Oder: Es gibt eine Welt in der Welt und sie sieht ganz anders aus.
Worum es heute geht: Eine plötzliche Erkenntnis, natürlich, drei Kinder auf dem Rücksitz, eine Konversation über die schwere Jugend von Michael Jackson, fünfzehnter bis achtzehnter August ’69, Kampf um jeden Zentimeter, Schultaschen und eine heimliche Liebe.
Weil der getrennte Papi seine Kinder nun nicht dauernd um sich hat, kommt es vor, dass er das Eine oder das Andere schon mal vergisst. Wenn man täglich miteinander ist, sind viele Dinge, Umstände oder Verhaltensweisen selbstverständlich, dass sie kaum mehr auffallen. Sieht der getrennte Papi freilich seine Kinder meistens an den Wochenenden, erscheint Vieles auf einmal in einem entschieden bewussteren Licht. Geht Ihnen dies ähnlich? Oder blende ich zwischendurch das Kinder-Leben zu sehr aus, obwohl ich doch immer so sehr an Sie denke. Das ist paradox.
Jedenfalls holte mich kürzlich eine solche Erkenntnis ein als ich mit drei Kindern im Auto unterwegs war. Sie werden jetzt wahrscheinlich lachen – aber ich staunte über eine Unterhaltung von Marie, Alexander und einem Freund von ihm, Joseph. Klar, Kinder unterhalten sich - auf dem Rücksitz, eng zusammengequetscht, mit verknitterten Brottüten, bröselnden Brötchen, verklebten Fingern, zerzausten Haaren, fröhlich verschwitzten Mienen, weil die Sonne schön scheint. Aber unterhalten sie sich auch, ganz ernsthaft über Michael Jackson, auf einmal und einfach so, seine höllische Jugend, seinen Ruhm, seinen Tod? Wobei dieser Tod eigentlich kein richtiger Tod ist für die Kinder, Michael Jackson war in ihrer Wahrnehmung weniger ein realer Mensch als ein lebender Mythos und der kann gar nicht sterben, er wird uns immer weiter begleiten.
Joseph begann: “Michael Jackson hatte es echt echt schwer früher.” Alexander: “Warum denn das jetzt?” Marie: “Weil er von seinem Vater geschlagen wurde, ganz oft, können wir uns gar nicht vorstellen.” Alexander: “Aber warum wurde Michael Jackson gehauen von seinem Vater?” Jospeh: “Der wollte, dass sein Sohn immer singen üben sollte, um später mal sehr berühmt und reich zu werden…”. Marie: “…Und Michael Jackson konnte doch nicht dauern singen, er musste sich auch ausruhen. Dann wurde der Vater böse und hat ihn in den Keller gesperrt.” Alexander. “Das ist schlimm, der arme Michael Jackson, so ein Vater ist total blöd.” Joseph: “Deswegen hat er später als er größer war, nicht mehr mit seinem Vater gesprochen.” Marie: “Vor so einem Vater kann man richtig Angst haben, findest Du nicht auch, Papi?” Der getrennte Papi: “Und wie, ein solcher Vater darf eigentlich keine Kinder haben. Und ich kann Michael Jackson verstehen, dass er mit dem später nichts mehr zu tun haben wollte.”
Es wurde still im Auto, für eine kurze Weile, die uns Vieren eher lang vorkam. Als denke jeder von uns an diese Ungeheuerlichkeiten, die Michael Jackson und andere Kinder erdulden, erfahren, erleiden müssen jeden Tag – jeden Tag irgendwo auf der großen Welt oder in der kleinen Welt, nebenan von uns, wer weiß das schon immer, so genau wollen wir es vielleicht nicht immer wissen? Den Kindern war der Gedanke an diesen grausamen Vater ins Gemüt gefahren, sie wollten ihn da schleunigst wieder rausbefördern. Aber es galt, diese Unterhaltung schon zu einem geordneten Ende zu bringen. Alexander: “Warum ist denn Michael Jackson überhaupt gestorben?” Marie: “Sein Arzt hat ihm viel zu viele Schlafmittel gegeben.” Auch dieser Gedanke, allerdings, gefiel den Dreien kaum und sie fingen einfach an, sich gegenseitig zu erzählen, welche liebsten Songs sie von Michael Jackson hören.
“Human Nature”, “They don’t care about us,” “You are not alone” oder “Dangerous”. Die Titel sprechen sie auf ihre Art verständlich aus, die Melodien können sie sich und uns vorsummen und die Stimmung im Auto goes Pop. Und während die Kinder sich gegenseitig Hits vorsingen, denkt der getrennte Papi an einen Wunsch, der ihm nie in Erfüllung gehen wird. Er wäre gerne in Woodstock dabei gewesen, im Sommer 1969, vielleicht mit seinen besten Freunden, überrascht von den vielen Gleichgesinnten, überwältigt von den Musikern, überbordend von Hippie-Geschichte. Schmuddelig nach vier Tagen, aber ganz klar im Kopf, dass sich nun in meinem Leben und dessen Wahrnehmung einiges ändern würde. Who the f…knows what would ‘ve been happend, man, oh man. Keine Ahnung, aber es ist eine Vorstellung wert.
