Oder: Beste Freunde sind echt das Beste, was einem passieren kann.
Worum es heute geht: Kurzes Frühstück, politisch unkorrekt, ein Tag beim Freund aus dem Kindergarten, ein Tag bei der Schwester, ein Tag im Büro, ein schöner Abend mit kleinen Schnitzeln und einige Tränen, weil ein kleine Mann übermüdet ist.
Der getrennte Papi musste heute ins Büro, schreiben, deswegen fiel das sonntägliche Frühstück doch eher kurz aus. Ich bin auf die Schnelle zu “Balzac” gegangen und habe einen Cappuccino geholt (Triple Shot) und zwei Kakao (mit Milchschaum) und einen Doughnut (gestreift, mit Puddingfüllung, für Alexander) und dann noch beim Bäcker ein Croissant (ohne Schokolade, für Marie) und ein Quarkbrötchen (mit Rosinen, für den getrennten Papi). Das war natürlich politisch und ernährungstechnisch voll unkorrekt, aber es hat uns doch ziemlich geschmeckt.
Dann hat der getrennte Papi seinen Sohn zu seinem besten Freund aus dem Kindergarten gebracht – Alexander freut sich immer riesig, vorher, und hinterher wird haarklein erzählt, was so alles passiert, zum Beispiel ein feuchter Po wegen einer nassen Rutsche. ”Ein bester Freund ist doch echt das Beste, was einem passieren, Papi.” Alexander sagt das mit vollem Ernst und im zarten Brustton der Überzeugung. Er ist so stolz, dass er einen besten Freund hat, so unheimlich stolz. Marie ist zur Schwester hinuntergegangen, dann wurde gemalt, Schwarzer Peter gespielt und später hat dann der getrennte Papi, wieder zuhause, mit ihr Schreiben geübt und Marie hat ihm noch eine Geschichte vorgelesen, die mit dem gestohlenen Fahrrad.
Während der getrennte Papi im Büro war, sind seine Kinder mithin gut aufgehoben gewesen und abends gab es dann noch kleine Schnitzel mit Pü und eine Runde Ballspielen und Playmobil. Das Zähneputzen wurde zackzack erledigt und wie immer musste Alexander selbstverständlich den Waschlappen noch aussaugen, was könnte es vor dem Schlafengehen wohl besseres geben? Aber im Bett flossen schließlich noch einige Tränen, Alexander war etwas überdreht und es wurde gestritten – “Du bleibst in Deiner Hälfte, sonst werde ich sauer,” meinte Marie – und vor müder Wut hat er sich kurz mal vors Bett geschmissen. Aber dann wurde das heiße Köpfchen gestreichelt und in wenigen Minuten war Schlafensruhe. Kreuz und quer liegen sie nun da, sie träumen hoffentlich von einem schönen Tag. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
Oder: Es ist so wunderbar, Kinder zu haben, es ist so wunderbar.
Worum es heute geht: Streicheln, Streicheln, Streicheln, die Stirn mit der Narbe, die hohe Stirn, die Stirn des getrennten Papi, ein Diktat mit nur einem Fehler, morgen bitte früher wecken und eine verdammte Lüge mit fünf Buchstaben, die den Kindern nicht zu erklären ist.
Der getrennte Papi hat heute zuerst Alexander ins Bett gebracht, weil Marie noch mit meiner Schwester gelesen und geschrieben hat. Ganz ungewohnt, sonst schlafen die Beiden bei mir immer zusammen ein. Und Alexander hat sich schön eingemummelt, seinen Pauli-Kuschelhund in den Armen, zu sehen ist nur sein Kopf mit den braunen, glatten Haaren. Und die Stirn mit der Narbe, die er sich bei einem Sturz im vergangenen Jahr geholt hat. Der getrennte Papi will ihm noch eine Geschichte erzählen, aber Alexanders Augen sind ganz entspannt: geschlossen.
“Papi, heute bitte noch länger streicheln als gestern,” sagt der kleine Mann, bald schon halb im süssen Traumland, dabei sieht er so ernst aus als liege eine unsichtbare Last auf seinem kleinen Körper. Aber Alexander sieht im Schlaf immer reichlich wichtig aus, jeder wie er mag. Dann lässt er sich streicheln, streicheln, streicheln und ist mit drei, vier Wimpernschlägen bereits hinüber und eingeschlafen. Der getrennte Papi mag freilich gar nicht aufhören und er schaut seinen Sohn dauernd an und versucht sich zu erinnern, ob er sich ganz früher auch so gerne hat streicheln lassen.
Ja, hat er, von seiner Mama und es war damals so schön wie es heute schön ist für Alexander. Dann kommt Marie hoch, die Schwester ist zwei Stockwerke tiefer im Haus einquartiert, und ist ganz stolz: “Ich habe nur einen Fehler gemacht, Papi!” Ja, der getrennte Papi war früher stolz, wenn er im Diktat eher fehlerfrei blieb, allerdings war die Reaktion der Mutter dann reserviert, es galt als ziemlich selbstverständlich, wenn ich gute Noten nach Hause brachte und es bedurfte keines Lobes. Das fand der kleine getrennte Papi eigentlich sehr schade, aber es war kaum zu ändern. Die Zeiten waren andere, jedenfalls lobt der getrennte Papi seine Kinder umso mehr.
Marie ist noch ganz erfüllt von ihrem Diktat (“Eine Geschichte von Bibi & Tina”…), sorgfältig werden die diversen Stoffhunde um sie herum drapiert, wie von Zauberhand schmiegen sie sich an das Mädchen. Und es raunt, dabei gibt sie ihm einen Kuss auf seine Stirn:” Papi, bitte weck’ mich morgen früher, dann kann ich vor der Schule noch mit der Tierarztpraxis von Playmobil spielen.” Mit der ihr bisweilen eigenen Engelsgeduld hat sie wohl über zwei Stunden lang die Tierarztpraxis aufgebaut, in der linken Ecke des Wohnzimmers. Keine Ahnung wie viele Hunderte von Teilen sie da zusammengefummelt hat – der getrennte Papi bewundert sie für ihre liebevolle Akkuratesse, er hat früher in einem kleine Kabuff sich auch eigene Welten aufgebaut, okay, Ritter-Burgen und Western-Landschaften, Jungs-Welten, sie waren aber ebenfalls verwunschen und zauberhaft.
Und unsere Welt? Was antwortet ein getrennter Papi, wenn die Kinder fragen,was eine Kernschmelze sei? Was antwortet er, wenn die Kinder fragen, was denn Tepco sei? Diese grosse japanische Lüge, die nur fünf Buchstaben braucht. Und wie erklärt man Kindern, dass eine Firma ganz offenbar das eigene Volk, die eigene Regierung und den Rest der Welt sowieso belügt, hilflos belügt? Das der eine oder andere Lehrer am Wochenende bei der grossen Demonstration dabei war, findet der getrennte Papi in Ordnung. Früher bekamen Lehrer dafür Berufsverbot, heute nicht mehr. Die Zeiten haben sich geändert. dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
