Oder: Im Winter ist Vergangenheit näher, im Sommer die Gegenwart.
Worum es heute geht: Dicke Sachen (warm), laufende Nasen (kalt), anderes Zeitgefühl (fremd), Kekse backen (lecker), Weihnachtskalender (dreifach), Wachstums-Schmerzen (aua), Füsse anmalen (lustig) & Neil Young (weise).
Dem getrennte Papi war zum ersten Male in diesem Herbst fröstelig, in Hamburg wird es kalt, die ersten Schneeflocken stehlen sich vom Himmel, unten angekommen verwandelen sie sich in schmuddeliges Wasser, das an Bordsteinen zerfliesst. Ich bin kein Winter-Mensch, nicht, das dieser Umstand nun für Sie ein bedeutsamer Umstand zur Einordnung wäre, allein, ich bin überhaupt und überhaupt und überhaupt kein Winter-Mensch. Womöglich mögen Sie den Winter, freuen sich sogar drauf, ja, Sie wünschen sich jede Menge Schnee? Okay, dann sind wir ausnahmsweise eben nicht auf einer Wellenlänge, “mir doch egal” (würde Alexander trotzig sagen) oder “das ist jetzt unfair” (würde Marie sagen). Ich kann es, Himmelherrgottnochmal, nicht ändern: Der Winter kann dem getrennten Papi gestohlen bleiben.
Sich und die Kinder muss man nun permanent dicke Sachen anzwängen, eher zu viel als zu zu wenig, weil es es sonst zu warm wird oder eher zu wenig als zu viel, weil es sonst zu kalt wird oder irgendwas in der blöden Mitte. So oder so, laufende Nasen tröpfeln sich draussen dauernd weg, Hände frieren sich rissig trotz Handschuhen, Füsse dampfen vor sich hin in zu dicken Socken und selbst Alexander friert erstmal im Kinderkarussell auf dem Weihnachtsmarkt, der Innenminister rät uns Bürgern ja dazu, in demokratischer Bürgerpflicht dorthin zu gehen. Wir trotzen mit Glühwein und Lebkuchen “islamistischer Terrorgefahr”, die allenthalben beschworen wird. Und wer Widerstand leistet gegen Atomkraft, Castor-Transporte oder unverantwortliche Endlagerung von Atommüll (was für ein Euphemismus, dieser Begriff), durchaus mit dem Hinweis, dass unsere Kinder eine bessere denn eine strahlende Zukunft verdienen, wird vorsorglich mal in die bürgerschreckige Ecke geschoben. Sind wir wieder eine kleine radikale Minderheit?
Ja, das war jetzt ein weiter Bogen vom Kinderkarussell nach Gorleben und anderswo, aber dem getrennten Papi reicht die Debatte um die innere Sicherheit, wo doch die künftige Gesundheit unserer Kinder ohne restlaufzeitiges Wimpernzucken riskiert wird und der dauergefährlichste Atomdreck jetzt etwa nach Russland exportiert wird. Genau dahin, wo ohnehin schon viele Kinder an Leukämie erkrankt oder gestorben sind oder sterben werden. Der Vorteil ist, dass deren elendiges Ende weit, weit weg passiert; die Schmerzensschreie verhallen irgendwo zwischen den Korridoren der Macht und den Niederungen der Ohnmacht, das ist praktisch, schreit uns nicht in die Ohren, bohrt sich nicht in unser eher mediales denn kollektives Gedächtnis.
Ach, der Winter vertieft dieses drückende Gefühl der Fremdbestimmtheit, die schwerelose Gegenwarts-Magie des Sommers scheint auf immer dahin zu sein, die wunderbare von-Tag-zu-Tag-Nonchalance ist früher Dunkelheit und später Helligkeit gewichen. Der getrennte Papi weckt die Kinder und versteht, dass Marie und Alexander sich nur schwer aus dem Bett herausschälen mögen. Die eine oder andere Aussicht hilft dann, etwa Kekse backen beim Kindergarten-Freund und der Stolz in den Augen, wenn der getrennte Papi seinen Sohn abholt und der kleine Mann sagt: “Guck’ mal Papi, die habe ich gemacht und die schmecken wirklich lecker.” Und die schmecken wirklich lecker und der getrennte Papi bedauert, dass er nur “zwei, na gut, drei” abbekommt, besser wie nix.
Dann wird Marie abgeholt, sie war mit der Omi in der Stadt unterwegs und wie sie da so steht mit dem Ranzen auf dem Rücken, eingemummelt und kauernd in ihrer Winterjacke, “Paaapi” ruft, wirkt sie zu gleichen Teilen wie ein halbes Kind, das schneller als erwartet zum ganzen Teenager wird. Auf der Bus-Fahrt nach Hause zum getrennten Papi wird beschlossen, drei Schoko-Weihnachtskalender zu kaufen, damit wir für den ersten Dezember (und ff). auch bloß gewappnet sind. Nicht auszudenken, wir könne kein Türchen öffnen, rechtzeitig.
Sehr wohl auszudenken sind allerdings die Beinchen von Alexander, der über “Wachstumsschmerzen” klagt (das sagt er wirklich), die wiederum hat er vom getrennten Papi geerbt, der sich daran noch lebhaft erinnern kann, immerhin einige Jahrzehnte später. An dieses unbestimmte Ziehen und Zerren, das auf und ab pulsierte und dem man sich hinzugeben hatte, aber wer wollte schon blechtrommlig wie Oskar Matzerath enden, also gab man dem Aua-Spüren des Wachstums nach und es wurde wenigstens etwas besser. Eine weitere Methode des Weg-Spürens ist die Ablenkung: Der getrennte Papi hat dieses Mal eben jene Methodik gewählt und Alexander und Marie vor dem Einschlafen lachende Gesichter und Herzen auf ihre Füsse gemalt (ist mit dünnen Filzstiften gar nicht einfach, kitzelt nämlich und die Linien wollen oft nachgezogen sein). Logo, dass die Kinder dem getrennten Papi auch ein fröhliches Gesicht auf den Fuss gezaubert haben, das er mit ins Bett genommen hat, später, nicht ohne vorher dieses Werk im Photo festgehalten zu haben, you never know.
Nun reisst der Papi trotz der Kälte das Fenster nochmals auf, die trockene Luft macht etwas dösig, dazu singt Neil Young, dieser weise Rocker: “Prairie Wind Blowin Through My Head/ Prairie Wind Blowin Through My Head/ Tryin To Remenber What My Daddy Said / Prairie Wind Blowin Through My Head” (auf der Must-Have-CD “Prairie Wind”). Und ich vermisse meinen Vater gerade, einmal mehr, verdammt und ich fühlt mich auf einmal doppelt zerlegt, wie die Assistentin des Zauberers, die immer diese unsichre Ahnung hat, dass sie doch mal zersägt werden könnte. Aber dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
