Oder: Vom Loslassen, immer wieder, immer weiter, immer wörtlicher
Worum es heute geht: Es ist wie es ist, Nachdenken über den Abstand, Gespräche am Telephon, irgendwo im Niemandsland, die Kinder sind da, auch wenn sie fort sind, donnernde Kirchenglocken und ein besonderes Lied, das von Blättern und Licht singt.
Gerade dachte ich darüber nach wie lange unsere Trennung wohl her sein mag und es sind fast auf den Tag sechzehn Monate, fast auf den Tag, merkwürdig. Eine kurze Zeit, eine lange Zeit, gar keine Zeit? Ich kann’s nicht beantworten, weil aus kleinen Ewigkeiten bisweilen große Gedankenschwärme werden, die sich verselbständigen wie eine emotionsgeladene Hydra, die alles überwuchert. Alle Empfindung, alles Gefühl, alle Verletzungen, alle Wut, alles Zaudern – bis wir uns selbst wieder beleben wie ein Ertrinkender, der auf hoher See von Bord gefallen ist. Den aber eine einzigartige, sanfte, waghalsige Welle immer wieder nach oben an die Wasseroberfläche geholt und schließlich an Land gespült hat.
Das Land ist eine einsame Insel, darauf dürfen nur die Kinder den getrennten Papi besuchen, denn es ist wie es ist und es wird nie wieder so werden wie es war und es kann nur sein wie es wird. Aber nach und nach muss der getrennte Papi aufs Festland und während er auf dem imaginären kleinen Kutter immer so hin wie her fährt, denkt er an das Loslasssen. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Familie war gestern, heute ist Patchwork (übrigens soziokulturell eine selten dämliche Beschönigung erster Güte), morgen wird ZurückindieZukunft sein. Alexander und Marie halten den getrennten Papi auf Kurs, sie bezaubern ihn, sie ermutigen ihn, sie fordern ihn, sie halten ihn und er hält sie ganz fest, liebieliebani, immer ganz fest und ganz warm und ganz weiter. Denn die Kinder sind nicht nur unsere Zukunft, sie sind unser Eines und Alles, sie sind unser Rüstzeug und wir sind die ihre..
Und diese Rüstung setzt sich aus unendlich vielen Facetten zusammen, die manchmal im Hellen schimmern wie eine gleißende Wasseroberfläche und die manchmal abwehrend sind wie eine Burg hoch oben auf dem Fels, nur der Adler kann dort landen und sein. So oder so: Marie und Alexander sind beim getrennten Papi und dessen stillem Nachdenken über den Abstand der vergangenen fast sechzehn Monate und sie und die Freunde helfen ihm beim Loslassen, es ist wie es ist. Und wenn es bloß die Telephongespräche sind unter der Woche, mal kürzer, mal länger, im Niemandsland zwischen Festland und Insel. Die Kinder leben – zu ihrem Glück – immer noch in der vertrauten Umgebung, die dem getrennten Papi längst keine Heimat mehr ist – ohne die Kinder eher eine Adresse aus einem andern Leben, das der getrennte Papi erst verlassen, dann hinter sich gelassen und nun Schritt für Schritt losgelassen hat.
Dabei scheint das Loslassen manchmal so verdammt leicht und manchmal so verdammt hart und manchmal so verdammt verdammt. Natürlich muss ich bei dem ganzen Loslassen die Kids um so fester halten, liebieliebani, und auch aus der Ferne, die Nähe immer wieder weben wie einen bunten, feinen, fröhlichen, beständigen Teppich aus einer anders wirkenden und anders zusammengesetzten Normalität. Die Kinder sind eben immer da für den getrennten Papi, auch wenn sie gar nicht da sind. Selbst wenn sie am Ende der Welt wären, so sind sie doch stets in der Welt seines Herzens, das für sie an Größe zunehmen muss. Denn je weiter sie manches Mal fort sind, desto lieber, näher, tiefer, muss ich ihren Herzen doch sein. Und dabei pochen unsere drei Herzen so laut wie die Glocken von St. Georg, die sicher und tönend und vertrauensvoll herüberdonnern über die Dächer hinweg und in den Himmel hinauf.
