Rituelle Fluchten
Veröffentlicht in Indie-Folk,Indie-Rock von Andreas Wrede am 30.06.2010 um 21:51 Uhr

Oder: Die Sicht auf den Stand der Dinge

Worum es diesmal geht: Ein Mantra, mehrere Rituale, Bett-Scharmützel, Bon Iver und Bibi Blocksberg/Bibi & Tina, kleine und grosse Fluchten bei kleinen und grossen Menschen und ein Postscriptum in Sachen schmales Bett und so.

Richtig, wir waren stehengeblieben bei der üblicherweise erste Frage meines Sohnes, wenn er morgens aufwacht: “Muss ich heute in den Kindergarten?” Und die üblicherweise erste Bemerkung meiner Tochter, wenn sie aufwacht: “Ich  brauche noch fünf Minuten im Bett.” Johnny fragt seine Frage mithin, wenn er sie am Wochenende stellt, obwohl er genauestens weiss, dass er nicht in den Kindergarten geht. Sozusagen eine umgekehrte self-fulfilling prophecy, oder so ähnlich jedenfalls. Alice bemerkt ihre Bemerkung an Wochenenden nicht, sie schaut einfach gemütlich in den Morgen. Sozusagen ihr catch-as-catch-can, oder so ungefähr jedenfalls. Und was erwidere ich?

“Ach, Ihr Süssen. Es geht doch nichts über Rituale.” Sozusagen mein in-der-Wiederholung-liegt-die Kraft-Mantra. Wie geht es dann morgens so weiter in den Tag? Meine Kinder sind ziemlich unkompliziert zu wecken (“Alicimaus, bitte aufwachen…”/”Johnnyponny, bitte auch…”), sie sind dann ziemlich schnell wach, allerdings ist rasch zu ahnen, wer welche Laune hat. Von wem sie das nun wieder haben, ich weiss es partout nicht. Die Tochter ist zumeist eher gleichmütig (es sei denn, sie ist abends zuvor zu spät eingeschlafen), der Sohn ist bisweilen eher grantig (es sei denn, er ist rechtzeitig eingeschlafen). Vom jeweiligen Gemütszustand hängt es denn ab, ob es zu kleinen Bett-Scharmützeln in Form intensiven geschwisterlichen Gedankenaustausches kommt. Oder eben nicht.

Oder-eben-nicht findet dann statt, wenn wir direkt etwas vorhaben, etwa unser Sonntags-Ritual. Der getrennte Papi spielt Squash, Alice und Johnny warten – mehr oder weniger geduldig – bis er sich ausgepowert hat; dann ab in die Badesachen und wir schwimmen; nach dem Duschen der Gang zum Brunch (Sie mutmaßen richtig: wir Drei essen – mehr oder weniger geduldig – jeder für sich eigentlich immer Dasselbe). Und wenn wir dann noch gutgelaunt woanders hinfahren, sagen die Beiden unisono: “Leg’ doch die CD rein mit den schönen Liedern!” Damit meinen sie eine Compilation, die mir ein Freund kürzlich gebrannt hat, “Scouting For Girls” kommen dabei bei den Zweien  immer wieder am besten an. Packe ich danach “For Emma Forever Ago” von “Bon Iver” in den CD-Player, wird das absolut toleriert. Etwas schwieriger wird’s dann beim “Two Door Cinema Club” oder dem “Cinematic Orchestra” (Zufall hier von wegen Cinema/Cinematic…).

Sie fragen nun verwundert? Warum müssen die Kinder des getrennten Papi dessen Musik hören? Erstens sollen, bitte schön, sie mit guter Musik aufwachsen und zweitens: keinen blassen Schimmer, wie viele “Bibi Blocksberg”- und “Bibi & Tina”-Hörspielen ich schon gelauscht habe in meinem Papi-Leben, es waren bestimmt verdammt viele. Wobei sich beim getrennten Papi durch wiederholtes Hören der diversen CD’s drei Favoriten deutlich herauskristallisiert haben: “Die falsche Freundin”/”Gefahr für Falkenstein”/”Mikosch kehrt zurück”. Das sind meine “Bibi & Tina”-Evergreens, bei längeren Autofahrten hören wir alle Drei in enthusiastischer Übereinstimmung eine dieser CD’s zwei- oder dreimal nacheinander. Darüber wird dann auf den Rücksitzen bei Fahrten in die Nacht sehr entspannt im Hier & Jetzt eingeschlafen. Gibt es eigentlich schon wissenschaftliche Abhandlungen über die unzweifelhaft untoxikologisch ungeheuer sedierende Wirkung von “Bibi & Tina” (und natürlich von “Bibi Blocksberg”, logo)?

Die übergeordnete Wahrheit ist freilich: ob kleiner oder grosser Mensch, ein jeder braucht ihre oder seine kleinen oder grossen rituellen Fluchten, um im kleinen oder grossen Alltag kleine oder grosse Klippen zu überwinden oder einfach nur, um sich kleine oder grosse Glückseligkeiten zu genehmigen. Letztere helfen ungemein, die Sicht auf den Stand der Dinge eher positiv zu überhöhen, das hilft im kleinen und grossen Alltag ausserordenlich. Ob Alice, Johnny oder dem getrennten Papi. “That’s that”, wie der Amerikaner so zu sagen pflegt. Ist es das für’s Diesemal? Noch nicht ganz ein Postscriptum sei mir – der sich über zahlreiche Kommentare sehr gefreut hat, sich sehr freut oder sehr freuen wird – erlaubt. Die vorübergehende Bettstatt an manchen Tagen für meine Kinder und mich – das in Folge Zwo beschriebene und besagte “schmale Bett” – ist natürlich, tatsächlich, selbstredend eine en-passant-Angelegenheit. Ich bin gleichwohl dankbar für den einen oder anderen Tipp, etwa wie Sicherheitsmaßnahmen, vor, während oder nach einem eventuellen Herausfallen zu treffen wären. So, und jetzt: entweder Gute Nacht oder Guten Morgen oder Guten Tag, je nachdem wann Sie gerade gelesen haben. Und apropos Herausfallen, darum könnte es, im übertragenen Sinne in Blog-Folge Vier gehen. Also alsbald mehr vom getrennten Papi…