Oder: Heilige Abende in fünf Teilen. Heute: Zum Tee bei Yoko Ono.
Worum es diesmal geht: Eine magische Mütze, ein junger Weihnachtsmann, Strawberry Fields (klein, aber von großer Anziehung), das Dakota Building, Alexander und Yoko Ono, Marie und ihre Eingebung und die Höhle im Park.
Die Drei schliefen, fest eingeschlagen in ihre Decken, die sie nun, praktischer Weise ,wie Ponchos trugen (das war erstens bequemer und zweitens sahen der getrennte Papi, Marie und Alexander für andere Passanten jedenfalls nicht sehr auffällig aus), bis in die Mittagsstunden. Tat ihnen gut, die Ruhe und nach dem Aufwachen schnabulierten sie den Rest der köstlichen Kekse vom Fuße des Pilgrim Hill und machten sich, gestärkt und wieder guten Mutes, auf. Jedoch, sie standen auf dem Felsen (zur Erinnerung: jener neben dem Boathouse), blickten auf die fast gefrorene Oberfläche des ruhenden Sees, schauten sich an und fragten wie aus einem Munde: “Wohin geht’s nun?”
Wie sie auf dem Felsen standen, schon guter Dinge, aber auch ein wenig ratlos, begann sich die rote Mütze mit dem weißen Bommel, die Alexander trug – tatsächlich, kein Witz mit doppeltem Boden und keine optische Täuschung – zu regen. Maries Bruder merkte es zuerst gar nicht und sie fragte ihn: “Seit wann kannst Du mit den Ohren wackeln, Alex?” Und der kleine Mann antwortet, ein wenig pikiert: “Mariechen, Du weißt genau, selbst, wenn ich’s könnte, würde ich es nicht wollen mögen.” Derart gewählt zu sprechen, war seine Sache weniger, aber die Mütze, die hatte ihm etwas angetan, ihm war, als wäre er in der Minute um einige Zentimeter gewachsen.
Wir wissen: Das wäre kaum möglich, außer in einem Märchen in dem es um Weihnachten im Central Park geht, in den es den getrennten Papi, Alexander und Marie nun mal verschlagen hatte. Oder besser: Es hatte sie dorthin geführt über den Atlantik, auf den Sternschnuppen, nur dass die Drei noch nicht wussten, was es mit diesem ES auf sich haben sollte. Eine erste Ahnung bekamen Marie und der getrennte Papi als sie Alexander, angetan mit der roten Mütze und dem weißen Bommel, ansahen: Er kam ihnen vor wie ein junger Weihnachtsmann, der erst einmal ihr Kommando übernahm, seinen kleinen linken Daumen lässig in den aufkommenden, ziemlich eisigen Wind Richtung Westn hielt. “Dahin müssen wir,” sagte er bestimmt, weder der getrennte Papi noch Schwesterherz mochten ihm widersprechen, klare Ansage, klarer Fall, klare Sache, keine Frage.
In der Luftlinie, die sich im Korridor zwischen der 72. und 74. Strasse befand, lagen, das wusste der getrennte Papi: Strawberry Fields und das Imagine-Mosaik. Es war nicht monumental ausgefallen, im ganzen Gegenteil, eher sehr bescheiden, aber dafür hatte es im Laufe der Jahrzehnte eine ungeheure Anziehungskraft auf Menschen-Millionen entwickelt. Und in seiner Schlichtheit war es eben umso anziehender, klüger und wissender als mancher Wolkenkratzer. Also führte es unsere Dreier-Bande zu Strawberry Fields – benannt nach Strawberry Fields Forever von den Beatles, zweifelsohne einer der schönsten Songs.