Vielleicht sind die Glocken ein schönes Bild fürs Loslassen? Feste hängen sie im Kirchturm, vielleicht schon seit Jahrhunderten, nichts kann sie erschüttern, aber wenn sie klingen, schicken sie das Geläut hinaus in die Welt und es freut uns und ermutigt uns und es beruhigt uns. Und wenn die Töne verklungen sind, können wir bis zum nächsten Geläut davon zehren, wenn wir ein wenig Glück haben. Oder eine Baumhütte unser eigen nennen, die auf dem Festland liegt und die der getrennte Papi, mal allein, mal mit den Kindern hinauf- und hinabklettert. Das bringt uns beim heutigen, fünfundfünfzigsten Schluss zu einem ganz wunderbaren Song, The Leavers Lift High, von dem Album my room in the trees der Innocence Mission:
Flying down lanes, bicycles red and blue/ and tunnels of tall trees, with you/ Together we are very small, riding across the great land/ On the Eastern Avenue, the morning is bigger/ taller than I knew/ The leaves lift high, the light gets trough.
Shoulder of the lake at Clement Farm / You’re in the crossing of my arms/ wherever you maybe, whatever day this is/ On the Eastern Avenue, on all streets/ I know, I know, I count on you/ The leaves lift high, the light gets trough.
All of the days I travel with you/ dearest to me, child/ dearest to me, child/ All the bells I ever knew/ ring out at the same time/ ring out at the same time together, together/ All of the bells I ever knew/ ring out at the same time/ We look up at the same time together.
On the Eastern Avenue, on all streets/ I know, I know, I look for you/ The leaves lift high, the lights gets trough.
Ja, das Licht scheint durch, Alexander und Marie und ich, wir sehen es zusammen, ob wir zusammen sind oder gerade mal nicht, liebiliebani, vielmals. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
Oder: Können sieben Monate eigentlich zu einer kleinen Ewigkeit werden?
Worum es heute geht: Andere Wohnung, andere Zeit, neue Wohnung, neues Lebensjahr, wo war ich jetzt, wo sind meine Kinder, wo soll es nicht hingehen, wo soll es hingehen, wo ist die verlorene Heimat des getrennten Papi geblieben und gibt es eine neue im dritten Leben?
Ende Juni vergangenen Jahres habe ich begonnen, den getrennten Papi an dieser Stelle zu schreiben; ich war schon seit zehn Monaten ein getrennter Papi, auf der Suche nach einem neuen, dritten Leben. Reichlich lange ein Single-Leben (eher bewegt) geführt, dann eine Liebes-Hochzeit (sehr romantisch) in New York und Hamburg gefeiert, schließlich das Ende einer Ehe (sehr unromantisch) nach fast auf den Tag genau zehn Jahren. Und es folgte der Blick in den schwärzestes Abgrund meines Lebens, der emotionale Fall aus der Familie, der so gar nicht aufhören wollte. Der getrennte Papi schlug sich durch ein verdammt zerrissenes Leben, er blieb noch ein halbes Jahr nach der Trennung “zuhause” wohnen, wegen der Kinder, ja, wegen der Kinder. Die eine oder andere Nacht auf dem Sofa fühlte sich allein, miserabel, zukunftslos an, sicher haben Marie und Alexander schon etwas geahnt, aber wir wollten “es” ihnen erst nach Weihnachten sagen, um ihnen dieses Fest nicht auf immer zu belasten mit dem Gedanken an eine zerbrochene Familie.
