Oder: Vom Spuren lesen, von Heldentaten und Jungs-Träumnen
Worum es heute geht: Gespräche unter Männern, die Phantasie eines Jungen, die Power Rangers und ihrer Tapferkeit, Erinnerungen an die eigene, geheimnisvolle Jugend und was man so spielte und sein wollte und schon tritt man eine Reise in die Vergangenheit an.
Der getrennte Papi hat kürzlich mit seinem Sohnemann Alexander ein spannendes Gespräch geführt. “Papi, findest Du die Power Rangers auch so cool wie ich?” Tja, irgendwo wo schon, schließlich retten sie am laufenden Band die Menschheit, also irgendwo auch uns, nicht wahr? “Und welche Farbe von den Kampfanzügen magst Du am liebsten? Pink, schwarz, gelb, grün, pink oder blau?” Nun denn, blau ist eine meiner Lieblingsfarben, so soll den der blaue Kampfanzug mein Favorit sein. “Aber pink mag ich auch sehr…”. “Papi, das ist jetzt aber doch eine Mädchen-Farbe!” Okay, in diesem speziellen Power Rangers-Falle: dann halt nur blau.
“Ich finde es toll, Papi, wie die Power Rangers als Teenager so dolle Abenteuer erleben. Gab’ es die auch schon als Du klein warst früher?” Nein, die unerschrockenen Power Rangers waren meinerzeit noch nicht unterwegs. “Wer waren denn Deine Helden?” Gute Frage, in den geheimnisvollen Helden-Jungs-Phantasien spielten eher sehr tapfere Indianer oder ebenso tapfere Trapper die wichtigste Rolle. Besonders in Urlauben, wenn der getrennte Papi wie immer sehr früh aufgestanden war, um sieben Uhr rum, weil es in den Hotels noch sehr ruhig war und eine geheimnisvolle Stille draußen im Grün schwante.
Da war der getrennte Papi als eher einsamer Trapper unterwegs, der immer wieder als Scout für gefährliche Erkundungen und Expeditionen durch die Weiten des unentdeckten nordamerikanischen Westen streifte. Die Verkleidung mit abgewetzter Lederhose und Lederhemd, Fransen dran, klar, Mokassins, die auch schon viel erlebt haben, einer Fellmütze mit Schweif dachte ich mir. Ebenfalls die lange Büchse, das war ein schmaler Holzstamm, der eigentlich kleine Bäume stützen sollte. Die Büchse wurde selbstverständlich nach mehrstündigen wildesten, manchmal romantischen Abenteuern – immerhin waren auch im Wilden Westen hübsche Mädchen unterwegs, die den Fängen von berüchtigten Gesetzlosen zu entreissen waren. “So viel anders hast Du als kleiner Junge ja gar nicht gespielt, Papi,” findet Alexander. “Ja, da hast Du verdammt Recht.” Und danke für die Reise in meine eigene Vergangenheit, lieber Sohn. Alsbald dann wieder mehr vom getrennten Papi…
Oder: Die Zeit vergeht manchmal gar nicht so schnell wie es sich anfühlt
Worum es heute geht: Eine unruhige Nacht vor Ostern, wieder mal die jüngere Vergangenheit, der Garten, die Kinder, mit der Mutter, mit dem Vater, eine anhängliche Zugfahrt zur Schwester und siebzehn Runden allein um ein einziges, kleines Leben.
Es sind ja oft diese Feiertage, an denen uns die Familie wieder sehr einholt, als sie sich noch spüren liess und Vieles, aber zum Schluss eben nicht Alles, geteilt wurde. Der getrennte Papi schlief in der Nacht vor Ostern weder gut noch ruhig noch in Vorfreude. Vereinbart war das Ostereiersuchen im ehemals gemeinsamen Garten vor dem ehemals gemeinsamen Haus, gemeinsam mit den Irgendwie-Noch-Schwiegereltern und den immer noch und auf ewig gemeinsamen Kindern. Das war der Wunsch von Alexander und Marie und sie haben sich natürlich besonders gefreut auf den Osterhasen – er glaubt noch an ihn und sie lässt ihn glauben, dass sie auch noch an ihn glaubt, wahre Geschwisterliebe.
Also, die Nacht ward unruhig, die Träume wirr, die Kopfkissen verwühlt, die morgendlichen Gedanken mulmig. Auch wenn die jüngste Vergangenheit der jüngeren Vergangenheit nach und nach hier und da schon überwunden und verwunden scheint, holt sie den getrennten, natürlich, wieder ein, ein ums andere Mal. Da steht er nun plötzlich, nach gefühlt sehr, sehr langer Zeit, im früher gemeinsamen Garten, die Kinder sind aufgeregt, es ist warm, die Ostereier und kleinen Geschenke wollen rasch gefunden werden ehe sie in unter der wunderbar warmen Sonne dahinschmelzen, wäre doch zu schade. Zum Glück bekommen die Kinder auf Ei und Geschenk die selbe Korbfüllung, um eventuellem Streit vorzubeugen, eine Weise Idee der Mutter, auch den Garten mit einer imaginären Trennlinie zu versehen, Marie und Alexander kommen sich nicht ins Such-Gehege.
Und so wird das Ostereiersuchen zu einer für die Kinder fröhlichen Angelegenheit, während die Erwachsenen sich freundlich begegnen, beteiligt und doch auch wieder nicht – wie es sich eben verhält bei derlei offiziösen Anlässen. Nach dem Osterfrühstück, es fällt kürzer als gewohnt aus, Abschiednehmen – in den Ferien begleitet Alexander die Mama, Marie und der getrennte Papi fahren zur Schwester. “Ich freu’ mich so, Papi, das machen wir uns richtig schön!” Auf der Zugfahrt wird praktisch nur die ganze Zeit über gekuschelt, in Vorfreude auf unbeschwerte Stunden und Tage und eine unbeschwerte Woche, so soll es sein, so kann es sein, so wird es sein. For heavens sake.
Und jeden Abend wird der getrennte Papi seine Runden drehen um einen kleinen Park, siebzehn sind es, eine halbe Stunde, die aber ganz schon lang werden kann. Denn in diesem Park hat der getrennte Papi vor einigen Jahrzehnten noch als Kind gespielt; bisweilen sehr gerne allein, der Scout oder der Trapper waren bevorzugte Sujets, für sich, in seiner eigenen Welt, weit weg von der anderen. Nun läuft er hier täglich seine Runden und es gehen ihm Erinnerungen an seine ferne Kindheit durch den Sinn, plötzlich ist sie freilich zum Anfassen wieder da: der Geruch der Dahlien, der Geruch des Sandkastens, der Geruch der Rutsche, der Geruch der Kinderhaut, der Geruch der Ledersandalen. Es war damals ein einziges, kleines Leben. Und irgendwie ist es auch Jahrzehnte später noch ein einziges, kleines Leben. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
