Journalismus, der dankbar macht

Veröffentlicht in Geheimdienste,Guantanamo,investigativ-intern von Nina Plonka am 05.05.2012 um 16:50 Uhr

"Die Reportage redet uns nicht ins Gewissen, sondern erinnert uns daran, dass wir eins haben", sagt der Publizist Klaus Harpprecht am vergangenen Donnerstagabend im Rathaus zu Fellbach. Der Wortkünstler, der einst Willy Brandt die Reden schrieb, war mit seinen 85 Lenzen "aus der Frühlingssonne des Midi" ins Schwäbische gekommen. Um zu reden, über Journalismus. "Journalismus, das ist eine Chance, viele Leben zu leben", sagt er. "Journalist, das ist der schönste und der schrecklichste Beruf. Ein Beruf, der dankbar macht." Dann zog Harpprecht gegen die Tücken der Branche zu Felde, gegen "die unverantwortliche Ausdünnung der Redaktionen", "brutal gekürzte Honorare" und die "sperrangelweit" klaffende Einkommensschere.

Anlass für den Auftritt dieses großen Mannes war die Verleihung des Hansel-Mieth-Preises 2012. Die Agentur Zeitenspiegel verleiht diese angesehene Auszeichnung für engagierten Print-Journalismus. Der Preis ist benannt nach der Tochter einer Tagelöhner-Familie aus dem Remstal, die sich als Fotografin des Magazins "Life" in den USA mit Sozialreportagen Erfolg erschuftete. Schön, dass die Jury in diesem Jahre nach 1998 erstmals wieder einen Beitrag für Text und Bild auszeichnete, der im STERN erschienen ist: "Guantánamo" (stern Nr. 3/2012).

Darin haben die Londoner stern- Korrespondentin Cornelia Fuchs und ich in Zusammenarbeit mit dem phantastischen Schweizer Fotografenteam Mathias Braschler und Monika Fischer weltweit Ex-Insassen des amerikanischen Militärlagers für ausländische Terrorverdächtige portraitiert. Männer, die sich an einem zweiten Leben versuchen, nachdem ihr erstes in Misshandlung, Demütigung, Rechtlosigkeit geendet hatte.

Die Arbeit an diesem Thema zog sich anderthalb Jahre hin. Es ging vor allem darum, Vertrauen zu gewinnen. Vertrauen von Menschen, die entweder nie mit Medien geredet hatten oder die ihr Schicksal in Büchern beschrieben und so oft erzählt hatten, dass sie es längst leid waren. Die Männer wussten, dass sie aufwendig fotografiert werden und durchaus hart befragt werden würden. Die amerikanischen Vorwürfe gegen sie fanden sich vor allem in Militärdokumenten aus Guantánamo.

Wir haben weltweit 17 Guantánamo-Entlassene porträtiert und etliche weitere getroffen. Darunter waren Männer wie die chinesischen Uighuren in Albanien, die in Drittstaaten leben und ihre Heimat nie wieder sehen werden. Die Arbeit führte das stern-Team in Länder wie Ägypten, Australien, Afghanistan, England, Spanien, Katar und Tschad.

Zehn Jahre Guantánamo

Guantánamo hat mein eigenes Berufsleben beim stern über Jahre mitgeprägt. Der Bau des Lagers im Januar 2002 war eine Reaktion des Pentagon auf die grauenhaften Massenmorde in Manhattan und Washington am 11.September 2001. Mit dem amerikanischen stern-Fotografen Perry Kretz und einer von ihm beschafften Anstecknadel vom New York Police Department bekam ich Tage nach den Anschlägen Zugang zum abgesperrten Ground Zero. Und konnte vor Ort die Aufräumarbeiten zwischen qualmenden Trümmern erleben, die tranceartige Stille in den Suppenküchen, den Schrecken, die Wut - Amerika war ganz tief getroffen.