Ebenso wie der Kampf um jeden erdenklichen Zentimeter des Haares in der Schulzeit, erhebend und erbittert und erwidernd, immer wieder erwidernd: “Nein, ich geh’ nicht zum Friseur und schon mal gar nicht für Geld!” Eine Großmutter wollte mir immer, wenn sie mich sah, Geld geben, damit “Du Dir endlich diese Mähne abschneiden lässt, Du siehst aus wie ein Beatle.” Und das war ein glattes Schimpfwort in dieser Generation, das kam schon nahe ran an “Baader-Meinhof-Bande”, verdammt nah. Natürlich war der Effekt: Die Haare noch länger wachsen zu lassen, die Jeans noch ausgefranster tragen, Schulbücher wurden nur unter den Arm geklemmt, verschnürt mit einem abgerockten Ledergürtel und zu den Jazztagen in West-Berlin wurde getrampt, aus Prinzip und tiefstem Herzen und schon mit einem mulmigen Bauch. Eine Welt in der Welt, die einfach ganz anders aussah und die sich einfach ganz einfach anders anfühlte und die sich einfach ganz anders wünschte.
Auf der Compilation “Secret Love 4″ singt Eva Be, einige Jahrzehnte später, von diesen jungen Gefühlen des wilden Aufbruchs, der oftmaligen Ohnmacht, der großen Freundschaften und Lieben, “She walks alone” (Secret Loveremix). Und Paul Weller schmilzt Dich dahin mit “The Loved”, Gefühle klingen in wohlgeordneten Noten, noch so eine Paradoxon. Und hinten singen die Kinder immer noch, diesmal zusammen, den “Earth Song”, das eine oder andere Wort fehlt, stimmt nicht, gibt es gar nicht. Es klingt jedoch ganz wunderbar, wenn Alexander, Marie und Joseph ihren Lebenslust den freiesten Lauf lassen. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
Oder: Dem getrennten Papi geht die Luft aus, aber nur kurz, wissen Sie.
Worum es heute geht: Im Grunde heute eben nur um eine kurze Geschichte und ums Kräfte sammeln, Männer und Frauen diese Nacht mal getrennt, der Witz an der Geschichte und ich mag Miranda und Dr. Dreamy und Grey, sowieso: “Ich muss das, was von mir übrig ist, wieder zusammenkleben.”
Also, diesmal wird’s eine kurze Geschichte, weil dem getrennten Papi heute zwischendurch die Luft ausgegangen ist – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, wurden zusammen und in dieser Gemengelage etwas too much. Die Frage, die Sie sicherlich auch zur Genüge kennen: Wie sammelt man sich eigentlich wieder? Wie schöpft man Kräfte und woher? Wie geht es denn weiter? Manches Mal braucht es vielleicht nur einen kleinen Anlass, um zu Erkenntnissen zu gelangen, die wichtig sind. Na gut, vielleicht reicht für den Anfang auch nur eine Erkenntnis, fürs Erste.
Die Kinder jedenfalls sind happy: Marie schläft unten bei der Schwester, Alexander oben beim getrennten Papi. “Also, heute bucken mal die Frauen zusammen und die Männer,” befindet Alexander und findet das gut. “Da kannst Du mich alleine streicheln”, sagt er noch, ehe die Augen sich ziemlich schnell schließen und Little Big Man, eingerollt in vier Kissen und seinen Pauli, alsbald oberselig einschläft. Vorher murmelt er noch: “Heute haben wir das Bett ganz für uns alleine und viel Platz,” und legt sich ziemlich quer. Das kann ja lustig werden, wenn der getrennte Papi nachher ins Bett geht.
Sie fragen zu Recht: Was ist der Witz an der Geschichte heute? Genau weiss das der getrennte Papi auch nicht, kann doch nicht immer eine Antwort parat haben, Herr-Gott-Nochmal-Und-Zu-Genäht. Über das eine oder andere muss der getrennte Papi einfach schlafen, bald, mit seinem Sohn an der Seite. Und gleich noch rasch den Rest von “Grey’s Anatomy”, die einzige TV-Serie, die der getrennte Papi mag, geguckt. Weil Grey, Dr. Dreamy, Miranda und die all’ die Anderen so normal verstrahlt und verstrahlt normal sind. Und wahre Sätze sagen wie Miranda heute: “Ich muss das, was von mir übrig geblieben ist, wieder zusammenkleben.” Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