Als dann der Umzug in eine andere Wohnung bei Freunden, es war auch der Fall aus einer anderen, nun vergangenen Zeit der gemeinsamen Familie, deren Ende sich der getrennte Papi weder vorstellen wollte, geschweige denn konnte, vorher. Jetzt aber musste er das und der neue Unterschlupf half ihm, wieder langsam zu Sinnen und sich selbst findend, den schier unaufhaltsamen Sturz aus dem Familien-Leben abzufangen. Ehe er, unten angekommen, zerschellt wäre – vor vermeintlicher Sinnlosigkeit, vor tatsächlichem Selbstmitleid, vor umbenebelter Stimme, vor Verzweiflung am Leben. An einem alleinigen Abend an der Alster, Blicke auf das Wasser vor mir und auf Befindlichkeiten in mir gerichtet, entstand die Idee des Blogs Der getrennte Papi. Verbunden mit dem unschätzbaren Vorteil, dass ich in der ersten und der dritten Person schreiben konnte; dieser Umstand erleichtert die Öffnung (versuchen Sie es doch einmal selbst), immerhin geben der getrennte Papi und ich ziemlich Innerstes preis, was mithin zu der einen oder anderen bloggenden Reaktion führte, die zum Nach,- Um- oder Weiterdenken anregte. Manchmal auch zum Ärgern, but that’s part of the deal.
Mit dem getrennten Papi fing noch vor dessen Geburtstag ein neues Lebensjahr an, es fiel leichter, auch mit etwas mehr Abstand, im Blog zu reflektieren, nicht zuletzt mit Ihrer offenen Hilfe und kritischen Begleitung, liebe Leserinnen & Leser. Immer wieder natürlich musste ich die Fragen nach meinen Kindern stellen, ob sie nun bei mir waren (so-wie-so) oder ob sie nicht bei mir waren (um-so-mehr), plötzlich waren sie teilweise weg aus meinem beginnenden dritten Leben. Also, sie waren eben nicht jeden Tag da, in guten wie in weniger guten Zeiten, sie waren natürlich fest im Herzen, sie werden ständig gespürt vom getrennten Papi. Und klar war, wohin es nicht gehen darf: niemals sollen die Kinder unter der Trennung leiden – sie haben schon genug zu verarbeiten, sofern sie “es” überhaupt gänzlich verwinden können -wie denn auch, eine Familie kann etwas wahrhaft schönes, reiches, wundervolles sein. Ob’s mir nun im Kleinen und Großen und Kleinengroßenundganzen gelingt, Alexander und Marie auch im Getrennten ein guter Papi zu sein? Jedenfalls hoffe ich es, sie haben es so sehr verdient, sie sind die wahren Helden in einer von vielen getrennten Geschichten, die viel zu oft in Deutschland zu schreiben sind.
Die Frage ist nach dreiundfünfzig Folgen noch dieselbige wie nach der ersten (“Dumme Gefühle” hieß sie, übrigens): Wohin soll es gehen, nach dem Verlust der inneren wie äußeren Heimat, wohin soll es gehen, auf der Suche nach einem neuerlichen Sinn im Leben, wohin soll es gehen, wenn es um das Entdecken weiterer Kraftquellen zu tun ist, wohin soll es gehen, wenn die Entwicklung der Kinder teils nur von Ferne zu beobachten ist, wohin soll es gehen, wenn der getrennte Papi mitten im Prozess einer gefühlten Neudefinition ist? Es geht in eine neue Heimat und die Kinder sind immer dabei, der Weg dorthin ist weder vorgezeichnet noch vorhersehbar, geschweige denn zu verfassen. Stimmt schon, der Weg ist das Ziel, aber manchmal kommt das Ziel vom Weg ab, nach sieben Monaten, die zu einer kleinen Ewigkeit wurden. Wie auch immer: Ich nehme meine Kinder Marie und Alexander an die Hand – und sie nehmen meine Hände in die ihren und ich weiß, wir sind nicht und niemals und durch niemanden zu trennen. Alexander und Marie verkörpern die Hoffnungen, die unvergänglich sind. Dazu alsbald mehr vom getrennten Papi…
