Steppenwolf, revisited (34.)
Veröffentlicht in Liebesbrief,Stolz von Andreas Wrede am 11.11.2010 um 20:19 Uhr

Oder: Kann nix schaden, sich die eigene Kindheit wieder zu holen

Worum es heute geht: Eine Zahnspange (bunt), ein Kissen (weiss), ein Kabuff (dunkel), Gartenhäuschen (grün), ein Lächeln (entzückend), ein Liebesbrief (herzklopfend), Schlagzeug (gebastelt), eine Platte (zeitlos), eine CD (auch zeitlos).

Gerade hat Marie eine Zahnspange bekommen und sie hat sich die Farben dafür selber zusammenstellen können (was es heute so alles gibt), Lila ist das gute Stück und viel Glitzer gibt es noch obendrauf. Die Spange sieht also mit anderen Worten sensationell aus und Marie ist irrsinnig stolz auf ihre neue medizinische Errungenschaft. Weil sie sehr gewissenhaft ist, wird sie das Teil bestimmt exakt die 14 Stunden täglich tragen wie sie es soll, logo. Der getrennte Papi dachte dann an die Zahnspangen früher, die eher fad und freudlos ausschauten und als eher fatal von Kindern verlacht wurden. Aber was der getrennte Papi sich mithin gefragt hat: Was eigentlich hat ihn früher stolz gemacht als er noch Kind oder Teenager war?

Zunächst gab es da das so genannte Kissi, ein kleines Kissen mit einem weißen Bezug, der einen merkwürdig gezackten Spitzen-Rand hatte, die Ur-Großmutter hatte es dem getrennten Papi zur Taufe geschenkt. Ohne das Kissi konnte der getrennte Papi die ersten frühen Jahre definitiv nicht einschlafen – und definitiv bedeutet definitiv. Kann mich noch genau entsinnen, dass ich bei den Großeltern zu Besuch war und Mama hatte vergessen, es einzupacken, Drama, großes, Lamentieren, lautes, Tränen, viele. Es musste per Express-Post nachgeschickt werden, alles war wieder gut, Besuch gerettet.

Dann gab’s da noch das Kabuff in dem Kinderzimmer, zu ersteigen mit einer kleinen Leiter, darin wurden alle sehr nützlichen und völlig unnützlichen Dinge sorgfältig archiviert, die im Kinderzimmer einfach keinen Platz mehr gefunden hatten. Im Kabuff war’s ein bisschen schummrig, weil es kein Licht hatte ausser dem natürlichen, das durch die schmale, geöffnete Doppeltür fiel, aber das gefiel mir, hatte was heiliges, höhliges, huscheliges. Da oben durfte auch keiner rein außer dem getrennten Papi, nicht mal die allerdollsten Freunde, nö, war top secret, the-one-and-only-place-to-be-very-alone-and-kind-of-away-and-out-of-the-world-

Ähnliches hatte es auf sich mit dem grünen Gartenhäuschen, das unter einem Baum stand, ich glaube, es war ein ganz alter und ehrwürdiger und knorriger Kirschbaum, der über das Gartenhäuschen wachte mit ausladenden und schweren Zweigen, die manches Mal ächzten, weil sie schon Jahrzehnte um Jahrzehnte auf dem rissigen Buckel hatten. Einmal in der Woche kam ein Gärtner, der vermutlich ebenso alt war wie der Kirschbaum, jedenfalls hatte sein gebräuntes Gesicht mindestens so viele Falten wie der Baum Blätter trug, nur er hatte den Schlüssel zum Gartenhäuschen, damit von den antiquarischen, kostbaren Gerätschaften ja nichts abhanden kommen mochte. Ich habe es dann immer eingerichtet, an einem jedem Dienstag in der Woche nachmittags zuhause zu sein, um stolz ins Häuslein schlüpfen zu können, mich darin einfach umzusehen und es für kurze Zeit als mein alleiniges Schlösschen aus Holz betrachten zu können. Selbstverständlich wartetet in meiner Phantasie meine Prinzessin dort auf mich.

Und selbstverständlich gab es die Prinzessin realiter, sie hatte den Vornamen einer der fabelhaftesten Frauen überhaupt, Jacqueline. Sie lächelte mir auf dem Schulhof immer gar entzückend zu, ergo war es doch wohl allzu naheliegend, dass sie mindestens  - und mindestens bedeutet mindestens – genauestens und derart verknallt war in mich wie ich in sie, nämlich hoffnungslos, romantisch, unsterblich. Wie die Läufte des Lebens es dann wollten, fand sich just zu dieser Zeit ein Brief in einem Blümchen-Kuvert, adressiert an den getrennten Papi, ohne Absender versehen, aber mit einer Briefmarke (Konrad-Adenauer-Konterfei), im Postkasten. Ich war außer mir vor Freude, die Zeilen, die mir herzklopfend versicherten, die Absenderin, sei hoffnungslos, romantisch, unsterblich in mich verliebt, konnten nur von der Prinzessin namens Jacqueline zu Papier gebracht worden sein. Ein Anruf würde genügen, um die Liebe endlich/endlich/endlich zu besiegeln. Nur dass sich herausstellte, welch’ Schmach: sie hatte den Brief keineswegs geschickt. Bis heute ist dem getrennten Papi die Schreiberin unbekannt geblieben, was für ein grausames Schicksal.

Weniger herzklopfend, gleichwohl sehr vernehmlich, war das selbstgebastelte Schlagzeug in einem anderen Zimmer des getrennten Papi; fragil zusammengefummelt aus Kuchenformen, diversen kleinen Weihnachtstrommeln, zwei bombastischen Kalebassen. Und einer ausrangierten Snare Drum, die der getrennte Papi abgestaubt hatte aus einem Schuppen der Underground geheißen hatte und in dem Blues- und Rocktruppen wie Grobschnitt, Nektar oder Steamhammer auftraten. In dem roch es permanent nach Haschisch, dementsprechend verrufen, verrucht, verzaubert war der Underground, halt einen extrem lässige, legendäre, lockere Location. Nicht, dass ich nun Schlagzeug spielen konnte, aber darauf kam es gar nicht an – es war die Coolness,sich am Schlagzeug zu versuchen, etwa zum Soundtrack von Easy Rider mit Gruppen wie The Byrds, Holy Modal Rounders oder Steppenwolf. Das war lärmendes, lautes, langhaariges Glück, Leute.

Zum Stolz zählte schließlich eine der ersten wichtigen Platten des getrennten Papi , Electric Ladyland von Jimi Hendrix, die hat er noch heute hat, damals gekauft bei Woolworth, warum auch immer die dort zu haben war für ganze fünfzehn deutsche Mark. Egal, All Along The Watchtower (zum Beispiel) gehört zum Nonplusultra-Repertoire, wenn der getrennte Papi mal wieder irgendwo auflegt, was er leider viel zu selten tut, denn das ist auch eine fabelhafte Form, sich seine Kindheit und die Jugend und das Erwachsenwerden zurück zu holen. Zum Standard wird nun, übrigens und unbedingt, das Album The Hour of Separation von Joseph Tawardos – mit John Abercrombie und Jack De Johnette – erhoben, der Oud ist ein Instrument mit Tausend-und-eine-Nacht-Qualitäten. Außerdem gefällt dem getrennten Papi, der sich jetzt wieder in die Gegenwart beamt, das Motto des Albums: “Love knows not its depth until the Hour of Separation”. Aber dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…