Mit Perry Kretz bekam ich dann in Kabul und Kandahar - embedded bei Einheiten der US Marines - einen ebenso hautnahen  Eindruck davon, wie dieses Amerika in Afghanistan zurück schlug. Gegen al Qaida, gegen die Taliban und gegen alle, die man dafür hielt und die vermeintlich mit ihnen zu tun hatten. Kretz war dann Anfang 2002 als erster stern-Reporter im "Camp X-Ray" auf Guantánamo, wo Militärmaschinen mit Gefangenen aus Afghanistan landeten. Aus einiger Distanz sah er, wie dubiose Gestalten mit geschwärzten Brillen und kahlrasierten Köpfen in Ketten aus den Ladeluken stolperten und in Stacheldraht-Käfige geworfen wurden. Aus jener Anfangszeit stammen die Symbolbilder für Guantánamo mit Internierten in orangen Overalls, die unter Aufsicht von GIs auf dem Schotter knien.

Das Lager stand sofort in der Kritik, weltweit. Amerika sprach den ausländischen Insassen dort den Status als Kriegsgefangene ab, die Genfer Konventionen sollten nicht gelten im "war on terror". Die Häftlinge waren keine POWs sondern "detainees". Später befragte ich im Pentagon Militärjuristen zu diesem Begriff, zum System Guantánamo und zu Plänen für militärische Sondertribunale dort. Sie hatten sich auf jede Detailfrage eine Antwort zurecht gezimmert. Doch das Gesamtbild war schief.

In Amerika riskierte damals nicht eine große Anwaltskanzlei, sich mit diesen Fachleuten aus der Denkschmiede Donald Rumsfelds anzulegen und Guantánmo-Gefangene zu vertreten - bis auf die Kanzlei von Thomas Wilner aus Washigton D.C. "Auch wir fürchten um unsere Klientel", sagte mir der renommierte Jurist. Dennoch wagte er den Anfang, nachdem ihn millionenschwere kuwaitische Familien wegen ihrer Söhne in Guantánamo kontaktiert hatten. Andere Insassen ohne pekuniären Hintergrund landeten bei Anwälten wie Clive Stafford-Smith, der gewöhnlich in den Staaten des amerikanischen Südens Todeskandidaten vertrat, ohnehin auf der Shitlist der Bush-Regierung stand und mir in New Orleans "jeden Respekt für Wilners Mut" bekundete.

Im Namen der Freiheit

2003 war ich dann im Gefangenenlager Guantánamo. Und erlebte zusammen mit einer Handvoll westlicher Journalisten eine PR-Inszenierung des US-Militärs, wie ich sie nur aus lupenreinen Diktaturen kannte. Steril gesäuberte, leere Zellen mit Koranausgaben und einem Pfeil Richtung Mekka auf dem Betonboden; ein perfekt ausgestattetes, leeres Hospital; eine leere Küche, die kalorienreiche, leckere Menüs kochen würde; neue, leere Gerichtsgebäude für die geplanten Militärtribunale. In einem Innenhof standen ein Dutzend bärtige Gefangene in schneeweißer Kleidung - Blicke erlaubt, Gespräche strikt verboten. Es gab zahllose Interviews mit Offizieren und vielen Worthülsen sowie ein Interview mit einem Wärter. Der Soldat war 19. Ihm schlotterten die Knie. Wir waren umringt von Offizieren aus dem Pressestab, die alles auf Band aufnahmen. "Honour bound to defend freedom", lautete das Motto in Guantánamo, im Namen der Freiheit.

Die andere Seite, die der Insassen, der Suizide, der Verrücktgewordenen, der mit Vernehmern kooperierenden Ärzte recherchierte ich soweit möglich bei Gesprächen mit ersten Entlassenen in Kabul und am Fuße des K2 in Nordwest-Pakistan. Dort packte ein rund 70 Jahre alter Greis namens Mohammed Saghir alle seine in Guantánamo erworbene Wut in das Interview. Weitere Gespräche mit Soldaten, die in Guantánamo stationiert gewesen waren und mit Familien von Guantánamo-Insassen in London, Birmingham und Kuwait-City ließen das unbedingte Gegenteil dessen vermuten, was das US-Militär uns Journalisten weismachen wollte. Die Geschichte im stern erschien damals unter der Überschrift "Im Namen der Freiheit" (stern Nr.51/2003).

