett, aber das Schicksal wollte es, dass den Dreien ein grandioses Abenteuer – gänzlich unglaublich, ungeheuer, unverhofft – widerfuhr. Es fing an mit der gleissenden Sternschnuppe, die in ihren regenbogigen Farben auf das Haus der Drei zufiel, langsamer als es üblicherweise Sternschnuppen herkömmlicher Provenienz zu tun pflegen. Es schien als wollte sie noch einige Extra-Pirouetten am Himmel schlagen, ach, wie edel und elegant und dies aussah, als wäre diese Sternschnuppe eine Ballet-Tänzer.

Und wie der getrennte Papi und Alexander und Marie in ihren bunten Schlafsachen so dastanden und staunten – rauschte eine zweite, hellblaue Sternschnuppe, genau in der Luftbahn der ersten, heran und herunter. Statt Pirouetten flog sie einige wilde Loops wie bei einem Stück der Roots, um dann wie ihr Vorflieger auf der Strasse vor dem Haus, zu landen. Dort stöberte es vor Schnee, die dicken Flocken flitzten und flogen kreuz und quer und quer und kreuz und querten kreuz und kreuzten quer und es hörte sich an als sängen sie dazu ein Lied. Es war schwer zu sagen, das schneeige Stöbern geriet recht laut in der ansonsten ruhigen Nacht, ja, es war sogar so, dass dieses weiße Lärmen nur in der kleinen Strasse vor dem Hause des getrennten Papi und von Marie und Alexander vor sich hin dröhnte, kein Zufall, in keinstem Falle.

Just als die Drei das Fenster zur Strasse und zum Himmel hin öffneten, segelte die dritte Sternschnuppe herab, in kurviger Samtigkeit, in exakter Schneisenspur, jene Sternschnuppe war durch und durcher und am durchesten weiß, so weiß, sie tauchte die Drei in ihrem Fensterrahmen in eine grellende Helligkeit. Als wolle Francois Truffaut ein Remake von Close Encounters Of The Third Kind filmen, voller geheimnisvoller Romantik und romantischer Geheimnisse. famose Sache, das. Wie es der unbeugsame Wille des Schicksals wollte, fanden sich die drei Sternschnuppen an haargenaust dem selbigen Punkt zusammen, ganz nah an dem Gullydeckel auf dem 1911 stand, weiß der Teufel, warum.

Da tänzelten sie vor sich hin und glühten immer weiter, wie ungewöhnlich sich das ansah, sie tänzelten und tänzelten weiter, weiter, weiter das konnte nur eine Aufforderung sein an die Drei da oben am Fenster, sich einzumummeln in alle Decken (die beiden schwarz-weißen Bettdecken, die orange Decke vom Schneider, die weiße von Ikea und die drei rosa-blau-braun-weiß- gestreiften Decken für Euro 9.95/pro Stück) und hinunter zu den Sternschnuppen zu eilen. Wer wusste denn schon, wohin’s führte, verheißungsvoll war’s allemalst, vor allem in der Winterzeit.

Alexander und Marie liefen los, im Treppenhaus war es schon zugig, aber das focht sie nicht an, das Strahlen der Sternschnuppen hatte ihre Wangen zum Wallung gebracht, ihren Geist entflammt, ihre Temperatur erhöht, wie von Märchensinnen zogen die schnuppigen Sterne mit den sternigen Schnuppen sie an, es hätte allerdings ein christliches Ritual sein können,  heidnischen Ursprungs. Der getrennte Papi griff, sicherheitshalber, noch nach einigen Schals, ahnte er wohl schon, es würde eine eine eiskalte, gegenwindige, stürmische Reise werden? Untern angelangt, stiegen sie wortlos, aber voller Glücksmoment, wie unter Hypnose, ein Jeder wandlerisch-sicher, auf die Sternschnuppen. Marie auf die weiße, Alexander auf die hellblaue, der getrennte Papi auf die regenbogige. Und aus irgendeinem Fenster drang die Red Pony-Suite von Aaron Copland herüber, es war der Dream March, doch.

Also ritten die Drei auf den Sternschnuppen zum Himmel, eingemummelt in Decken und Schals, an den Füssen geschlossene, graue Filzpantinen, woher-auch-immer-die-nun-wieder-kamen, begleitet von fanfarischen Klängen des roten Pony. Sie liessen höchst oben das Schneegestöber hinter sich und flogen ins Hellere, über den Atlantik und sie sollten am Rande des Central Park in New York City zur Erde kommen. Aber dazu morgen mehr vom getrennten Papi, Alexander, Marie und ihrem Weihnachts-Abenteuer…