Single Men
Veröffentlicht in Klarheit,My Sweet Lord von Andreas Wrede am 04.09.2010 um 02:53 Uhr

Oder: Alle werden wieder da sein, Alter, alle werden wieder da sein

Worum es heute geht: Jubiläum (klein), 244 Kilometer, ein Bild, eine Mini-Schultüte (blau), ein Lächeln (stolz), einige Tränen (glücklich), ein Freund (Berlin), eine Freundin (New York), eine Platte (alt), ein Buch (neu, relativ). (weiterlesen …)

Sentimentales Solo
Veröffentlicht in Photographie von Andreas Wrede am 07.07.2010 um 18:56 Uhr

Oder: Kinderlos in den frühen Morgen, mit Currywurst und Pommes

Worum es diesmal geht: Berlin, die Fashionweek, Luftfächer, künstliche Welten, Ferien, Berliner Blicke, den Jockey-Club, sehr gute Pommes, Miles Aldrige, Terry Richardson, Central Park South, Grateful Dead 1969, “The Kid”.

In Berlin war ich noch nie mit meinen Kindern, merkwürdig, vielleicht, weil ich selbst (noch immer/immer noch) kein enthusiastischer Fan der Hauptstadt bin. Vermutlich, weil ich mich noch niemals so richtig auf sie eingelassen habe. Jedenfalls ist der getrennte Papi mit dem Zug nach Berlin gefahren, er war dort eingeladen zur Eröffnungs-Show der Fashionweek, die “Grazia” organisiert hat. Er sitzt dann also zwischen all’ den Style-Afficionados, auf dem Stuhl liegt ein schwarzer Fächer, es ist nämlich verdammt warm, wie das eigentlich immer bei solchen Shows ist, ob nun im Sommer oder Winter. Den Fächer nehme ich nach der sehr coolen Schau mit, meine Tochter wird sich sehr darüber freuen. Keine Ahnung, wie viele sie davon schon hat, es gibt halt so kleine Dinge, über die sich die kleinen und die gr0ßen Menschen stets von Herzen freuen.

Und während die schönen Modelle über den gleißenden Catwalk auf unfassbar hohen Schuhen sehr professionell stöckeln (Carrie hätte ihre hellsten Freuden gehabt, “who the f…is Manolo Blanik?”, hätte sie möglicherweise/ausnahmsweise mal vergnügt gekreischt), denke ich an meine Kinder. Sie sind zum ersten Mal ohne mich in den Ferien; besser gesagt: in der Vergangenheit waren sie natürlich schon öfters ohne den Papi im Urlaub, aber jetzt ist der getrennt und dann fühlt sich Alles/Alles/Alles anders an. Befindet man sich inmitten einer ziemlich künstlichen Welt wie einer Fashionweek, werden die Unterschiede zwischen Außen und Innen sowieso erfahr- und greif- und spürbarer. Sie finden, dass sei nun aber doch zu pathetisch? Nö, ist es gar nicht.

Hinterher geht’s dann noch zur Aftershow-Party, in den ehemaligen Osten, Plattenbau, Honecker-Tristesse, eine gesamtdeutsche Realität, oben der “Week End-Club”, auf dessen Terrasse hat es einen grandiosen Blick über die Stadt, von der Leute ernsthaft behaupten, sie sei das New York Europas, ein Vergleich, denn ich immer realitätsuntüchtig finde. Egal, der Blick bleibt grandios und mit einem neuen Freund lümmelt sich der getrennte Papi in eine der Lounge-Ecken, wir sprechen über Familien-Leben, gelebtes und gehabtes, sicheres und sichergeglaubtes, verlorenes und verwunschenes, über Ibiza und den Jockey-Club am Playa Salinas, meine Kinder fanden den Strand dort so schön als wir dort vor einigen Jahren unsere Ferien verbrachten, die Sonne knallte, das Wasser war herrlich türkisblau, der Sand juckte schön zwischen den Zehen, Deep House und Elektro und Techno schallte über den Strand in den aberblauen Himmel, der mal eben auf Erden war. Die Mucke im Club ist nicht so ganz mein Fall, muss sie ja auch nicht sein, ich tanze trotzdem und stelle mir dabei vor, wie mein Sohn wohl so sein wird, wenn er mir seine erste Freundin vorstellt, falls er sie mir überhaupt vorstellen sollte/wollte. Denn eine Wahrheit ist doch: als uns unsere Eltern sagten, “die Zeit vergeht so schnell”, haben wir das milde/wilde abgetan, als Gesagtes von den Eltern. Sie hatten natürlich in diesem Punkte total recht: die Zeit vergeht so schnell und plötzlich sind unsere Kinder groß und größer.

Jedenfalls war das ein tiefes Gespräch hoch oben über den Dächern Berlins, hinterher verschlug es Einige von uns noch auf eine sehr frühmorgendliche Currywurst auf den Kudamm mit köstlichen Pommes/Schranke, der getrennte Papi kam sich vor wie zu frühsten Studienzeiten als geflirtet wurde, dass es krachte. Auch das werden meine Kinder mal, mehr oder weniger, machen, in gar keineswegs so ferner Zukunft, schluck. Nach der Currywurst also ins Hotel, aber ich war noch so voller Eindrücke, das der Schlaf nicht über mich fallen wollte. Ich schaue mir noch eine Einladung für eine Ausstellung von Miles Aldridge an, vielleicht sollte ich doch mal wieder nach Berlin kommen, dieser Photograph ist eigentlich besser als Terry Richardson, obwohl der für American Apparel ziemlich geniales Zeug veranstaltet. Der getrennte Papi macht sein Mobiltelephon an, auf dem Bildschirm erscheint die Skyline vom Central Park South in New York und da würde er sich gerne mal rüberbeamen und mit seinen Kinder im Boathouse eine fette Icecream essen. Aber weil’s mit dem Beamen noch nicht so klappt, höre ich noch Grateful Dead (“Live Dead”) aus dem Jahr ’69 in San Francisco, auch dorthin wäre ein Beam nicht zu verachten. Und bevor nun das Solo ohne Kinder zu sentimental für den getrennten Papi wird, liest er im “New Yorker” noch eine traurig-schöne, schön-traurige Shortstory, “The Kid” von Salvatore Scibona, die teilweise auf dem Hamburger Flughafen spielt. Dort landet der getrennte Papi bald auch wieder, aber bevor er das tut, ist er doch über dem “New Yorker” in den frühen Morgenstunden glatt eingeschlafen. Wie er ohne seine Kinder wieder aufgewacht ist? Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…