Ein wenig ging es herauf und herunter wie sie nach Westen im Central Park marschierten, wobei der getrennte Papi und Marie in Alexanders kleinen Fußstapfen im Schnee traten – als wisse er aber so was von genau, wohin er sie führen sollte, standen sie nach einer sehr guten Viertelstunde (sie waren stramm gegangen) beim Imagine-Mosaik. Zur haargenau selben Zeit ging eine Balkontür auf, drüben im Dakota Building, eine sehr zierliche Frau trat heraus, sog die kalte New Yorker Luft tief ein und spürte wie aus ihrem Atem ein Wölkchen wurde, das sich verselbständigte und über die mächtige Ballustrade zu dem kleinen Gedenk-Platz für John Lennon glitt. Weil es langsam dunkel wurde, hätte man es keineswegs nach verfolgen können, aber es schien einen roten Glühfaden in sich zu tragen. Das war der Grund, warum sich Yoko Ono dort in der Höhe des Dakota und die Drei dort unten beim Imagine-Kreis in gleichen Maßen, wenn auch von einiger Ferne, in die Augen blickten. Es vergingen nur wenige Sekunden, da winkte Yoko Ono schon herüber und ein Satz erschallte: “C’mon up, guys!”
Das liessen sich nun Alexander, Marie und der getrennte Papi nicht zum zweiten Mal sagen, im Park zog empfindliche Kälte auf, noch mehr Schnee hing in der festen und schweren Luft. Und die Aussicht etwa auf einen heißen Tee, einen warmen Raum und daraus sich ableitend einen wieder kühlen Kopf, bewegte sie, der einladenden Geste einer freilich an und für sich wildfremden Lady Folge zu leisten. Die Wohnung war sehr groß, eine eklektische, fabulöse, meandernde Mischung von Stilen, die sich zwischen den späten Siebzigern und dem frühen neuen Jahrtausend wähnten: Bauhaus meets Rams meets Rem Kohlhaas meets Joseph Holtzman meets Yoko Ono – oder so in der Art. Es war komplett nach dem Geschmack der Drei und Alexander eroberte sogleich das Herz von Yoko Ono, sie sagte, mit einem lieben Strahlen in ihren dunklen Augen: “I very much like your cap. Seems, you’re the guy we’ve been waitin’ for. And you’re within the deadline, Christmas Eve, you know.”
Der Tee, grüner für den getrennten Papi und Cranberry für Marie und Alexander, war vorzüglich, immer wieder frisch aufgebrüht von Yoko Ono und sie hatte noch Sandwiches gemacht, es war eine feine Gemütlichkeit und der getrennte Papi plauderte mit der Hausherrin. Zum Beispiel über Sergeant Pepper’s Loneley Hearts Club Band, The White Album und Some Time in New York City, sein Favoriten-Alben von den Beatles. Zwischendurch nickten Marie und Alexander ein wenig ein, nicht vor Langeweile, sondern weil die Anstrengungen der plötzlichen Reise ihnen doch in den zarten Knochen hing.
Yoko Ono bemerkte zudem, dass der Schlaf sich auf die Schläfen des getrennten Papi schlich, sich dort sanft und verführerisch auf der linken wie der rechten Seite einmassierte, um sich auf leisen Sohlen weiter in die Augenlider zu senken und sich dort so schwer einzunisten, dass sie schließlich zufielen. Der getrennte Papi war auf dem extrem bequemen, durchgesessenen, dunkelbräunlichen Ledersessel eingeschlafen, seine Kinder hatten sich wie Löffelchen, auf dem grauen Sofa gegenüber, aneinander gelegt und Yoko Ono deckte alle Drei mit indianischen Decken zu, auf dass sie es schön warm hätten. Den Adventskalender, Marie hielt ihn im Schlafe mit ihren schlanken Händen fest umklammert, zog sie heraus, legte ihn auf den flachen, japanischen Holztisch, der wirklich uralt aussah. Da konnte Yoko Ono noch kaum ahnen, dass Marie am nächsten Morgen – beim Öffnen des letzten Türchens – eine Eingebung haben sollte und die Drei eine Höhle im Central Park zu suchen hätten, aber dazu alsbald mehr in der fünften Folge…