Der Fall Murat Kurnaz

Im Herbst 2006 gab Murat Kurnaz dem stern-Auslandschef Peter Meroth und mir sein erstes Interview über seine Zeit als Gefangener des US-Militärs in Guantánmo und Kandahar ("Meine vier Jahre in Guantánamo", stern Nr.41/2006).

Kurnaz´ Familie in Bremen kannte ich mittlerweile ziemlich gut, insbesondere seine Mutter Rabiye. Ihr Murat war als Sohn dieser integrierten Gastarbeiterfamilie in Bremen geboren und aufgewachsen, hatte sich als Teenager in der Discoszene einen Namen gemacht, war dann auf einen religiösen Lebenswandel umgeschwenkt und von falschen Freunden radikalisiert worden. Der 19-Jährige stand auf der Kippe, als er nach 9/11 nach Pakistan reiste - allein, ein radikaler Kumpel war am Frankfurter Flughafen an der Ausreise gehindert worden. Ohne Kontakte vor Ort stümperte Kurnaz eine Weile durch Pakistan, bis ihn  Soldaten festnahmen und als Terrorverdächtigen an das US-Militär verkauften. Bis dato hatte er nie einen Fuß auf afghanischen Boden gesetzt.

Wie harmlos er war, erkannten die Amerikaner in Guantánamo ziemlich bald. Auch Vertreter des BND und vom deutschen Verfassungsschutz, die Kurnaz befragten, kamen zum selben Schluss: jung, naiv, zur falschen Zeit am falschen Ort.

Als die USA den türkischen Staatsbürger Ende 2002 freilasssen wollten, lehnte die Bundesregierung seine Aufnahme ab.

Der Bremer schmorte weitere Jahre auf Kuba, bis August 2006. Über die Rolle von Frank-Walter Steinmeier (SPD) dabei als Kanzleramtschef und die stille Kopperation deutscher Sicherheitsbehörden mit US-Stellen im Kampf gegen Terrorismus haben wir im stern 2006 und 2007 ausführlich berichtet, als dies Themen im BND-Untersuchungsausschuss des Bundestags waren.

Über die Jahre ist allmählich klar geworden, was Guantánamo ist. Dort wurde gefoltert, physisch, vor allem aber psychisch. Guantánamo diente dazu, Terroristen zu brechen, um am Informationen zu kommen, Terroristen und die vielen Fußsoldaten, Mitläufer oder vollends Unbeteiligten, die fälschlicherweise für Terroristen gehalten wurden. Juristisch ist Guantánamo ein schwarzes Loch. In seiner Wirkung ist es zum Schandmal für die Weltmacht Amerika geworden. Mittlerweile hocken dort auch die wahren Täter von 9/11, Terroristen vom Schlage eines Khalid Scheich Mohammed und Ramzi Binalshib, die man aus den CIA-Geheimgefängnissen, den "black sites", nach Kuba verlegt hat. In diesen Tagen beginnen ihre Verfahren in Guantánamo. Mit seinem Versprechen, das Gefangenenlager dort binnen eines Jahres zu schließen, ist Präsident Obama kläglich gescheitert.

Unsere Möglichkeiten, beim Thema Guantánamo am Ball zu bleiben - ja, Journalismus, der dankbar macht. Und die Auszeichnung mit dem Hansel-Mieth-Preis an diesem schönen Abend neulich in Fellbach ist wohl auch als Aufforderung zu verstehen.

von: Uli Rauss

1 Kommentar für 'Journalismus, der dankbar macht'

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  1. Aber Hallo meinte am 06.05.2012 um 10:14

    Leute in der Redaktion.

    Habt ihr es noch immer noch nicht mitbekommen. Stern und Investigative journalismus ist keine Ehe die lange haelt.

    Investor

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