Bilanz, zwischengezogen (53.)
Veröffentlicht in Es,Herz,Unvergänglichkeit von Andreas Wrede am 30.01.2011 um 17:59 Uhr

Oder: Können sieben Monate eigentlich zu einer kleinen Ewigkeit werden?

Worum es heute geht: Andere Wohnung, andere Zeit, neue Wohnung, neues Lebensjahr, wo war ich jetzt, wo sind meine Kinder, wo soll es nicht hingehen, wo soll es hingehen, wo ist die verlorene Heimat des getrennten Papi geblieben und gibt es eine neue im dritten Leben?

Ende Juni vergangenen Jahres habe ich begonnen, den getrennten Papi an dieser Stelle zu schreiben; ich war schon seit zehn Monaten ein getrennter Papi, auf der Suche nach einem neuen, dritten Leben. Reichlich lange ein Single-Leben (eher bewegt) geführt, dann eine Liebes-Hochzeit (sehr romantisch) in New York und Hamburg gefeiert, schließlich das Ende einer Ehe (sehr unromantisch) nach fast auf den Tag genau zehn Jahren. Und es folgte der Blick in den schwärzestes Abgrund meines Lebens, der emotionale Fall aus der Familie, der so gar nicht aufhören wollte. Der getrennte Papi schlug sich durch ein verdammt zerrissenes Leben, er blieb noch ein halbes Jahr nach der Trennung “zuhause” wohnen, wegen der Kinder, ja, wegen der Kinder. Die eine oder andere Nacht auf dem Sofa fühlte sich allein, miserabel, zukunftslos an, sicher haben Marie und Alexander schon etwas geahnt, aber wir wollten “es” ihnen erst nach Weihnachten sagen, um ihnen dieses Fest nicht auf immer zu belasten mit dem Gedanken an eine zerbrochene Familie.

Als dann der Umzug in eine andere Wohnung bei Freunden, es war auch der Fall aus einer anderen, nun vergangenen Zeit der gemeinsamen Familie, deren Ende sich der getrennte Papi weder vorstellen wollte, geschweige denn konnte, vorher. Jetzt aber musste er das und der neue Unterschlupf half ihm, wieder langsam zu Sinnen und sich selbst findend, den schier unaufhaltsamen Sturz aus dem Familien-Leben abzufangen. Ehe er, unten angekommen, zerschellt wäre – vor vermeintlicher Sinnlosigkeit, vor tatsächlichem Selbstmitleid, vor umbenebelter Stimme, vor Verzweiflung am Leben. An einem alleinigen Abend an der Alster, Blicke auf das Wasser vor mir und auf Befindlichkeiten in mir gerichtet, entstand die Idee des Blogs Der getrennte Papi. Verbunden mit dem unschätzbaren Vorteil, dass ich in der ersten und der dritten Person schreiben konnte; dieser Umstand erleichtert die Öffnung (versuchen Sie es doch einmal selbst), immerhin geben der getrennte Papi und ich ziemlich Innerstes preis, was mithin zu der einen oder anderen bloggenden Reaktion führte, die zum Nach,- Um- oder Weiterdenken anregte. Manchmal auch zum Ärgern, but that’s part of the deal.

Mit dem getrennten Papi fing noch vor dessen Geburtstag ein neues Lebensjahr an, es fiel leichter, auch mit etwas mehr Abstand, im Blog zu reflektieren, nicht zuletzt mit Ihrer offenen Hilfe und kritischen Begleitung, liebe Leserinnen & Leser. Immer wieder natürlich musste ich die Fragen nach meinen Kindern stellen, ob sie nun bei mir waren (so-wie-so) oder ob sie nicht bei mir waren (um-so-mehr), plötzlich waren sie teilweise weg aus meinem beginnenden dritten Leben. Also, sie waren eben nicht jeden Tag da, in guten wie in weniger guten Zeiten, sie waren natürlich fest im Herzen, sie werden ständig gespürt vom getrennten Papi. Und klar war, wohin es nicht gehen darf: niemals sollen die Kinder unter der Trennung leiden – sie haben schon genug zu verarbeiten, sofern sie “es” überhaupt gänzlich verwinden können -wie denn auch, eine Familie kann etwas wahrhaft schönes, reiches, wundervolles sein. Ob’s mir nun im Kleinen und Großen und Kleinengroßenundganzen gelingt, Alexander und Marie auch im Getrennten ein guter Papi zu sein? Jedenfalls hoffe ich es, sie haben es so sehr verdient, sie sind die wahren Helden in einer von vielen getrennten Geschichten, die viel zu oft in Deutschland zu schreiben sind.

Die Frage ist nach dreiundfünfzig Folgen noch dieselbige wie nach der ersten (“Dumme Gefühle” hieß sie, übrigens): Wohin soll es gehen, nach dem Verlust der inneren wie äußeren Heimat, wohin soll es gehen, auf der Suche nach einem neuerlichen Sinn im Leben, wohin soll es gehen, wenn es um das Entdecken weiterer Kraftquellen zu tun ist, wohin soll es gehen, wenn die Entwicklung der Kinder teils nur von Ferne zu beobachten ist, wohin soll es gehen, wenn der getrennte Papi mitten im Prozess einer gefühlten Neudefinition ist? Es geht in eine neue Heimat und die Kinder sind immer dabei, der Weg dorthin ist weder vorgezeichnet noch vorhersehbar, geschweige denn zu verfassen. Stimmt schon, der Weg ist das Ziel, aber manchmal kommt das Ziel vom Weg ab, nach sieben Monaten, die zu einer kleinen Ewigkeit wurden.  Wie auch immer: Ich nehme meine Kinder Marie und Alexander an die Hand – und sie nehmen meine Hände in die ihren und ich weiß, wir sind nicht und niemals und durch niemanden zu trennen. Alexander und Marie verkörpern die Hoffnungen, die unvergänglich sind. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…